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China:Han, Uiguren und andere Chinesen

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Unter den Augen Maos: Ein Mann und zwei Frauen in Kashgar, einer Stadt in der Autonomen Region Xinjiang.

(Foto: Ng Han Guan/AP)

In China leben Menschen aus 56 verschiedenen Ethnien - nicht alle haben die gleichen Rechte. Ein Überblick.

China ist ein Vielvölkerstaat mit 56 offiziell anerkannten Ethnien. Die mit Abstand größte Gruppierung sind die sogenannten Han-Chinesen mit mehr als 1,2 Milliarden Menschen, also weit über 90 Prozent der Bevölkerung. Der Begriff bezieht sich auf die Han-Dynastie, die China einst regierte. Die anderen Ethnien sind meist winzig: Bei der letzten Volkszählung 2010 wurden zum Beispiel 3562 Tataren registriert, etwa 10 000 Usbeken leben demnach in der Volksrepublik.

Eine der größten nationalen Minderheiten sind die etwa zehn Millionen Uiguren, die tief im Nordwesten Chinas beheimatet sind. Die Region Xinjiang grenzt an Indien, Pakistan, Afghanistan, Tadschikistan, Kirgisistan, Kasachstan, Russland und die Mongolei. Die Uiguren sind mehrheitlich Muslime und werden als Turkvolk bezeichnet, da ihre Sprache mit dem Türkischen verwandt ist.

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Übersetzt heißt die Heimat der Uiguren, Xinjiang, "neue Grenze". Dabei ist die Kultur der Uiguren jahrhundertealt. Die Seidenstraße führte einst durch die Region. Städte wie Kashgar oder Hotan waren Oasen für die Karawanen, die sich von Xi'an in Zentralchina auf den beschwerlichen Weg nach Europa machten. Im Land der Uiguren mussten sie an der Taklamakan vorbei, einer der größten Wüsten der Erde. Heute durchziehen Fernstraßen und Schnellzugtrassen diese lebensfeindliche Gegend. Und unter dem Sand ruhen die größten Öl- und Gasvorkommen der Volksrepublik. Xinjiang ist die rohstoffreichste Region Chinas. Auch das chinesische Atomtestgelände befindet sich hier.

Manche Uiguren sprechen lieber von "Ostturkestan". Wer Türkisch spricht, kann sich mit einem Uiguren einigermaßen verständigen - zumindest mündlich, geschrieben wird Uigurisch mit dem arabischen Alphabet. Überall in Xinjiang sind die Straßenschilder zweisprachig gehalten, arabisches Alphabet und chinesische Schriftzeichen.

Die uigurische Flagge ist in China verboten

Räumlich, aber auch kulturell sind Almaty oder Kabul jedoch deutlich näher als Peking oder Shanghai. Das merkt man auch bei der Uhrzeit. Offiziell hat die Volksrepublik nur eine einzige Zeitzone. Wer sich in Xinjiang mit jemandem verabredet, muss sich vorher erkundigen, ob die Pekinger Zeit gemeint ist oder die inoffiziell verwendete, die davon zwei Stunden abweicht. Auch eine eigene Flagge haben die Uiguren. Himmelblauer Grund, darauf ein Halbmond mit Stern, wie bei der türkischen Fahne. In China ist sie verboten - ein Symbol des Separatismus.

Dabei ist Xinjiang, wie auch Tibet oder die Innere Mongolei, seit 1955 eine sogenannte Autonome Region, keine Provinz. Auf dem Papier verwalten in diesen Gebieten die jeweiligen nationalen Minderheiten selbständig ihre inneren Angelegenheiten: Kultur, Wirtschaft, Steuern oder die Entscheidung, welche Sprache gesprochen wird. In Wahrheit ist das bloß ein Feigenblatt. Die Macht hat die Kommunistische Partei - und deren Parteisekretär in der Region ist ein Han-Chinese. Egal wo man in Xinjiang auch hinschaut, Han-Chinesen haben das Sagen. Erst auf Stellvertreterebene finden sich Uiguren, die allerdings treu der KP ergeben sind und nebenbei erklären, dass man sich auch als Muslim nicht immer "halal" ernähren müsse.

Kurz nachdem die Volksrepublik 1949 gegründet wurde, waren lediglich sechs Prozent der der Einwohner Xinjiangs Han-Chinesen. Das ist längst anders. Durch den Zuzug vieler Han-Chinesen in den vergangenen Jahrzehnten sind nur noch weniger als die Hälfte der Einwohner Xinjiangs Uiguren. Und viele von ihnen fühlen sich als Chinesen zweiter Klasse. Im unerbittlichen Wettstreit um Geld und Arbeitsplätze haben sie oft das Nachsehen. Viele Uiguren sprechen nur schlecht Chinesisch. Und selbst wenn sie die Sprache können, stellt sie kaum jemand im Rest des Landes ein. Inzwischen müssen die Uiguren fürchten, in einem Umerziehungslager zu landen.

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