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Bürgerschaftswahl in Hamburg:Sie wollen an die Macht

Von den gigantischen Beliebtheitswerten eines Olaf Scholz kann die SPD außerhalb Hamburgs nur träumen. Das macht den Wahlkampf für die anderen Parteien schwierig. Scholz und seine Herausforderer im Überblick.

Von Hannah Beitzer, Hamburg

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Olaf Scholz, 56 Jahre, SPD, Erster Bürgermeister

Olaf Scholz

Quelle: dpa

Olaf Scholz und seine SPD regieren Hamburg seit 2011 mit absoluter Mehrheit. Der gebürtige Osnabrücker bringt einiges an Erfahrung mit, war von 2007 bis 2009 Bundesarbeitsminister in der ersten großen Koalition unter Angel Merkel. Seit 2009 ist er Chef der Hamburger SPD, ein Amt, das er schon von 2000 bis 2004 innehatte. Scholz regiert im präsidialen Stil à la Merkel, lässt politischen Streit gar nicht erst aufkommen. Die Wirtschaft hat Scholz auf seiner Seite, die Arbeitslosigkeit ist niedrig, die Stadt reich. Die SPD hat viel Geld in Kinderbetreuung investiert, Halbtages-Kita-Plätze sind in Hamburg kostenlos - wenngleich Erzieher und Erzieherinnen die Zustände in den Kitas beklagen. Auch den Wohnungsbau hat die SPD angekurbelt. Hohe Mieten und Wohnungspreise bleiben in Hamburg allerdings ein Problem.

Scholz sei klug, ein guter Verwalter, pragmatisch, aber wenig charismatisch oder gar emotional, lautet das allgemeine Urteil. In der Hansestadt kann einem Schlimmeres passieren. Bis zu 70 Prozent der Hamburger beurteilen seine Arbeit Umfragen zufolge positiv, die SPD liegt in jüngsten Umfragen bei bis zu 47 Prozent. Zum einzigen einigermaßen kontroversen Wahlkampfthema wächst sich gerade der Verkehr aus: Der Senat plant eine Busbeschleunigung samt Umbauten in der Stadt, eine Bürgerinitiative läuft Sturm, die Opposition ist dagegen. Seine absolute Mehrheit wird Scholz wahrscheinlich trotz seiner enormen Beliebtheit nicht halten können - was auch daran liegt, dass sowohl der FDP als auch der AfD der Einzug in die Bürgerschaft gelingen könnte. Scholz will, so hat er angekündigt, zuerst mit den Grünen über eine Koalition verhandeln.

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Dietrich Wersich, 50 Jahre, CDU

CDU-Spitzenkandidat Dietrich Wersich

Quelle: dpa

Der 1964 in Hamburg geborene Wersich ist seit 2011 Fraktionschef der Hamburger CDU. Zuvor war er unter Ole von Beust Senator für Gesundheit und Soziales der Hansestadt. Seine Vita ist durchaus interessant: Wersich ist eigentlich Mediziner, arbeitete aber auch als Theatermanager. Trotzdem tut er sich schwer, gegen den allgegenwärtigen Olaf Scholz anzukommen. Einer Umfrage des NDR zufolge wünschen sich im direkten Vergleich nur 13 Prozent der Hamburger Wersich als Erster Bürgermeister, was auch daran liegen kann, dass ihn bisher kaum einer kannte.

Um seine Bekanntheit zu steigern, fuhr die CDU im Wahlkampf mit einem schwarzen Doppeldeckerbus durch Hamburg, den ein Bild Wersichs ziert. Die Partei verteilte Kaffee, Glühwein und Plätzchen. Zuletzt lag die CDU mit 17 Prozent der Stimmen weit hinter der SPD. Wersichs Partei konzentriert sich auf ein altbewährtes Thema: steigende Kriminalität und innere Sicherheit - womöglich auch, um das Feld nicht der AfD zu überlassen, die ihr am rechten Rand Stimmen abgräbt. Wersichs CDU wünscht sich zum Beispiel mehr Kameras an den Brennpunkten, beklagt verwahrloste Plätze und Parks, verspricht zusätzliche Polizisten. Außerdem will sie statt der von der SPD angestrebten Busbeschleunigung eine Stadtbahn.

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Katharina Fegebank, 37 Jahre, Die Grünen

Aktuelle Stunde in Hamburger Bürgerschaft

Quelle: dpa

Katharina Fegebank, 37 Jahre alt, ist seit 2008 Chefin der Hamburger Grünen, die bis 2012 "Grüne Alternative Liste" (GAL) hießen. Die Kunst für sie und ihre Partei liegt darin, sich klar genug von der SPD abzugrenzen, um für die Wähler interessant zu sein. Und gleichzeitig den potenziellen Koalitionspartner nicht zu verschrecken. Die Grünen liegen in Umfragen bei elf bis 14 Prozent, sie haben gute Chancen auf eine Regierungsbeteiligung.

Ein Problem könnte sein, dass die Grünen bei der Wirtschaft nicht wohlgelitten sind. So sind sie zum Beispiel gegen die geplante Elbvertiefung. "Viele Entscheidungen werden noch immer irgendwo zwischen Rathaus und Handelskammer ausgehandelt", kritisiert die Partei den wirtschaftsnahen Kurs der SPD. Die Grünen setzen im Wahlkampf außerdem - wie auch CDU und FDP - auf das Thema Verkehr. Sie sind gegen die Busbeschleunigung, für eine Stadtbahn.

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Katja Suding, 39 Jahre, FDP

FDP startet in Bürgerschaftswahlkampf

Quelle: dpa

Katja Suding muss nicht nur ihren Landesverband, sondern ein bisschen auch die ganze FDP retten. Der gelang seit dem blamablen Wahlergebnis zur Bundestagswahl 2013 kein wirklicher Erfolg mehr, sie flog aus allen Länderparlamenten, die zur Wahl standen. In Hamburg setzte sie deswegen auf Provokation: "Unser Mann für Hamburg", stand im Dezember auf einem Plakat mit Sudings Konterfei. Das brachte Aufmerksamkeit. Ebenso ein kleines Skandälchen um einen Beitrag der Tagesschau, in dem die Kamera etwas zu genüsslich Sudings durchsichtig bestrumpfte Beine hinauffuhr. Die Tagesschau entschuldigte sich, Suding gab sich gnädig - und war immerhin im Gespräch.

Mit einigem Erfolg. In jüngsten Umfragen kletterte ihre Partei von zwei auf vier bis sieben Prozent, der Einzug ist also sehr warscheinlich. Vor einigen Wochen hätte das wohl noch keiner gedacht. Suding hat einen hässlichen internen Machtkampf hinter sich, ihre Widersacherin Sylvia Canel, damals Landesvorsitzende der FDP, trat schließlich aus der Partei aus und gründete gemeinsam mit anderen Enttäuschten eine eigene: die Neuen Liberalen. Bisher sieht es allerdings nicht so aus, als würde sie der FDP schaden. Suding gelang es übrigens schon einmal, ihre Partei aus einem Tief zu holen. 2011 führte sie die FDP nach sieben Jahren außerparlamentarischer Opposition zurück in die Bürgerschaft.

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Dora Heyenn, 65 Jahre, Die Linke

Vorstellung der Wahlkampagne der Hamburger Linken

Quelle: dpa

Die Linkspartei um Spitzenkandidatin Dora Heyenn wirft der SPD eine unsoziale Politik vor. Die Linke ist außerdem gegen eine Olympiabewerbung Hamburgs - das könne nach der Elbphilharmonie das nächste "Milliardengrab" werden. Damit kommt die Partei in Umfragen auf bis zu neun Prozent, was eine Steigerung zur vergangenen Wahl wäre. Heyenn hat jedoch immer wieder mit innerparteilichen Querelen zu kämpfen. "Wir können uns im Wahlkampf nur selbst schlagen", kommentierte sie die Grabenkämpfe der Linken. Sie wurde mit gerade einmal 55 Prozent der Stimmen zur Spitzenkandidatin gewählt.

Heyenn war bis 1999 Mitglied der SPD, verließ die Partei aber wegen der Politik Gerhard Schröders. Entsprechend ist sie auch auf Olaf Scholz, der unter Schröder immerhin Minister war, nicht gut zu sprechen. 2005 trat sie der WASG bei, die kurze Zeit später mit der PDS zur Linkspartei verschmolz. Heyenn wird daher mit ihrer Fraktion weiterhin in der Opposition bleiben, so viel ist klar.

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Jörn Kruse, 66 Jahre, Alternative für Deutschland

Wahlkampfauftakt der AfD in Hamburg

Quelle: dpa

In Hamburg will die Alternative für Deutschland zum ersten Mal in ein westdeutsches Länderparlament einziehen. Ihr Spitzenkandidat, Jörn Kruse, war bis 2013 Professor für Wirtschaftspolitik an der Bundeswehr-Uni in Hamburg (Helmut-Schmidt-Universität). Seit April 2013 ist er Landesvorsitzender der Hamburger AfD. Im Wahlkampf konzentriert sich die Partei auf die Themen innere Sicherheit und Zuwanderung. Kruse bezeichnete zum Beispiel Frauen mit Burka als "schwarze Monster".

Auf Listenplatz drei der AfD findet sich außerdem ein Kandidat, der den Hamburgern in zweifelhafter Erinnerung geblieben ist: Dirk Nockemann. Er gehörte einst zur Partei Rechtsstaatlicher Offensive von Ronald Schill, genannt "Richter Gnadenlos". Nockemann folgte Schill als Innensenator, nachdem dieser nach diversen Affären zurücktreten musste. Dass er wie viele andere ehemalige Schill-Parteigänger nun in der AfD ein neues politisches Zuhause gefunden hat, hat innerhalb der Partei für viel Kritik gesorgt, doch Kruse stand zu den umstrittenen Mitgliedern. In Umfragen liegt die AfD bei fünf bis sechs Prozent. Ihre Wahlkampfauftritte werden regelmäßig von Anhängern der linken Szene gestört.

Anmerkung: Die Grafik konzentriert sich auf Spitzenkandidaten und -kandidatinnen der Parteien, die in Umfragen ausgewiesen werden.

© Süddeutsche.de/mane
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