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Britische IS-Geisel ermordet:Warum Cameron zögert, in den Krieg zu ziehen

Die Enthauptung des Entwicklungshelfers David Haines wühlt die Briten auf. Doch ihr Premier zögert, US-Präsident Obama in den Krieg zu folgen. Wer war Haines? Warum lässt Cameron seinen harten Worten keine Taten folgen und welche Rolle spielt Schottland?

Die Wortwahl David Camerons ist hart, drohend. Einen Akt des "puren Bösen" nennt der britische Premier die Enthauptung seinen Landsmannes, des Entwicklungshelfers David Haines, durch die Dschihadistenmiliz, die sich als "Islamischer Staat" (IS) bezeichnet. Die Täter seien keine Muslime, "sie sind Monster", sagte Cameron bei der kurzfristig angesetzten Live-Ansprache in der Londoner Downing Street. "Wir werden die Verantwortlichen ergreifen und vor Gericht stellen, egal wie lange es dauert."

Der grausame Mord setzt Cameron unter Druck. In der vergangenen Woche erst hat US-Präsident Barack Obama Luftschläge gegen den IS auch in Syrien befohlen. Die USA führen einen neuen Krieg, auch weil Obama Stärke zeigen muss. Lange hatte sich die Öffentlichkeit in den USA nicht für das brutale Treiben des IS im Irak und Syrien interessiert. Erst die Enthauptung der beiden US-Journalisten James Foley und Steven Sotloff hat das geändert. Es waren auch Vorwürfe, er zeige sich gegenüber Terroristen zu nachsichtig, die Obama zum Handeln gezwungen haben. Wie wird nun die britische Regierung dem IS entgegentreten?

David Haines - ein "britischer Held"

Cameron würdigte David Haines als "britischen Helden". 15 Jahre lang war er als Entwicklungshelfer im Einsatz, bevor er 2013 in Syrien verschleppt und getötet wurde. Er wurde nur 44 Jahre alt.

Britain's Prime Minister David Cameron makes a statement to the media following the killing of aid worker David Haines

"Ein Akt des puren Bösen": Der britische Premier David Cameron über die Ermordung David Haines durch die IS-Terroristen

(Foto: REUTERS)

"Ein großer Mann mit einem großen Herzen", so beschreiben ihn Freunde in der Tageszeitung Guardian. Haines, der aus dem Nordosten Englands stammt, war in Krisenregionen unterwegs, um zu helfen. Auf dem Balkan, im Sudan, in Libyen und zuletzt in Syrien versorgte er Notleidende mit Wasser und Essen, er sorgte dafür, dass sie ein Dach über dem Kopf hatten. "Verrückter Schotte", so nannten die Freunde ihn wegen seines unermüdlichen humanitären Engagements. "David half jedem, der Hilfe brauchte, unabhängig von Rasse, Glaube oder Religion", erzählt sein Bruder Mike.

Haines, ausgebildeter Flugzeugingenieur und ehemaliger Soldat der britischen Luftwaffe, arbeitete seit 1999 für die internationale Hilfsorganisation Acted, für die er im März vergangenen Jahres nach Syrien reiste. Kurz nach seiner Ankunft wurde er zusammen mit einem italienischen Kollegen verschleppt. Dieser kam im Mai 2014 frei, während Haines in der Gewalt der Extremisten blieb. Ein Einsatz zu seiner Befreiung scheiterte nach Angaben der britischen Regierung. Seine Familie appellierte noch am Freitag an die Geiselnehmer, sich bei ihnen zu melden. Einen Tag später stellte der IS dann das Video ins Netz, in dem die Enthauptung zu sehen ist. Haines hinterlässt zwei Töchter, 17 und vier Jahre alt.

So sind die Reaktionen in Großbritannien

Anders als in den USA spielte das Thema IS in Großbritannien schon länger eine wichtige Rolle in der Öffentlichkeit. Nach der Enthauptung Haines' ist das Entsetzen noch einmal gewachsen.

Über den Kurznachrichtendienst Twitter drückten viele Politiker und Prominente ihre Abscheu über den Mord aus. Premier Cameron selbst, Oppositionsführer Ed Miliband, der britische Theologe und Erzbischof von Canterbury Justin Welby oder die Journalisten Piers Morgan und Kevin Maguire.

Anders als in den USA sind allerdings die Reaktionen in den Medien besonnen. Das liegt auch daran, dass die Regierung bereits vor seiner Ermordung die Medien aufgefordert hatte, möglichst nicht über die Entführung von Haines zu berichten. Jede Berichterstattung würde nur der Propaganda der Terroristen dienen, so das Argument. Auch jetzt, nach der Enthauptung: kein Kriegsgeheul, keine Forderungen nach Rache. Der Guardian fordert beispielsweise eine zurückhaltende Reaktion. Allerdings wird auch die Frage gestellt, ob es die richtige Option war, so wenig zu berichten, ob mehr Öffentlichkeit nicht vielleicht sogar eine Möglichkeit gewesen wäre, Haines zu retten.

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