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Landtagswahl in Brandenburg:"Es tut halt weh"

In Cottbus wird die AfD mit 26 Prozent der Stimmen stärkste Kraft. Für ihre Gegner ist der Umgang mit ihren Wählern alltäglicher, persönlicher als anderswo. Aus dem Weg gehen ist keine Option.

"Richtung Westen geht das Sehnen, dorthin wo man Freiheit kennt / Nichts verbindet uns mit denen, deren Macht das Leben hemmt": So sangen es die Gefangenen im Zuchthaus Cottbus, sie sangen es, solange die DDR bestand. Heute, 30 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer, ist es in Cottbus mit dem Sehnen und der Freiheit und dem Westen komplizierter, als sich das viele kurz nach der Wiedervereinigung vorgestellt haben.

Willkommen in Cottbus, Herz der Lausitz, Arbeiterstadt mit breiten Straßen, an deren Rändern viele Geschäfte leer stehen. Zum dritten Mal in Folge hat die AfD hier eine Wahl gewonnen: Bei der Landtagswahl in Brandenburg holte sie 26 Prozent der Stimmen und beide Direktmandate. Im Stadtparlament stellt sie schon seit Mai die stärkste Fraktion. Sie kann sich auf ein gut organisiertes und lange etabliertes rechtes Netzwerk stützen, aber auch vom Frust der Nachwendejahre zehren. Das Freiheitsversprechen, das die DDR-Gefangenen mit dem Westen verbanden, sehen die AfD und ihre Wähler nicht erfüllt.

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Ihre Präsenz macht auch etwas mit den Anderen in dieser Stadt. Für sie ist die Frage nach dem Umgang mit der AfD viel alltäglicher, persönlicher als anderswo. Und das selbst, wenn sie sich eigentlich lieber mit ganz anderen Dingen beschäftigen wollen.

Die Menschenrechtsaktivistin

So geht es zum Beispiel Sylvia Wähling. Sie ist geschäftsführende Vorsitzende des Vereins "Menschenrechtszentrum Cottbus", der heute auf dem Gelände des alten Zuchthauses eine Gedenkstätte betreibt. Am Wahlsonntag kocht sie in der Küche neben ihrem Büro gefüllte Tomaten zum Mittagessen und sagt: "Es passieren so viele gute Sachen hier." Doch die Presse, die komme halt nur, wenn die AfD mal wieder eine Wahl gewinnt, wenn der rechte Verein "Zukunft Heimat" eine Demo gegen Flüchtlinge organisiert. Sie sagt das ohne Vorwurf in der Stimme, eigentlich freut sie sich, dass sie einmal von ihrer Arbeit erzählen kann - und davon, was sie sich für Cottbus wünscht.

Ihr ist es wichtig, dass die Gedenkstätte sich nicht nur mit der Vergangenheit beschäftigt. 8000 Besucher hat sie im Jahr, die meisten davon Schulklassen. Mit ihnen drehen ehemalige Häftlinge Videos, sprühen Graffiti, erarbeiten in Workshops, was Flucht und Vertreibung heute bedeuten. Sie selbst engagiert sich seit einigen Jahren in den irakischen Kurdengebieten für Jesiden und andere vom IS Verfolgte.

Sie möchte die Gedenkstätte zu einem großen Bildungszentrum ausbauen, es soll nach der NS-Widerstandskämpferin Traute Lafrenz benannt werden und weit über Cottbus hinaus aktiv sein. Das, glaubt sie, könne der Stadt neuen Schwung geben, eine andere Richtung, "Cottbus, Stadt der Menschenrechte", sagt sie, wissend, wie unwahrscheinlich das an einem Tag wie heute klingt. Aber nicht nur zwischen den Zeilen ist die AfD Thema.

Während des Wahlkampfs hat sich das Menschenrechtszentrum gegen die Partei positioniert. Die AfD hatte Plakate aufgehängt, auf denen sie sich in die Tradition der DDR-Bürgerrechtler stellte. "Vollende die Wende", stand zum Beispiel auf ihnen. Der Vorstand des Zentrums formulierte eine Erklärung: "Die Mitglieder des Menschenrechtszentrums Cottbus, von denen 80 Prozent ehemalige politische Häftlinge der DDR waren, haben für ihre Freiheit und ein Leben in der Demokratie viel riskiert. Wir widersprechen entschieden der Vereinnahmung durch die AfD und deren Gleichsetzung unseres demokratischen Rechtstaates mit einer Diktatur."

Eigentlich ist der Verein per Vorstandsbeschluss überparteilich, mischt sich also in Wahlkämpfe nicht ein. Diesmal, fand Wähling, ging es nicht anders. "Ich habe viel Zustimmung bekommen, aber auch viel Kritik." Denn natürlich gebe es auch AfD-Sympathisanten bei ihnen, zwei Mitglieder verließen den Verein. Das Thema, es begleitet sie, wie es alle begleite, "wir sind eben ein Spiegel der Gesellschaft".

Die Rot-Rot-Grünen

Ganz anders sieht es am Wahlabend in der Kammerbühne des Staatstheaters Cottbus aus. Hier haben Künstler und Künstlerinnen eine "angstbefreite Zone" eingerichtet, mit dem Schritt durch die Tür, so versprechen sie "wirst du deine Angst los", stattdessen gibt es einen Lolli in die Hand. In einer Ecke legt eine der Gastgeberinnen Tarotkarten, in einer anderen dürfen die Gäste im "Politiker-Tabu" Begriffe umschreiben. Es wird geduzt, der Eintritt ist frei, die Stimmung freundlich, an der Wand hängt ein Plakat mit der Aufschrift: "Wir sind viele - jede*r von uns".

Also kein ein Spiegel der Gesellschaft, jedenfalls nicht der Cottbusser. "Wir sind hier schon in der Filterbubble", sagt Laura Schulze, 23 Jahre, Studentin. Sie sitzt an einem Tisch mit ihrem Mitbewohner Paul Weisflog, 36 Jahre, gebürtiger Cottbuser, und Konstantin Schneider, 25 Jahre und aus Sachsen, und wartet auf die Wahlergebnisse. Sie haben SPD, Grüne, Linke gewählt und man muss sie nicht lange fragen, wie sie das finden mit der AfD. Weisflog ist erst vor Kurzem nach einer AfD-Veranstaltung angegriffen worden. Als die Freunde zum Christopher Street Day eine Regenbogenfahne aus dem Fenster hängten, bat ihr Vermieter, die wieder reinzuholen - "er hatte Angst, dass da Steine fliegen". Und auch wenn nicht jeden Tag Springerstiefel die Straßen von Cottbus zum Erbeben bringen - ein Problem gibt es hier, das steht fest.

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