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Protestbewegung in Belarus:Die Großmutter, die sich gegen Lukaschenkos Polizisten stellt

Kämpft schon lange gegen Lukaschenkos Regime: Nina Baginskaja.

(Foto: Dmitri Lovetsky/AP)

Nina Baginskaja ist 73 und nimmt es auf den Straßen von Minsk mit vermummten Männern auf, die mit Waffen und Schlagstöcken bewaffnet sind.

Porträt von Frank Nienhuysen

Sie fürchtet sich nicht, sie hat sich noch niemals gefürchtet. Nina Baginskaja ist 73 und nimmt es mit vermummten Männern auf, die mit Waffen und Schlagstöcken bewaffnet sind und schwere Stiefel tragen. Am Wochenende, bei den Massenprotesten in Belarus, riss sie im Gerangel einem der martialisch wirkenden Polizisten der Sondereinheit Omon die Maske vom Kopf. Sie will sehen, welcher Mensch sich hinter dieser Maskerade verbirgt, wer mitwirkt an dem harten Durchgreifen des Staates gegen die Bevölkerung. "Nina, Nina", riefen Demonstranten um sie herum. Baginskaja hat dieser Tage eine Menge Anhänger, sie hat Mut.

Schon vor zwei Wochen hatte sich ihr Kultstatus verstärkt, als die Rentnerin und mehrfache Großmutter mit dem kurzen, weißen Haar sich gegen die Sonderpolizei wehrte. Dutzende der Männer standen in Formation, als einer von ihnen Baginskaja die rot-weiße Oppositionsflagge wegnahm. Sie klammerte sich an die Fahnenstange und schrie: "Gib mir meine Flagge, gib mir meine Flagge." Ein ungleicher Zweikampf. Dann trat sie dem Mann gegen das Schienbein. Das sei zwar kein gutes Benehmen gewesen, sagte sie später der BBC, "aber wenn Ihnen etwas gestohlen wird, können Sie schlecht 'Danke schön' sagen".

Mit Flaggen, Plakaten, Entschlossenheit und Würde kämpft Nina Baginskaja seit Beginn der Protestwochen täglich gegen das Regime von Staatschef Alexander Lukaschenko, den sie einen "Paranoiker" nennt, der nicht von sich aus gehen werde.

Was sie will? Dass die belarussische Bevölkerung frei ist. Baginskaja will das schon sehr, sehr lange. Sie lehnte sich schon gegen die belarussische Führung auf, als Lukaschenko in Sowjetzeiten noch Direktor einer Sowchose war. Vielleicht deshalb will Baginskaja jetzt nicht als eine Heldin dieser Tage genannt werden. Sie hat schon so viele Kämpfe gegen die Staatsgewalt ausgefochten, als sie damit noch ziemlich allein war. Für sie persönlich ändert sich ja nicht so viel - außer dass nun Zehntausende es ihr gleichtun, junge Frauen Selfies mit ihr machen und Baginskaja Hoffnung schöpft, dass all dies irgendetwas bewirkt.

Die Behörden haben einen Teil ihrer Rente konfisziert

Die Frau aus Minsk ist in den vergangenen Jahren derart oft festgenommen und mit Geldstrafen belegt worden, dass die Behörden ihr einen Teil ihrer Rente konfiszieren. Seit 2016 waren es zunächst 20 Prozent, seit drei Jahren ist es bereits die Hälfte. Sie müsse schon mindestens 120 Jahre alt werden, um all ihre Strafgelder zurückzahlen zu können, sagte Baginskaja neulich der belarussischen Ausgabe der Komsomolskaja Prawda. Es sollen insgesamt etwa 15 000 Euro gewesen sein, als sie aufgehört habe zu zählen.

Nina Baginskaja wurde kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs geboren. Ihre Eltern erlebten den Terror der deutschen Besatzung und sprachen in der Familie darüber. Als Kind war sie vom Radsport fasziniert, träumte von einer Sportlerkarriere, aber ein schwerer Unfall zwang sie zu neuen Plänen. Baginskaja wurde Geologin - und schloss sich der Belarussischen Volksfront an. Die Partei wurde 1988 während Gorbatschows Perestroika-Zeit gegründet und setzte sich damals für die Aufarbeitung von Stalin-Verbrechen ein. Im selben Jahr ging Nina Baginskaja zum ersten Mal auf eine Protestkundgebung.

Die Gedenkaktion wurde zerschlagen, für die Minskerin begann damals ein Leben als Aktivistin. 1994, nach Lukaschenkos Amtsantritt, wurde sie entlassen, nachdem sie einen Bericht statt in der offiziellen russischen Sprache auf Belarussisch verfasste - damals ein Zeichen des Widerstands.

Fast ikonografisch wurde ein Bild, das der Fotograf Jewgenij Otzezkij von ihr 2006 machte, vor der weißen Heilig-Geist-Kathedrale in Minsk: auf den Treppenstufen eine Kette von Polizisten, vor ihnen Baginskaja einsam mit der historischen weiß-rot-weißen Protestflagge. Und auch damals hat sie die Flagge nicht aus der Hand gelassen.

© SZ vom 14.09.2020/cat
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