Schulen:Aufholprogramm mit Nachholbedarf

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Schulen: Die Pandemie war und ist in deutschen Klassenzimmern allgegenwärtig.

Die Pandemie war und ist in deutschen Klassenzimmern allgegenwärtig.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Sind die zwei Milliarden Euro, die Schülern bei der Aufarbeitung der Corona-Folgen helfen sollen, gut angelegt? Ein Zwischenbericht der Bundesländer wirft vor allem Fragen auf.

Von Paul Munzinger

Warum die Bundesregierung vor einem Jahr ein Corona-Aufholprogramm für Schülerinnen und Schüler aufsetzte, das hat Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger am Dienstag noch einmal zusammengefasst. Durch die Schulschließungen infolge der Pandemie seien "große Lernlücken, psychische Belastungen und weitere soziale Benachteiligungen entstanden", teilte die FDP-Politikerin in einem Statement mit. "Das können wir nicht hinnehmen." Zwei Milliarden Euro stiftete die damalige schwarz-rote Bundesregierung im Frühjahr 2021, davon je eine für Freizeitangebote außerhalb der Schule und eine für das Aufarbeiten der Lernrückstände. Hat sich das Programm bislang ausbezahlt?

Die Bundesländer haben am Dienstag einen ersten Zwischenbericht darüber vorgelegt, was sie mit dem Geld angestellt haben - denn das entscheidet jedes Land für sich. Und wenn Stark-Watzinger davon spricht, dass "eine Vielzahl von Aktivitäten zu den gemeinsam vereinbarten Maßnahmen möglich gemacht" worden sei, dann ist das eine rundum höfliche Formulierung. 126 Seiten umfasst der Bericht, allein Thüringen breitet seine Maßnahmen auf sechs Seiten aus. Sie reichen von Ferienkursen bis zu Lehrerfortbildungen, von Schulschwimmkursen bis zum Nachholen der praktischen Radfahrausbildung. Vieles ist mit dem Vermerk "geplant" versehen, obwohl die zwei Aufholmilliarden für die Jahre 2021 und 2022 gedacht sind.

Welches Konzept Thüringen mit seinen Maßnahmen verfolgt? Auf welcher Basis entschieden wird, wofür wie viel Geld eingesetzt wird? Findet sich in dem Bericht nicht. Genau wie bei den meisten anderen Ländern, die ebenfalls einen bunten Maßnahmenstrauß ohne nähere Erläuterung oder erkennbaren inneren Zusammenhang auffächern. Nur für sechs der 16 Bundesländer ist "exemplarisch" aufgeführt, wie die Lernlücken erhoben wurden. Dabei soll die Analyse der Lernrückstände doch Grundlage der Fördermaßnahmen sein. Und schließlich das Geld: Bayern etwa stehen von der einen Lernmilliarde 158 Millionen Euro zu, davon rund 53 Millionen für das Jahr 2021. Tatsächlich abgeflossen waren zum Stichtag 31. Dezember aber erst 17 Millionen Euro.

Ob das Aufholprogramm sich also bislang gelohnt hat, ob die zwei Milliarden gut und richtig angelegt sind, lässt sich auf Basis des Zwischenberichts kaum seriös beantworten, zumindest für die Mehrzahl der Länder nicht. Der Bildungsforscher Marcel Helbig fürchtet gar, dass diese Fragen sich nie wirklich klären lassen werden, auch nach dem vorläufigen Abschlussbericht nicht, der in einem Jahr fällig ist. Weil es weder klare Kriterien dafür gebe, wofür die Mittel eingesetzt werden, noch dafür, um hinterher den Erfolg zu messen. "Wir werden wohl niemals wissen, was dieses Aufholprogramm gebracht hat", sagte Helbig dem Spiegel.

Bildungsprogrammen fehlt in Deutschland häufig ein konkretes Ziel

Es ist vor diesem Hintergrund natürlich kein Zufall, dass die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz (SWK), die die Länder in Bildungsfragen berät, am Dienstag ebenfalls eine Veröffentlichung vorlegte: ein "Impulspapier", das die Entwicklung von "Leitlinien für das Monitoring und die Evaluation von Förderprogrammen im Bildungsbereich" anmahnt. Schon im Juni 2021 hatte die SWK darauf gedrängt, die begrenzten Ressourcen des Zwei-Milliarden-Programms gezielt dort einzusetzen, wo sie am meisten gebraucht werden: zur Förderung der von den Schulschließungen besonders beeinträchtigten Schüler; an den Übergangsphasen im Bildungsverlauf, also etwa der 4. Klasse der Grundschulen; und vor allem in den Fächern Mathe und Deutsch. Eine Forderung, die aus Sicht der SWK offenbar nicht erhört wurde.

Bei Förderprogrammen im deutschen Bildungswesen, kritisiert die SWK im nun vorgelegten Impulspapier, seien Evaluationen kaum etabliert - im Sinne einer klaren "Definition und Operationalisierung von Zielen", einem "Monitoring auf der Basis aussagekräftiger Indikatoren" und der "Nutzung methodischer Verfahren". Anders gesagt: Bildungsprogramme in Deutschland würden häufig aufgesetzt, ohne sich davor genau zu überlegen, was dabei herauskommen soll, und ohne zu überprüfen, was sie gebracht haben. "Von einer Erfolgskontrolle im Sinne einer Zielerreichungskontrolle, Wirkungskontrolle und Wirtschaftlichkeitskontrolle wird oft abgesehen."

Ganz anders in den USA oder auch in Österreich, wo 2008 ein Programm zur Sprachförderung mit dem konkreten Ziel verabschiedet wurde, die Quote der Kinder mit Förderbedarf von 40 auf 30 Prozent zu senken, inklusive jährlichem Monitoring. Das Corona-Aufholprogramm wird in dem Papier mit keinem Wort erwähnt. Es darf sich aber, nicht nur aufgrund der verblüffenden zeitlichen Koinzidenz, im besonderen Maße angesprochen fühlen.

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