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Arizona: Anschlag auf Abgeordnete Giffords:Blutbad vor Supermarkt - Polizei sucht nach Komplizen

"Wir sind zu einem Mekka des Hasses geworden": Ein 22-Jähriger tötet in Arizona sechs Menschen, die demokratische Abgeordnete Gabrielle Giffords liegt nach einem Kopfschuss im Krankenhaus. Mittlerweile fahndet die Polizei nach einem Komplizen. Der zuständige Sheriff gibt der vergifteten politischen Atmosphäre in dem Bundesstaat die Mitschuld an dem Attentat.

Ein offenbar politisch verwirrter Täter hat in Tucson im US-Bundesstaat Arizona eine Kongressabgeordnete schwer verletzt - die Demokratin Gabrielle Giffords erlitt einen Kopfschuss. Der 22-jährige Täter erschoss bei einem Treffen der Politikerin mit Bürgern sechs Menschen. Er wurde überwältigt und verhaftet. Seine Motive sind nach wie vor unklar.

Die Polizei bestätigte auf einer Pressekonferenz, es haben sechs Tote gegeben. 13 Menschen - darunter auch Giffords - seien verletzt worden, viele davon schwer. Unter den Toten sei auch ein Richter des Bundesstaates und eine Helferin der Abgeordneten.

Am Samstagvormittag hatte Giffords Wähler vor einem Einkaufszentrum der Kette Safeway in Tucson getroffen, als der Täter das Feuer eröffnete. "Es wurden zwischen 15 und 20 Schüsse abgefeuert", berichtete ein Augenzeuge. Der Täter habe der Abgeordneten aus nächster Nähe gezielt in den Kopf geschossen. Dann sei Chaos ausgebrochen. Passanten konnten den Mann überwältigen. Über Stunden waren die genauen Ereignisse völlig unklar: Zeitweise hieß es, die Abgeordnete sei tot. Mittlerweile ist klar, das Giffords nach einer Notoperation in kritischem Zustand im Krankenhaus liegt. Chefunfallchirurg Peter Rhee äußert sich zunächst "optimistisch". Ein anderer Arzt dämpft die Zuversicht aber später: Es sei eine "verheerende Wunde".

Die Politikerin war offenbar das Hauptziel des Attentats. Sie soll einen glatten Kopfdurchschuss erlitten haben und wurde operiert, sagte ein Krankenhausarzt in Tucson.

Der Täter, Jared Lee Loughner aus Arizona, verweigert die Aussage. Er ist laut Sheriff Clarence Dupnik psychisch instabil und hat eine kriminielle und "problematische" Vergangenheit.

Ansonsten sind wenig Details über den jungen Mann bekannt. Einen Einblick in sein Denken geben lediglich Videos auf YouTube, die aus offenbar von ihm verfassten Texten vor schwarzem Hintergrund bestehen: In wirren Sätzen beschreibt Loughner die Erfindung einer neuen amerikanischen Währung und unterstellt der Regierung, "Gedanken zu kontrollieren".

Loughner veröffentlichte offenbar vor der Tat noch einen Abschiedsgruß im Internet. Auf seiner MySpace-Seite heißt es: "Auf Wiedersehen, meine Freunde". Die Seite wurde am Samstag entfernt, kurz nachdem der Bewaffnete von den US-Behörden identifiziert wurde. "Bitte seid mir nicht böse", soll wenige Stunden vor der Schießerei geschrieben haben.

Schulkameraden beschrieben Loughner als schwierig: Er sei ein Einzelgänger gewesen, sagte einer. Offenbar sei er "durch das Leben geglitten" und habe "sein Ding durchgezogen". Er habe auch Marihuana geraucht. Ein anderer ehemaliger MItschüler sagte, dass Loughner als Schüler den Unterricht mit "Ausbrüchen" gestört habe.

"Ein Mekka des Hasses"

In den vergangenen Monaten habe sich der junge Mann zunehmend seltsam verhalten, berichtet die New York Times. Aus seinem College sei er im Oktober ausgeschieden, nachdem er mehrfach mit dem Sicherheitsdienst des Campus aneinandergeraten war. Neben dem ominösen Video soll in mindestens einem seiner Internet-Beiträge eine Schusswaffe zu sehen sein.

Der Schütze habe der 40-jährige Giffords mit einer halbautomatischen Pistole ermorden wollen, sagte Dupnik. Entgegen ersten Angaben schließt die Polizei nicht mehr aus, dass es einen Komplizen gibt. Es werde "aktiv" nach einem zweiten Mann gefahndet, der "in den Fünfzigern" sein soll. Die Beamten vermuten, dass der festgenommene Verdächtige mit einer weiteren Person zu dem Parkplatz vor den Supermarkt gekommen sei und dass diese Person in irgendeiner Weise in die Tat verwickelt sei.

Dann ging der als liberal bekannte Sheriff Dupnik auf die politische Lage in dem südlichen Bundesstaat ein: Ausdrücklich verwies er auf die aufgeheizte Stimmung in Arizona. Ein solches Klima könne psychisch labile Menschen beeinflussen. "Wir sind zu einem Mekka des Hasses und der Vorurteile geworden", sagte Dupnik. In den vergangenen Jahren wurde in Arizona heftig über Einwanderungspolitik gestritten. Wie in anderen Bundesstaaten führten Demokraten wie Republikaner den Wahlkampf im vergangenen Sommer und Herbst mit aggressiven Kampagnen gegen den politischen Gegner.

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