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Interview am Morgen: Ein Jahr nach dem Anschlag in Halle:"Die Polizei macht nicht alles"

Bewachung für jüdische Gemeinden wird verstärkt

Nach dem Anschlag 2019 wurden in ganz Deutschland die Sicherheitsvorkehrungen vor jüdischen Gemeinden noch einmal verstärkt: Einsatzfahrzeug der Polizei vor der Synagoge der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover.

(Foto: Sina Schuldt/dpa)

Der antisemitische Anschlag in Halle (Saale) schockierte 2019 das ganze Land. In Hannover wollte die evangelische Kirche helfen. Sie gab Geld: für einen Wachdienst.

Interview von Ronen Steinke

Als vor einem Jahr der antisemitische Anschlag in Halle Jüdinnen und Juden im ganzen Land schockierte, beließ es die evangelische Kirche im Raum Hannover nicht bei warmen Worten der Solidarität. Sondern sie zeigte, was man praktisch tun kann. Ein Interview mit Regionalbischöfin Petra Bahr.

SZ: Frau Bahr, nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle vor einem Jahr haben Sie gleich bei den jüdischen Gemeinden in Ihrer Region angerufen. Wieso?

Wir kennen uns und sehen uns oft, deswegen ist es naheliegend, dass man sich am nächsten Tag meldet und fragt: Was braucht ihr jetzt? Und was die jüdischen Gemeinden brauchen, das sind nicht noch mehr pathetische Worte, sondern ganz praktische Hilfe. Und die praktische Hilfe besteht - horribile dictu - aus schusssicheren Fenstern oder der simplen Frage, wer bezahlt den Schutzdienst für den nächsten Schabbat.

Macht das denn nicht die Polizei? Die bewacht doch jüdische Gottesdienste.

Sehen Sie: Genau deshalb ist es wichtig nachzufragen. Die Polizei macht nicht alles. Die Liberale Jüdische Gemeinde in unserer Stadt war beispielsweise dringend auf der Suche nach einem privaten Sicherheitsdienst, der rasch die Lücken füllt. Denn wenn Gemeindemitglieder Angst davor haben, zum Gottesdienst zu kommen, stirbt das Gemeindeleben.

Wie war Ihre Reaktion?

Wir wollten ein Zeichen setzen: Das ist nicht euer Problem, dass ihr euch verbarrikadieren müsst! Das geht uns alle an. Wir im Sprengel Hannover haben schnell entschieden, die jüdischen Gemeinden bei ihren Sicherheitsaufwendungen zu unterstützen. So konnte die liberale jüdische Gemeinde den Wachdienst für die Veranstaltungen eines Monats finanzieren. Andere Einrichtungen haben die Sicherung ihres Eingangsbereichs verstärkt. Notwendige Maßnahmen, um weiter in Ruhe Gottesdienst feiern zu können. Natürlich ist das reine Symbolpolitik, und deswegen fühlt man sich danach auch nicht besser, sondern schlechter.

Dr Petra Bahr Pfarrerin und Kulturbeauftrage des Rates der EKD in der ARD Talkshow GÜNTHER JAUCH

Petra Bahr, 54, ist evangelische Theologin und seit 2017 Regionalbischöfin für den Sprengel Hannover der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover. Seit April dieses Jahres ist sie Mitglied im Deutschen Ethikrat.

(Foto: Müller-Stauffenberg/Imago Images)

Warum?

Je mehr man sich mit der Situation der teilweise sehr armen jüdischen Gemeinden in unserer Region in Niedersachsen befasst, desto deutlicher wird, dass man damit im Grunde viel zu wenig geholfen hat. Das sind oft ganz kleine Gemeinden, die von russischsprachigen Einwanderern geprägt sind. Unsere Aktion war deshalb auch ein Appell an die Politik.

Inwiefern?

Es ist nicht die Privatangelegenheit von Jüdinnen und Juden, sich zu schützen. Sondern es ist die Aufgabe des Staates, Sicherheit zu gewährleisten. Und zwar so, dass man sich nicht wie in einem Ghetto fühlen muss. Unsere Idee war deshalb, dass wir als Kirche den jüdischen Gemeinden kurzfristig helfen, über die schwierige erste Zeit zu kommen - solange, bis die Politiker ihre bürokratischen Dinge überwinden und ein verbesserter Schutz der Gemeinden steht.

Mit Erfolg?

Nachdem unsere Spende ausgelaufen ist, ist der Staat nicht eingesprungen. Sondern es hat dann bis September dieses Jahres gedauert, also fast ein ganzes Jahr, bis überhaupt die Mittel für jüdische Gemeinden angehoben worden sind von dem zuvor sehr niedrigen niedersächsischen Niveau.

Jüdische Gemeinden bekommen Geld vom Staat. Manche würden sagen: Immerhin, das ist doch großzügig!

Jüdische Gemeinden bekommen Geld vom Staat - für die kulturelle und soziale Arbeit, die sie leisten. Das ist kein Geschenk. Und das sind auch keine großen Summen, auch im Vergleich zu dem, was wir als Kirche an Budgets zur Verfügung haben. Die Kirchen leben auch vom Eigentum und Grundbesitz aus vielen Jahrhunderten. Die jüdischen Gemeinden hatten nach 1945 nichts mehr. Alles wird seither von null wieder aufgebaut. Das ist natürlich viel schwieriger und aufwendiger.

Die Landesregierung in Niedersachsen sagt nun: Liebe jüdische Gemeinde, eure erhöhten jährlichen Mittel könnt ihr doch ganz frei verwenden, auch für Sicherheitsmaßnahmen. Finden Sie das in Ordnung?

Ich erinnere mich, als nur einmal ansatzweise die Diskussion im Raum stand, dass die immensen Sicherheitskosten bei Bundesliga-Spielen auch nur zu einem kleinen Teil auf die sehr reichen Vereine abgewälzt werden sollen. Da gab es schon einen Riesenaufschrei. Da wurde mit der öffentlichen Bedeutung des Fußballs argumentiert, mit der zivilisierenden Kraft ... Und auf der anderen Seite wird bei einem so hohen Gut wie der Religionsfreiheit und dem Schutz von Leib und Leben nun so getan, als sei das das Problem von Jüdinnen und Juden selbst. Als sei es okay, ihnen zu sagen: Zahlt es selbst.

© SZ vom 09.10.2020/aner
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