Afghanistan-Einsatz:Die USA beenden ihren längsten Krieg

FILE PHOTO: U.S. forces prepare for withdrawal from Afghanistan

Zurück in die Vereinigten Staaten: Ein US-Militärfahrzeug wird in Afghanistan verladen (Archivbild von 2020).

(Foto: US ARMY/via REUTERS)

Washington zieht fast alle Truppen aus Afghanistan ab. "Ich werde nicht eine weitere Generation von Amerikanern in den Krieg schicken", sagte US-Präsident Biden.

Von Tobias Matern und Hubert Wetzel

Der US-Einsatz in Afghanistan wird am 31. August offiziell enden. Das kündigte Präsident Joe Biden am Donnerstag an. "Ich werde nicht eine weitere Generation von Amerikanern in den Krieg schicken", erklärte Biden. Die USA würden die afghanische Armee weiterhin mit Geld und Material in ihrem Kampf gegen die radikalislamischen Taliban unterstützen und im Land diplomatisch präsent sein. Doch das US-Militär werde nicht mehr in die Kampfhandlungen eingreifen. "Wir beenden Amerikas längsten Krieg", sagte der Präsident.

Schon jetzt sind Medienberichten zufolge so gut wie alle amerikanischen Truppen aus Afghanistan abgezogen worden. "Im Großen und Ganzen ist der Abzug abgeschlossen", zitierte das Magazin Politico am Donnerstag einen ranghohen Regierungsvertreter. "Es ist vorbei." Von den gut 2500 Mann, die vor Kurzem noch im Land waren, sind demnach nur noch etwa 600 Soldaten der Marineinfanterie und des Heeres übrig. Ein Teil von ihnen soll die US-Botschaft in Kabul beschützen, der Rest wird dem Vernehmen nach am Flughafen der afghanischen Hauptstadt stationiert sein, um die An- und Abreise amerikanischer Diplomaten abzusichern.

Für die Vereinigten Staaten endet damit der längste Militäreinsatz ihrer Geschichte. Fast 20 Jahre lang, seit den von Afghanistan aus geplanten Angriffen der Terrorgruppe al-Qaida am 11. September 2001, haben amerikanische Soldaten am Hindukusch gekämpft. Während dieser Jahre sind 2448 GIs dort gefallen, mehr als 20 000 wurden verwundet. Zeitweise hatten die USA bis zu 100 000 Soldaten in dem Land stationiert. Das Pentagon hat für den Krieg 825 Milliarden Dollar ausgegeben. Zusammen mit der zivilen Hilfe, die in das Land geflossen ist, liegen die Kosten des Krieges weit über zwei Billionen Dollar.

Ihr erstes Kriegsziel, den Sturz des damals herrschenden Taliban-Regimes, das dem Al-Qaida-Führer Osama bin Laden Unterschlupf gewährte, haben die USA 2001 relativ schnell erreicht. Der weiterführende Plan, in Afghanistan eine halbwegs stabile, an westlichen Vorbildern orientierte Demokratie aufzubauen, konnte allerdings allenfalls in Ansätzen umgesetzt werden.

Biden will ein Szenario wie in Südvietnam 1975 verhindern

Für die USA geht es nun darum, in Afghanistan ein Szenario wie 1975 in Südvietnam zu vermeiden. Damals kollabierte die von ihnen gestützte Regierung in Saigon, die letzten Amerikaner flohen panisch in Hubschraubern und ließen das Land im Stich. Diesen Anschein will US-Präsident Joe Biden keinesfalls erwecken - deswegen die starke Sicherungstruppe für die Botschaft. Ob das jedoch reicht, um den Fall Kabuls an die Taliban und den Sturz der afghanischen Regierung zu verhindern, ist offen. Biden sagte, es sei keine Zwangsläufigkeit, dass die Taliban siegen müssten. Viele Afghanistan-Experten sind allerdings gegenteiliger Ansicht.

In den vergangenen Monaten haben die Taliban ihren Einfluss massiv ausgeweitet. Auf etwa die Hälfte des Landes üben sie Einfluss aus oder haben es unter ihrer Kontrolle. Die USA hatten mit den Islamisten in Doha im vergangenen Jahr einen Abzug ausgehandelt. Bislang gibt es aber noch keine Vereinbarung zwischen Taliban und afghanischer Regierung. Die Islamisten scheinen den Abzug aussitzen zu wollen, um ihren Druck auf Kabul erhöhen zu können, wenn die westliche Schutzmacht abgezogen ist. Die Gespräche zwischen afghanischer Delegation und den Taliban in Doha kommen nicht voran. Am Mittwoch und Donnerstag trafen sich aber unter iranischer Vermittlung afghanische Politiker und die Vertreter der Taliban in Teheran. Beide Seiten vereinbarten weitere Gespräche, um den "Übergang vom Krieg zu einem anhaltenden Frieden" in Afghanistan zu erreichen.

Bereits in der vergangenen Woche hatten die letzten Bundeswehrsoldaten den in Nordafghanistan liegenden Stützpunkt Masar-i-Scharif verlassen. Danach war in Deutschland eine Debatte entbrannt über die afghanischen Mitarbeiter der Bundeswehr, Polizei und deutschen Entwicklungshelfer. Viele der Ortskräfte sind noch in Afghanistan und fürchten aufgrund des Vormarsches der Taliban um ihr Leben. Sie berichten von hohen bürokratischen Hürden, um von Afghanistan nach Deutschland zu gelangen. Die Bundesregierung argumentiert, bereits 2400 Visa für Ortskräfte und deren Angehörige ausgestellt zu haben, und pocht darauf, dass die ehemaligen Angestellten der Bundeswehr oder anderer deutscher Einrichtungen für die Reisekosten selbst aufkommen müssen.

Eine Initiative um Marcus Grotian, der für die Bundeswehr als Soldat im Afghanistan-Einsatz war, will nun "für die Bezahlung der Flugtickets Spenden sammeln", wie der Vorsitzende des Patenschaftsnetzwerks Afghanische Ortskräfte der Süddeutschen Zeitung am Donnerstag sagte. Die Sicherheitslage in Masar-i-Scharif sei so katastrophal, dass keine Zeit mehr verstreichen dürfe. Das Leben der zurückgebliebenen Ortskräfte sei massiv gefährdet. Zunächst einmal sollten alle verbliebenen ehemaligen Mitarbeiter der Bundeswehr, die das wünschten, nach Kabul gebracht werden, um sie von dort aus mit Linienflügen aus dem Land zu bringen. Wenn dies nicht ausreiche, solle aus privaten Mitteln eine Maschine gechartert werden, um die Ortskräfte nach Deutschland zu bringen, sagte Grotian.

US-Präsident Biden kündigte an, afghanische Mitarbeiter der amerikanischen Armee in Sicherheit bringen zu wollen. Die Ausgabe von Visa werde "dramatisch verstärkt", sagt er. Die US-Regierung habe Drittländer im Auge, in welche die Mitarbeiter in den kommenden Wochen gebracht werden sollen, um dort auf Visa zu warten. "Wir werden an Ihrer Seite stehen, so wie Sie an unserer Seite gestanden haben", versprach Biden den zurückbleibenden Ortskräften.

© SZ
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