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Afghanistan:"Viele Frauen fühlen sich im Stich gelassen"

Nadia Nashir-Karim bei einer Aufzeichnung der evangelischen Fernseh-Talkshow "Tacheles".

(Foto: imago)

Nadia Nashir, Vorsitzende des Afghanischen Frauenvereins, über den Abzug der internationalen Truppen aus dem Land und die Sorgen vor der Zukunft.

Interview von Joachim Käppner

Nadia Nashir ist Vorsitzende des Afghanischen Frauenvereins. Dieser setzt sich seit 1992 mithilfe von Spenden in mehr als 14 Selbsthilfeprojekten für Wiederaufbau und Frieden in Afghanistan ein. Im SZ-Interview spricht sie über den Nato-Truppenabzug und die ungewisse Zukunft der Frauen und Mädchen im Land.

SZ: Frau Nashir, Sie sind in Kundus groß geworden und beschreiben die Stadt Ihrer Kindheit als friedlich und relativ weltoffen. Kundus war jahrelang Schwerpunkt des Bundeswehr-Einsatzes in Afghanistan. Die Region aber bleibt Kriegsgebiet. Wie sieht denn heute eine Kindheit in Kundus aus, besonders für Mädchen?

Nadia Nashir: Wir haben damals in den Pausen noch Volleyball mit unseren Lehrern gespielt, sind in Clubs und Restaurants gegangen, haben mit den Jungs Musik gehört. Vieles davon ist nicht mehr möglich. Ich bin noch oft in Kundus und erlebe, dass die Gesellschaft viel strikter und konservativer ist als damals. Die Menschen haben große Sorgen, und die Frauen besonders. Seit dem Abzug der Nato-Kampftruppen 2014 sind die Distrikte rund um Kundus wieder in der Hand der Taliban. Wir haben dort ein Brunnenprojekt und je eine Schule für Jungs und für Mädchen mit über tausend Kindern. Wenn die Taliban hier wieder größeren Einfluss bekommen, würden sicher die Kleiderordnung, die Geschlechtertrennung und der Lehrplan konservativer.

1996 bis 2001, unter dem Regiment der Taliban, waren Frauen Menschen zweiter Klasse in Afghanistan, vielerorts haben die Islamisten Mädchenschulen geschlossen.

Wir hoffen, dass diese Zeit vorüber ist. Ihre Kommandeure im Raum Kundus haben jedenfalls mehrmals die Schulleiter dort zusammengerufen und ihnen erklärt, dass auch der Unterricht für Mädchen weitergehen soll, dass Lehrkräfte weniger Fehlzeiten haben sollen, sich aber die Fächer stärker an der Religion ausrichten sollen, so wie die Taliban sie verstehen, und dass Männer keine Schülerinnen und Frauen keine Schüler unterrichten dürfen.

An den Taliban als Machtfaktor kommen Sie nicht vorbei?

Nein. Die Taliban haben in der Provinz ja längst eine Parallelregierung aufgebaut, die sogar eigene Schulen betreibt; dort läuft das dann so. Also, wir rechnen nicht mit dem Worst Case, dass Mädchen wieder von der Bildung ausgeschlossen werden, aber mit Einschränkungen, die wir natürlich vollkommen ablehnen. Wir hatten damals in der dunklen Zeit unter den Taliban ab 1999 sogar eine Mädchenschule betrieben. Im Verborgenen haben wir mit 20 Mädchen begonnen, die waren so tapfer und mutig! Heute sind es im Ort über 600 Schülerinnen. Und viele der Ehemaligen sind heute Ärztinnen oder Lehrerinnen, darauf sind wir sehr stolz.

Und niemand hat sie verraten?

Nein, weil wir in den Dörfern viel Unterstützung bekommen haben. Von außen sah die Schule damals aus wie ein ganz normales Haus, und alle haben unterstützt. Wir haben sie "Roshani" genannt, das heißt Lichtblick.

Aber es war sehr gefährlich?

Das war natürlich extrem gefährlich. Doch es war auch ermutigend, dass die Dorfältesten, die Väter und Brüder der Schülerinnen auf unserer Seite standen. Ohne sie hätten wir das nicht geschafft. Und bis heute kommen aus den entlegensten Dörfern Fragen von Dorfältesten, ob wir nicht eine Mädchenschule dort bauen oder unterstützen können. Manchmal heißt es: Ich kann nicht lesen und schreiben, aber unsere jungen Frauen sollen es einmal besser haben. Das kann man sich in Deutschland gar nicht vorstellen, welche Bedeutung Bildung in einem so armen Land besitzt.

Wie gefährlich ist es denn für Mädchen gerade auf dem Land, zur Schule zu gehen?

Die Schulwege sind sehr weit, und es kann in den Provinzen jederzeit zu Gefechten zwischen der Armee und den Taliban kommen. Auch sind viele Straßen nicht asphaltiert, was ein Problem ist, denn es liegen überall noch verborgene Sprengsätze herum. Schülerinnen sind wie alle Zivilisten in Gefahr, zwischen die Fronten zu geraten. Das zeigt auch der jüngste erschütternde Anschlag in Kabul, der so viele unschuldige Schulmädchen das Leben gekostet hat. Noch hat sich niemand zur Tat bekannt. Waren es die Taliban, der IS oder eine andere Splittergruppe?

Direkte Angriffe hat es auf Ihre Schulen noch nicht gegeben?

Doch, leider. Vergangenes Jahr wurde unsere Bojasar- Mädchenschule in Brand gesteckt, sie liegt etwa 40 Kilometer vor Kabul, und wir wissen nicht, wer die Täter waren. Die Polizei hat die Täter noch nicht gefunden. Das war schlimm. Wir sind froh, dass wir seitdem keine weiteren Vorfälle hatten und alle Projekte gut und sicher laufen. Auch die Dorfgemeinschaften setzen sich für sie ein und schützen sie. Väter haben ihre Töchter weiter in die Schule geschickt, viele haben dort sogar Wache gestanden, falls die Täter zurückkommen sollten.

Mit welchen Gefühlen sehen besonders die Afghaninnen den Abzug der Nato-Truppen?

Viele Frauen fühlen sich im Stich gelassen, und sie betrachten den Einsatz der Nato als gescheitert. Es wurde anfangs so viel versprochen: Sicherheit, Rechtsstaatlichkeit, Frauenbefreiung. Es gab zwar Erfolge, aber im Großen und Ganzen wurden diese Ziele nicht erreicht. Wir werden auf internationale Hilfe angewiesen bleiben, vor allem auf diplomatische Unterstützung. Die Erwartungen besonders an Deutschland sind daher hoch, dass es ein zuverlässiger Partner bleibt. Unsere Völker verbindet eine lange Freundschaft, mehr als 100 Jahre. Die Sorge ist aber, dass der Westen so erleichtert ist, die Mission endlich zu beenden, dass er uns wie eine heiße Kartoffel fallen lässt.

Wie soll diese Hilfe aussehen, wenn das Militär nicht mehr dort ist?

Wir haben ja bereits eine schreckliche Zeit der Talibanherrschaft erlebt. Und kaum jemand in der afghanischen Zivilgesellschaft, schon gar nicht die Frauen, wünscht sich eine Wiederholung. Daher muss die Regierung stark genug bleiben, um eine politische Lösung zu finden. Ohne Hilfe, auch finanzielle, von außen geht das aber nicht. Sonst wird die Armee auseinanderfallen, und viele bewaffnete Gruppen, Polizeitruppen und Milizen, die jetzt im Dienst der Regierung stehen, werden das tun, was sie schon immer getan haben: die Seite wechseln, um bei den Siegern zu sein.

Und das Szenario des schlimmsten Falls wäre die Rückkehr der Taliban an die Macht?

Das schlimmste Szenario wäre Krieg. Und ja, unter den Frauen besteht große Angst und Unsicherheit, was sie mit den Taliban erwartet. Doch viele haben Hoffnung, dass die Weltgemeinschaft eine Situation wie damals nicht noch einmal zulässt.

Was denken Ihre Schülerinnen in Kundus?

Unsere Schule wird hoffentlich weiterlaufen, was immer geschieht. Wir haben zum Glück sehr toughe junge Frauen, Afghanistan ist eine ganz junge Nation. Heute pochen viel mehr Mädchen auf ihr Recht auf Bildung. Diese junge Generation hat den Talibanterror gar nicht mehr bewusst erlebt. Die Jungen sagen ihre Meinung und demonstrieren auf der Straße, sie sind im Netz sehr aktiv, dabei riskieren sie einiges.

Hätten die Staaten, die sich in Afghanistan engagierten, mehr für die Zivilgesellschaft tun müssen?

Ja, schon. Man unterstützte oft falsche Personen, vergaß beim Nation Building die Einbindung und Stärkung der Zivilgesellschaft. Die Nachhaltigkeit hat gefehlt. Und schnell dominierte die Operation Enduring Freedom, die militärische Antiterrorbekämpfung. Wie schon ab 2001 hat man auch jetzt über den Kopf der afghanischen Zivilgesellschaft hinweg entschieden, an den Verhandlungen zwischen der Trump-Regierung und den Taliban war sie kaum beteiligt. Und die Leidtragenden werden wie immer die Armen sein, die keine Möglichkeit haben, das Land zu verlassen. Und die Frauen und ihre Menschenrechte.

© SZ
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