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Afghanistan:Gewalt und etwas Diplomatie

FILE PHOTO: The Taliban and Afghan government have been negotiating in Qatar to reach a peace deal

Vom politischen Paria zum anerkannten Verhandlungspartner: Taliban-Vertreter 2020 bei Gesprächen mit Repräsentanten der afghanischen Regierung in Qatar.

(Foto: IBRAHEEM AL OMARI/REUTERS)

Die Taliban bestimmen, wie es nach dem Abzug des Westens in ihrem Land weitergeht. Die Islamisten haben gelernt: Auch ihnen hilft Verhandeln beim Weg zur Macht.

Von Tobias Matern, München

Eine Feuerpause zum Ende des Ramadan? Die Taliban rufen sie aus - und beenden sie auch gleich wieder. In die Regierung eintreten und die Macht teilen? Die Absage dafür kommt von den Taliban. Die permanenten Vorwürfe, Afghanistans Verfassung sei nicht islamisch genug? Kommen auch von den Taliban.

So viel ist klar: Die zentralen Bedingungen für das Ende des Afghanistan-Konflikts und die Zukunft des Landes diktiert nur noch eine Kriegspartei: Die islamistischen Taliban, die das Land von 1996 bis zum Einmarsch des Westens 2001 mit eiserner Faust regierten. Mit militärischer Guerilla-Taktik, tatkräftigen Partnern im Militärapparat des Nachbarn Pakistan und diplomatischem Geschick haben sich die vollbärtigen Männer in eine gute Position gebracht für die Zeit, wenn die USA und ihre Verbündeten spätestens am 11. September 2021, exakt 20 Jahre nach den Anschlägen vom 11. September 2001, ihren Kriegseinsatz abgewickelt haben werden.

Aber wie genau stellen sich die Islamisten die Zukunft des Landes vor, welche politischen Ziele verfolgen sie? "Sie sind in gewisser Weise moderner geworden", sagt der renommierte Taliban-Experte Ahmed Rashid. In den vergangenen Jahren hätten die Islamisten eine Disziplin an den Tag gelegt, die sie zwar als Kriegspartei zusammengeschweißt habe, aber eine politische Linie hätten sie noch nicht entwickelt. Von 1996 bis zu ihrem Sturz im Jahr 2001 verbannten die Taliban Frauen aus dem öffentlichen Leben, richteten vor Publikum Menschen hin, die gegen ihre radikale Auslegung der Religion waren. Nun lassen sie von der Regierung betriebene Schulen offen, sie sorgten zum Teil sogar dafür, dass die Lehrer auch zum Unterricht erschienen, sagt Thomas Ruttig, der Co-Vorsitzende des Kabuler Afghanistan Analysts Network (AAN).

International hatten die Taliban während ihrer Herrschaft als Paria gegolten, nur drei Staaten, darunter Pakistan, unterhielten diplomatische Beziehungen zu ihnen. Nun saßen sie mit den Amerikanern am Verhandlungstisch in Doha, vereinbarten mit der Supermacht auf Augenhöhe den Abzug der ausländischen Truppen, ohne dafür selbst große Zugeständnisse machen zu müssen. Seither wissen sie sich auf diplomatischem Parkett zu bewegen, und sie können entspannt auf die Gespräche mit Vertretern der afghanischen Regierung und den inneren Friedensprozess im Land blicken. Denn die USA und ihre Verbündeten gehen zwar, aber sie haben sich nur selbst aus Afghanistan herausverhandelt - eine Friedenslösung für Kabul haben sie nicht erzielt.

Was sie genau wollen, erklären die Taliban nicht. Was sie nicht wollen aber schon

Die Taliban erklären weniger, was sie wollen, sondern sie pochen auf das, was sie ablehnen: "Wahlen sind aus ihrer Sicht ein Rohrkrepierer, die werden sie nie akzeptieren", da ist sich Taliban-Experte Rashid sicher. Die Islamisten wüssten genau, dass sie nicht beliebt genug sind, um bei Wahlen ein gutes Ergebnis zu erzielen. Immerhin sind sich die meisten Beobachter weitgehend einig, dass die Taliban ihr düsteres Regime auch nicht vollständig wieder errichten könnten. 20 Jahre westlicher Präsenz haben - bei allen Fehlschlägen und nicht eingelösten Versprechen - Spuren in der afghanischen Gesellschaft hinterlassen.

Frauen und Mädchen gehen zur Schule und Universität, es gibt Dutzende Fernseh- und Radiosender, in denen offen über Politik diskutiert werden darf - weniger über Religion. Und Afghanistans Bevölkerung ist im Durchschnitt jung, die Mehrheit ist erst nach dem Sturz der Taliban geboren und mit gewissen liberalen Standards aufgewachsen. Diese komplett wieder abzuschaffen, während die internationale Staatengemeinschaft zwar keine Truppen mehr stationiert hat, aber weiter eine gewisse Aufmerksamkeit auf Afghanistan richtet, dürfte schwierig werden.

Auch Afghanistan-Experte Ruttig betont, die Taliban hätten kein Programm für die Zukunft des Landes, Rückschlüsse ließen sich nur aus ihren Handlungen ziehen: Sie führten ja bereits in weiten Teilen des Landes Parallel-Regierungen, auch wenn sie nur rudimentäre Funktionen übernähmen. Aber sie trieben beispielsweise Geld ein und hätten sogar Beschwerdestellen etabliert. Und weil die Afghaninnen und Afghanen auch von ihrer gewählten Regierung in Kabul enttäuscht sind, müssten die Taliban als Regierungshandelnde gar keine Wunder vollbringen.

Der Westen hat sich mit dem Truppenabzug zwar seiner militärischen Option beraubt. Um auf diplomatische Gespräche zur Zukunft Afghanistans einzuwirken, hat die internationale Staatengemeinschaft aber noch einen Hebel in der Hand, die Taliban zu bändigen: Geld.

Afghanistan ist wegen seiner mangelnden wirtschaftlichen Entwicklung weiterhin massiv auf Finanzhilfe angewiesen. "Die Taliban werden warten, bis die ausländischen Truppen wirklich weg sind und dann anfangen, einen eigenen Gesprächsfaden zu spinnen, ihre eigenen Themen zu setzen", prognostiziert Ruttig. Sie wollten offenbar über Verhandlungen an die Macht und bestehende Strukturen übernehmen. So "haben sie die größte Hürde auf dem Weg an die Macht aus dem Weg geräumt - die amerikanischen Truppen", sagt AAN-Chef Ruttig.

Ständige Konflikte und Machtwechsel prägten die vergangenen Jahrzehnte in Afghanistan, dennoch erkennt Ruttig einen roten Faden: Die Kommunisten hätten ihn vom Königreich übernommen, die Mudschaheddin von den Kommunisten, die Taliban von den Mudschaheddin: "Sie haben immer dieselben Ministerien gehabt, da saßen auch immer dieselben Bürokraten drinnen. Die haben sich dann eben nur einen Bart wachsen lassen und manchmal abrasiert. So wird es für viele wohl auch weitergehen."

© SZ
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