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Afghanistan:"Es gibt kein Wort, das den Horror beschreibt"

Explosion nahe Schule in Kabul

Eine verletzte Schülerin wird nach der Bombenexplosion in der Nähe einer Schule im Westen von Kabul in einem Krankenhaus versorgt.

(Foto: Rahmat Gul/dpa)

Bei einem Anschlag nahe einer Schule in Kabul sterben mindestens 68 Menschen, unter ihnen viele Schülerinnen. Die Regierung macht die Taliban verantwortlich - doch aus den Äußerungen spricht vor allem eines: Hilflosigkeit.

Von Tobias Matern

Mohammad betreibt einen kleinen Laden im Westen Kabuls, bis zur Ul-Shuhada-Schule ist es nur ein Steinwurf. Als er am Samstag die Erschütterungen spürte und die Detonationen hörte, eilte er sofort in Richtung Schule. Den 35-Jährigen hatte die Angst befallen, denn schließlich waren seine Schwester und sein Neffe gerade auf dem Weg zur Schule. "Als ich ankam, herrschte das absolute Chaos, überall auf dem Boden lagen Körper, es gibt kein Wort, das den Horror beschreiben kann", sagt Mohammad ein paar Stunden nach dem Anschlag. Er machte sich auf die Suche, erfuhr, dass Helfer seine Schwester in ein Krankenhaus gebracht hatten, dass sie wie sein Neffe mit leichten körperlichen Verletzungen davongekommen sei: "Sie ist verwundet, aber jetzt geht es ihr schon wieder etwas besser."

Mohammads Familienmitglieder haben die Attacke überlebt, doch mindestens 68 Menschen, unter ihnen viele Schülerinnen, sind ihr zum Opfer gefallen. Weitere 100 Menschen liegen im Krankenhaus, ein Teil von ihnen mit schweren Verletzungen. "Ich komme mit dem Zählen nicht mehr hinterher, wie viele Zivilisten allein in diesem Monat gestorben sind. Dieser Krieg muss aufhören, dieser Wahnsinn, die Kränkungen, der Schmerz", teilte Shaharzad Akbar, Chefin der afghanischen Menschenrechtskommission, über Twitter mit. Dieser Wahnsinn in Zahlen: Mindestens 140 afghanische Sicherheitskräfte und 44 Zivilisten wurden allein in der vergangenen Woche im Land getötet - vor dem Anschlag auf die Schule in Kabul.

Ein Ende des Krieges ist nicht in Sicht. Der Westen hat sich entschlossen, den Einsatz bis zum 11. September, dem 20. Jahrestag der Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon, zu beenden. Doch die Friedensgespräche zwischen Vertretern der afghanischen Regierung und den Taliban stecken in einer Sackgasse, eine in Istanbul geplante internationale Friedenskonferenz ist verschoben worden. Und so wächst die Angst in Afghanistan, dass der Westen geht, der Krieg aber einfach weitergeht.

Das Attentat galt den Hasara

Der Anschlag vom Wochenende trägt indes nicht die Handschrift der Taliban: In dem Stadtteil, in dem die Schule steht, wohnen mehrheitlich schiitische Hasara. Der sogenannte Islamische Staat, sunnitischen Extremisten, haben die schiitischen Hasara bereits häufiger ins Visier genommen. "Dieser Anschlag, so wie andere des Islamischen States, sind der Versuch, sektiererische Gewalt zwischen den Religionsgruppen zu entflammen", sagte der Afghanistan-Experte Ahmed Rashid der Süddeutschen Zeitung. Der IS wolle Afghanistan zu einer "Bastion des sunnitischen Fundamentalismus" machen. Und da suche sich die Terrorgruppe in der Volksgruppe der Hasara "die progressivste und am besten gebildete Gruppe aus, um deren sozialen Aufstieg zu verhindern".

Allerdings sprach ein Beobachter in Kabul davon, in Afghanistan herrsche "der feste Glaube, dass alle terroristischen Gruppen unter einem Schirm arbeiten - dem der Taliban". Das scheint die afghanische Regierung auch so zu sehen. Ein Sprecher des Innenministeriums machte die Taliban explizit für den Anschlag verantwortlich, die zuvor jede Beteiligung dementiert hatten. Auch Präsident Aschraf Ghani teilte mit, die Taliban hätten erneut unter Beweis gestellt, dass sie den Friedensprozess sabotierten.

Aus den Worten der Kabuler spricht auch eine gewisse Hilflosigkeit: Seit die USA sich dem Willen der Taliban gebeugt haben und das Land bis Herbst verlassen werden, obwohl bisher kein innerafghanischer Frieden herrscht, haben die Islamisten eine Reihe diplomatischer Trümpfe in der Hand. So bräuchten Ghanis Unterhändler nun zügig Erfolge in den stockenden Verhandlungen, die Taliban wiederum können sich Zeit lassen: Wenn der Abzug im September vollzogen sein wird, haben die einheimischen Sicherheitskräfte keine westliche Schutztruppe mehr, die ihnen zur Seite steht. Viele Beobachter in Kabul rechnen damit, dass die Taliban dann den Griff nach der ganzen Macht wagen.

Auf der Todesliste der Taliban

Sher Mohammad Abbas Stanekzai, einer der Verhandlungsführer der Taliban, sagte vergangene Woche, seine Bewegung strebe keine militärische Machtübernahme in Kabul an. Diese Worte seien während eines Treffens mit Vertretern der Vereinten Nationen und anderen westlichen Diplomaten gefallen, berichtete der afghanische Nachrichtensender Tolonnews. Stanekzai betonte aber erneut, dass die Taliban auch keine Koalition mit Ghani anstrebten. Stanekzai sicherte dem Bericht zufolge zu, dass Frauen im politischen Prozess in Afghanistan weiterhin eine Rolle spielen dürften und dass die Meinungsfreiheit erhalten bleiben werde - allerdings betonte er, dies müsse im Rahmen der islamischen Scharia geschehen.

Nach wie vor machen die Taliban jedoch nicht deutlich, wie sie sich die politische Zukunft für Afghanistan genau vorstellen. Sie betonen vor allem, was sie nicht wollen - und auch der Verweis auf die Scharia bleibt nebulös, da Afghanistan bereits eine Verfassung hat, die hervorhebt, dass keine Gesetze verabschiedet werden dürfen, die sich mit dem Islam nicht in Einklang bringen lassen.

Afghanische Frauenrechtlerinnen sehen in Sätzen wie denen von Stanekzai denn auch vor allem Lippenbekenntnisse. Dass sie nicht in der Lage seien, das Land zu regieren, hätten die Taliban "schon einmal bewiesen", sagte eine Aktivistin der SZ am Sonntag. An deren Einstellung habe sich nichts geändert, betonte die Frau, die auf Anonymität bestand, weil sie sicher ist, dass sie auf einer Todesliste der Islamisten steht.

Andere Beobachter, die sich mit den Taliban auskennen, gehen davon aus, dass zumindest den Verhandlungsführern, die viel Umgang mit ausländischen Diplomaten haben, eines klar ist: Die vom Westen zugesagten Hilfsgelder werden nach dem Abzug nur weiter fließen, wenn die Taliban sich an gewisse Normen halten, etwa die Einhaltung der Rechte für Frauen und Mädchen. Zumindest auf der Führungsebene habe sich ein gewisser Pragmatismus etabliert, glauben Analysten - ob der allerdings bei den zahlreichen örtlichen Splittergruppen der Taliban ebenfalls vorherrscht, ist zweifelhaft.

An dieser Geschichte hat ein afghanischer Journalist in Kabul mitgearbeitet.

© SZ/kus
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