Nordrhein-Westfalen:Rückschlag für den Anti-Höcke

Nordrhein-Westfalen: 78 Prozent der nordrhein-westfälischen AfD-Delegierten wollten Martin Vincentz (re.) als Landeschef behalten.

78 Prozent der nordrhein-westfälischen AfD-Delegierten wollten Martin Vincentz (re.) als Landeschef behalten.

(Foto: Christoph Reichwein/dpa)

Die NRW-AfD wählt Martin Vincentz wieder zu ihrem Chef. Er gilt als gemäßigt und will die Partei gegen Rechtsextremisten und Verfassungsschutz wappnen. Doch in den Vorstand kommt auch ein Mann, der selbst der Bundestagsfraktion als zu radikal gilt.

Von Christian Wernicke, Marl

Am Samstagnachmittag um 14.18 Uhr scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Jedenfalls nach den Standards der AfD, deren turbulente Parteitage häufig ins Chaos abgleiten. Drei von vier Delegierten (78,3 Prozent) des größten Landesverbandes der Rechtspopulisten haben gerade Martin Vincentz als ihren Vorsitzenden wiedergewählt. Der 37-jährige Mediziner gibt sich gern als gemäßigter Kopf der Partei. Im Eventzentrum in Marl - einer schlichten Halle, in der sonst gern türkische Hochzeiten zelebriert werden - nutzen Parteifreunde die kurze Pause, um sich zu erleichtern: Vorbei am Gebetsraum eilen sie zum Männerklo, wo ein Anhänger Vincentz bereits als künftigen Taktgeber der Bundes-AfD handelt: "Der Martin, das ist unser Anti-Höcke!"

Vincentz, der neue Gegenpol zum mächtigen AfD-Rechtsaußen Björn Höcke aus Thüringen? Ehrgeiz hat der Mann. Aber Vincentz Hoffnung auf klare Verhältnisse platzt nach fünf Stunden. Da umjubelt der Saal schon wieder einen anderen Helden: Matthias Helferich, einem mutmaßlichen Höcke-Vertrauten, gelingt ebenfalls der Sprung in den NRW-Vorstand. Vincentz ist entsetzt, er weiß: Von sofort an wird ihm in jeder Sitzung ein blauer Parteifeind auf die Finger schauen. Ihm in den Arm fallen und daran hindern wollen, sobald Vincentz versucht, die AfD im Westen gegen rechtsextreme oder identitäre Kreise abzugrenzen.

Helferich nannte sich einmal "freundliches Gesicht des NS"

Genau das nämlich hatte Helferich vor der Wahl seinen johlenden Anhängern versprochen. Der Parteitag solle mit ihm einen Landesvorstand schaffen, "der Schild ist für alle Mitglieder" - und nicht etwa "ein Richtschwert" gegen einige. Am lautesten klatschen da die Delegierten in den dunkelblauen Kapuzenpullis von der Jungen Alternative (JA) in NRW, die der Verfassungsschutz inzwischen als rechtsextremistischen Verdachtsfall beobachtet.

Den Vorwurf, die Nachwuchs-Organisation verfolge einen "ethnisch definierten Volksbegriff", verkehrte Helferich in Marl lächelnd zur Ehrensache der AfD: "Schuldig im Sinne der Anklage!" Der 35-jährige Bundestagsabgeordnete aus Dortmund hatte sich einst selbst als "freundliches Gesicht des NS" (Nationalsozialismus) bezeichnet - und wird im Bundestag in Berlin aus der AfD-Fraktion ferngehalten. Dass der NRW-Landesvorstand die Zuschüsse an die eigene Parteijugend kürzte und soeben ein Schiedsgericht den Vize-Chef der JA aus der Partei warf, empfinden Helferich und seine Freunde als Verrat an der rechten Sache.

Martin Vincentz, der alte wie neue AfD-Landeschef, verfolgt einen anderen Kurs. Er gibt eher das freundliche Gesicht der AfD. Vincentz will, so hat er es vor dem Parteitag dem WDR gesagt, Brandmauern bauen gegen die eigenen Rechtsaußen: Als "rechteste Partei im bundesdeutschen Parteienspektrum" habe man "eine sehr große Verantwortung", sich tunlichst abzugrenzen gegen Rechtsextreme.

Der Vorsitzende gibt sich als smarter Parteimanager

In Marl präsentierte sich Vincentz den knapp 650 Delegierten als smarter Parteimanager. Einer, der seine AfD rüsten will - für Größeres. Seit dem Tief bei den NRW-Landtagswahlen im Mai 2022 mit nur 5,4 Prozent - "ein Gefrierpunkt für uns" - modernisierte der Landeschef den Parteiapparat; jetzt meldet er Rekordspenden. Und Zulauf: Von gut 4000 auf inzwischen 7050 stieg die Zahl der NRW-AfDler. Allein seit der Veröffentlichung des Recherche-Verbundes Correctiv über das Treffen in Potsdam, bei dem rechtsextreme und identitäre Vertreter über Pläne für eine massenhafte Zwangsausweisung von Menschen mit Migrationsgeschichte berieten, habe man 851 neue Mitglieder aufgenommen. Und weitere 1900 Anträge lägen auf Halde. Umfragen sehen die Blauen bei 13 bis 15 Prozent Zustimmung an Rhein und Ruhr, Vincentz kalkuliert gar mit 18 Prozent und macht seine Rechnung auf über die künftigen Gewichte zwischen Ost- und West-AfD: "Das wären dann", so ruft Vincentz aus Marl hinüber nach Erfurt, "mehr Wähler, als Thüringen Einwohner hat."

Vor allem im nördlichen Ruhrgebiet - einer strukturschwachen, in etlichen Stadtvierteln verarmten Region mit überdurchschnittlich vielen Zuwanderern - will die AfD punkten. Und in Duisburg, Gelsenkirchen oder Herne gar zur stärksten Partei werden bei der Europawahl im Juni, oder spätestens im Herbst 2025, bei der Bundestags- und NRW-Kommunalwahl.

Dazu jedoch, so warnt Vincentz, müsse man wachsam sein. Als Vater zweier Töchter mahnt er vom Pult herab sein Parteivolk, Kinder vor Dragqueens oder Scharia-Polizei zu schützen. Das beschert ihm Jubel. Als Parteichef hingegen fürchtet er die bundesdeutschen Sicherheitsbehörden - und eben blaue Rechtsextremisten, die den eigenen Laden ruinieren könnten. "Der Gegner, der Verfassungsschutz, ist weitaus stärker", ruft er, "wir müssen uns intelligent verhalten." Und der radikale Parteinachwuchs dürfe nicht "die Mutterpartei" gefährden. Im Falle eines Parteiverbots sei alles verloren - "alle Mandate, alle Gelder". Als Landesvorsitzender, so verspricht er, werde er "alles tun, um das zu verhindern".

Das jedenfalls war der Plan des Martin Vincentz gegen 14 Uhr am Samstag. Die 2000 Gegendemonstranten im Regen waren längst abgezogen, über dem Eventzentrum riss sogar die Wolkendecke auf. Der Rückschlag für den "Anti-Höcke" kam mit dem Sonnenuntergang.

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