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68er-Bewegung:Vom Pudding-Attentat zum Kaufhausbrand

"Der Ursprung des linken Terrorismus Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre lag in meinen Augen in der Subversiven Aktion, aus der die Kommune I hervorging", sagt Kraushaar. "Ihre provokativen Aktionen und phantasievollen Demonstrationsformen hatten einen enormen Öffentlichkeitserfolg. Nach anfänglichen Widerständen setzten sie sich damit auch im SDS durch." Als Zielscheiben dienten den Aktionisten Professoren, Politiker und Autoritäten, die in der öffentlichen Kritik standen.

60 Jahre Bundesrepublik - RAF-Terror

Thorwald Proll, Horst Söhnlein, Andreas Baader und Gudrun Ensslin auf der Anklagebank: Ihre Brandanschläge in zwei Frankfurter Kaufhäusern gelten als Wendepunkt zum Terrorismus.

(Foto: dpa)

So etwa US-Vizepräsident Hubert Humphrey. Pudding, Mehl, Farbe in Beuteln brachten die Nation in Aufruhr. Mit einem Pseudo-Attentat am 6. April 1967 wollten die Antiautoritären Humphrey in Deutschland begrüßen - als Protest gegen den Vietnamkrieg. Es wäre die erste Aktion der politisch motivierten Wohngemeinschaft Kommune I gewesen, doch die Polizei nahm die acht "Attentäter" in Gewahrsam. Mit dabei: Dieter Kunzelmann, der die Kommune I mitbegründet hatte.

Nach dem 2. Juni 1967 schlug die Stimmung um

Nach einer Zäsur fand die Revolte bundesweit Unterstützer und wurde gewaltbereiter: Wenige Monate nach Humphrey besuchte der persische Schah Reza Pahlavi Deutschland. Auch er war den Studierenden ein Dorn im Auge, sie demonstrierten gegen sein Regime und den Besuch. Die Proteste am 2. Juni 1967 eskalierten, ein Polizist tötete den Studenten Benno Ohnesorg durch einen Kopfschuss aus geringer Entfernung.

Noch am selben Abend diskutierte der SDS über die eigene Bewaffnung. Mitglieder der Studentenbewegung und der APO waren davon überzeugt, dass sie sich gewisse Sachen nicht mehr gefallen lassen sollten. Nach dem Tod Ohnesorgs gewannen die Aktionisten im SDS die Oberhand. Und ihr zuvor satirisch aggressiver Ton schlug in Taten um.

"Ein brennendes Kaufhaus mit brennenden Menschen vermittelte zum erstenmal in einer europäischen Großstadt jenes knisternde Vietnamgefühl (dabeizusein und mitzubrennen), das wir in Berlin bislang noch missen müssen", texteten Rainer Langhans und Fritz Teufel, Mitglieder der Kommune I. Das oft zitierte Flugblatt veröffentlichten sie nach einem Kaufhausbrand in Brüssel am 22. Mai 1967, bei dem 322 Menschen starben.

Die Zeilen brachten sie mit dem Gesetz in Konflikt. Ihr Verteidiger: Horst Mahler. Die Richter sprachen Langhans und Teufel frei, sie erkannten die "satirische Note" ihrer Schrift. Zwölf Tage nach dem Urteil brannten zwei Kaufhäuser in Frankfurt, weil die Vierergruppe um Proll, Söhnlein, Ensslin und Baader Brandsätze legte. Die Umsetzung des satirischen Flugblatts. "Es genügt nicht, dass der Gedanke zur Verwirklichung drängt, die Wirklichkeit muss sich selbst zum Gedanken drängen", zitiert Thorwald Proll heute Karl Marx und fügt hinzu: "Diese Prophezeiung trat 1967 ein, denn das war und tat die Studentenbewegung."

Kolumne von Norbert Frei Die wilden 67er Bilder
68er Bewegung

Die wilden 67er

Der Tod von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 war der Auftakt dessen, was wir heute als "68er Bewegung" kennen. Er verwandelte den Protest der linken Studenten in eine breite antiautoritäre Revolte, die ganz Deutschland erfasste.   Von Norbert Frei

Knapp ein Jahr, nachdem sich Thorwald Proll der Polizei gestellt hatte, durfte er das Gefängnis vorzeitig verlassen. Nach der Haftstrafe konzentrierte er sich aufs Schreiben, publizierte mehrere Bücher. Er hatte keinen Kontakt zu Baader und Ensslin mehr. Mit der Entwicklung seines Leben scheint er zufrieden zu sein: "Verachtet habe ich in meiner Jugend, Bonze und/oder Kapitalist zu werden. Ich bin es im Alter auch nicht geworden. Insofern habe ich dem Schicksal einen Strich durch die Rechnung gemacht", schreibt er.

Während Proll mit keiner weiteren politisch motivierten Tat in die Öffentlichkeit rückte, formten sich aus Mitgliedern der Kommune I die ersten Gruppierungen wie die Tupamaros West-Berlin und Tupamaros München. Sie gingen in den Untergrund, noch bevor sich 1970 die RAF gründete. Später schlossen sich kleine gewaltbereite Gruppen zu der linken Terrorvereinigung Bewegung 2. Juni zusammen. Die Mitglieder verübten Bombenattentate und entführten führende Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik.

Die Zeit des "linken Terrorismus" scheint zumindest in Deutschland seit fast zwei Jahrzehnten vorbei zu sein. Doch ein paar Ex-RAF-Leute sind noch immer auf der Flucht. Inzwischen im Rentenalter fielen sie in den vergangenen Jahren weniger durch ideologiegeleitete Aktionen auf als durch Raubzüge und Überfälle. Höchstwahrscheinlich dienten sie ihnen lediglich zur eigenen Existenzsicherung. Was für ein Ende für einen Aufbruch gegen jegliche Konventionen - und Kampf für die "gute Sache".

Was von den 68ern bleibt
68er Revolte

Vom tödlichen Schuss auf Benno Ohnesorg über die Massendemonstrationen bis zum blutigen Terror der RAF: SZ-Texte, Interviews und Fotos zur 68er Bewegung finden Sie hier.

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