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20 Jahre Mauerfall:Was zur Einheit fehlt

Die Öffnung der Stasi-Akten war Segen und Fluch. Nach dem Mauerfall wurde 20 Jahre lang verdächtigt, bezichtigt, geargwöhnt - und aufgeklärt. Jetzt kann es endlich Gnade geben.

Heribert Prantl

Die 40 Jahre deutsche Teilung samt Anfang und Ende entgleiten langsam dem Gedächtnis. Die zwanzigsten Gedenktage, wie sie jetzt und im kommenden Jahr gefeiert werden, halten das Entgleiten noch ein wenig auf. Zeitungen und Fernsehsender blättern im Album der Bilder und Erinnerungen; und die Frage "Weißt du noch?" signalisiert, dass viel Zeit vergangen ist seit damals.

Frisch ist das Gefühl der Wiedervereinigung nicht mehr.

(Foto: Foto: dpa)

Die immer wieder gedruckten Bilder, die immer wieder gesendeten Filme - sie konservieren das Gefühl, das man hatte, als sie aufgenommen wurden. Aber das Wort "konservieren" sagt es ja schon: "Frisch" ist das Gefühl nicht mehr. Es ist alt geworden, so wie die Protagonisten von damals alt geworden sind; der Anblick des hinfällig gewordenen Helmut Kohl bei einer Einheitsfeier rührt auch die an, die einst nicht seine politischen Freunde gewesen sind. 20 Jahre ist der Fall der Mauer jetzt her.

Ein Friedensschluss nach 20 Jahren

Der Osten hat in dieser Zeit über den Westen sehr viel mehr gelernt als der Westen über den Osten. Viele Westdeutsche reden 20 Jahre nach 1989 über die Ostdeutschen immer noch so, als sei die eine Hälfte von ihnen hauptamtlich bei der Stasi gewesen und die andere Hälfte nebenamtlich.

Im Video: In Berlin liefen am Sonntag die Vorbereitungen für den 20. Jahrestag des Mauerfalls auf Hochtouren. Doch einige bewegt die Frage, ob die Welt durch den historischen Moment automatisch besser geworden ist.

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Zu diesem Bild haben ausgerechnet die Bürgerrechtler mit der von ihnen erzwungenen Öffnung der Stasi-Akten beigetragen. Die darin entdeckten Geschichten waren das Schlimmste, was es aus dem Osten zu berichten gab; es waren und sind Geschichten von Heimtücke, Gemeinheit, Verrat und Verleumdung.

Und weil nun einmal solche Geschichten von menschlicher Schwäche und Bosheit so erregend sind, ist darüber so unendlich viel geschrieben und gesendet worden, dass das Thema Stasi den Blick auf die DDR beherrschte, dass es für den politischen Tageskampf benutzt wurde und dass viele im Westen das für bestätigt hielten, was sie schon gedacht hatten, als es noch zwei deutsche Staaten gab: Die DDR sei bewohnt gewesen von lauter kleinen Ulbrichts, Mielkes und Honeckers.

Die Bürgerrechtler sind nach diesem falschen Bild nur die Sultaninen in einem vergifteten Teig.

Die Öffnung der Akten war eine gute Forderung der Bürgerrechtler gewesen. Sie wurde nicht zuletzt deswegen erfüllt, weil ihnen sonst von den Einheitsverhandlern der Bundesrepublik wenig geschenkt und ihnen bei der deutschen Homogenisierung ihr revolutionärer Elan schnell genommen wurde.

Lesen Sie weiter, was die Aufarbeitung der DDR von der Auseinandersetzung mit der Nazi-Herrschaft unterschied.

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