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100 Tage Bundesregierung:Die FDP lächelt - und gibt sich ein kleines bisschen abgestoßen

Einen bemerkenswerten Auftritt zur 100-Tage-Bilanz hat Christian Lindner hingelegt. Er hat mit ernstem Gesicht beklagt, dass ihn die Art, wie Angela Merkel in den Reihen der Union zur "Hassfigur" gemacht werde, doch ein bisschen erschrecken würde.

Schlecht klingt das nicht, es wirkt einfühlsam - und vielleicht empfindet er das ja wirklich so. Allerdings gibt es zu all dem eine Vorgeschichte, die Zweifel offen lässt, ob er es wirklich so gemeint hat. Denn in den letzten 100 Tagen hat Lindner mindestens neunzig Tage dafür verwendet, dem Publikum Merkel als gescheiterte Kanzlerin vorzuführen.

Er machte dies in einer Art, die in Tonlage und Attackenstärke den Eindruck vermittelte, auch ihm sei an der Demontage der Kanzlerin sehr gelegen. Bis hinein in die vergangene Krisenwoche der Koalition war Lindner vorneweg mit dabei, das Signal zu senden, diese Kanzlerin sei politisch am Ende und müsse eigentlich abgelöst werden. Lindner betonte dabei auch, dass er in der Streitfrage auf der Seite von Horst Seehofer, dem Bundesinnenminister, stehe.

Die Liberalen wollen nicht dauernd in einem Atemzug mit der CSU genannt werden

Die Konsequenz: Egal, ob Lindner sich von der Aggressivität anderer mittlerweile distanzieren möchte - die Bild-Zeitung machte aus seinem Auftritt "einen der brutalsten Angriffe der letzten Tage". Was der Zeitung gefallen könnte, ist ihm möglicherweise unangenehm.

Wie sagte er es am Freitagmorgen im ZDF: Er wolle in diesen Tagen nicht dauernd in einem Atemzug mit der CSU genannt werden. Lindner bezog das auf Europa-kritische Äußerungen von Markus Söder. Aber er dürfte sich nicht wundern, dass diese präzise Trennung Medien wie die Bild-Zeitung nicht mehr vornehmen.

Hinter Lindners Haltung steht bis heute sein Bemühen, das Nein zu Jamaika aus dem vergangenen November immer wieder neu zu begründen. So gesehen dürfte er innerlich froh sein, in welchen Schwierigkeiten die große Koalition und die Kanzlerin stecken. Schmal aber ist gerade auch für einen wie ihn der Grat, auf dem er nun wandelt: Nicht wie die Rechtspopulisten klingen - und die Kanzlerin doch attackieren. Sollte es in der Union tatsächlich zum Bruch kommen, wird die FDP deshalb auf Neuwahlen drängen.

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