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Zum Tod des Cap-Anamur-Gründers:Das ungewöhnlichste Wohnzimmer der Republik

Wenn eine Geschichte des Wohnzimmers als eines deutschen Erinnerungsorts geschrieben werden würde, müsste das Wohnzimmer von Christel und Rupert Neudeck in Troisdorf bei Bonn besonders erwähnt werden: es ist das wohl ungewöhnlichste Wohnzimmer der Republik - nicht einer spektakulären Möblierung wegen, sondern wegen der spektakulären Aktionen, die dort geboren und gelenkt wurden. Dies Wohnzimmer war und ist Zentrale für Rettungsaktionen zu Wasser und zu Lande in aller Welt.

Als vor ein paar Wochen Christel und Rupert Neudeck in Stuttgart mit dem Erich-Fromm-Preis ausgezeichnet wurden, zählte der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse in seiner Laudatio die humanitären Aktionen auf, die die Neudecks auf die Beine gestellt haben: Es sind bis zum heutigen Tag weit mehr als dreißig - in Somalia, Uganda, Äthiopien, Tschad, Mosambik, Eritrea, im Irak und in Angola, Bosnien, Ruanda, Tschetschenien, Libyen, Syrien. Es wurden Minen geräumt und Krankenhäuser errichtet, Gesundheits- und Nahrungsstationen, Schulen und Straßen gebaut, Brunnen, Solaranlagen, Ambulanzen und Gotteshäuser. Eine kleine, familiäre Hilfsorganisation hat gerackert und gerettet, geworben, gepredigt, geschafft.

Rupert Neudeck an Bord der Cap Anamur

Mehr als 10 000 vietnamesische Flüchtlinge aus Seenot gerettet: Rupert Neudeck auf der Cap Anamur.

(Foto: Schiller/dpa)

Radikaler Humanist, pragmatischer Pazifist

Wenn das Wort Bürgerinitiative in Deutschland guten Klang hat, dann liegt das nicht zuletzt an Rupert Neudeck und seinen Initiativen. Er hat, zusammen mit seiner Frau, gezeigt, was ein Einzelner vermag. Er war ein wunderbarer Vorarbeiter der Solidarität und des Gemeinsinns; er war ein barmherziger Samariter der Moderne, ein Christ, ein radikaler Humanist. Und er war Pazifist, der aber - weil er andere Möglichkeiten nicht sah - die Bewaffnung der kurdisch-irakischen Peschmerga im Nordirak gegen den IS unterstützte, wofür er auch von seinen Freunden Kritik erntete. Er war pragmatischer Pazifist, einer, der beim Außenminister dafür vorstellig wurde, Minenräumpanzer zu erhalten. Zuletzt, bei der Dankesrede für den Erich-Fromm-Preis, hat er für "Differenzierungen im Begriff Pazifismus" geworben.

Cap Anamur: "Die Arbeit dafür war für mich der schönste Ausdruck der Sehnsucht, nicht mehr feige zu sein" - so sagte es Neudeck mit Blick auf die Feigheit so viele Deutscher in und nach der Nazi-Zeit. Und feige war er bei Gott nicht; er wagte sich in die Kriegsgebiete, dorthin auch, wo sich in Afghanistan kein deutscher Soldat wagte; sein Gottvertrauen und sein humanitärer Wagemut waren gleichermaßen unerschütterlich. Wenn vor ihm ein Fahrzeug auf einer Tellermine explodierte, war ihm das Ansporn, die Aktivitäten gegen das Verbot von Landminen noch zu verdoppeln.

Grünhelme: Christen, Muslime, Menschen guten Willens

Als die Arbeit mit der Cap Anamur zu Ende war, gründete er 2003 zusammen mit Aiman Mazyek, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland, das internationale Friedenskorps "Grünhelme". Von diesem Hilfs- und Wiederaufbauprojekt sagte Klaus Töpfer, damals Leiter des UN-Umweltprogramms: "Je mehr Grünhelme wir in die Welt entsenden, desto weniger Blauhelme brauchen wir." Blauhelme sind die militärischen Einheiten der Vereinten Nationen.

Neudeck selbst beschrieb seine Grünhelm-Idee so: "Christen, Muslime und andere Menschen guten Willens bauen gemeinsam auf, was andere widerrechtlich zerschlagen haben."

Stolz auf Papst Franziskus

In seinen letzten Texten (etliche wurden als "Außenansicht" in der SZ abgedruckt) warb Neudeck mit Verve für eine humane Flüchtlingspolitik; er verzweifelte am deutschen Bürokratismus, am Durcheinander der Ämter und Zuständigkeiten. Am Telefon erinnerte er jüngst an einen Satz von Kurt Tucholsky: "Wenn zwei Deutsche im Hof Holz zerspalten, stehn drei andere herum, die das verwalten." Neudeck stand nie herum, er hat organisiert und angepackt. Er war stolz auf seinen Papst Franziskus, dessen Besuch auf Lampedusa er einen Glücksfall nannte.

Wenn es in diesen Zeiten so etwas wie einen Heiligen gibt - dann war er einer. Rupert Neudeck ist Dienstagmorgen 77-jährig nach einer Herzoperation gestorben.

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