bedeckt München 17°

Rupert Neudeck über den Krieg in Syrien:"Die Katastrophe steckt in den Köpfen der Kinder"

Rupert Neudeck im Norden Syriens: Seine Organisation "Grünhelme" half dort neun Monate lang beim Aufbau von Hospitälern und Schulen

(Foto: Rupert Neudeck)

Rupert Neudeck ging mit den "Grünhelmen" nach Syrien, um Krankenhäuser und Schulen wiederaufzubauen. Dann entführten radikale Islamisten drei seiner Mitarbeiter.

Als die meisten ausländischen Hilfsorganisationen noch zögerten, ging Rupert Neudeck mit seiner Organisation "Grünhelme" nach Syrien. Im Norden des Landes hatten die Rebellen erste Gebiete unter ihre Kontrolle gebracht, dort begannen die "Grünhelme" im September 2012 mit dem Aufbau von Schulen und Hospitälern.

Neun Monate später verschleppten mutmaßliche radikale Islamisten drei Helfer der Organisation. Über den Hilfseinsatz und die Entführung hat Neudeck Tagebuch geführt. Unter dem Titel "Es gibt ein Leben nach Assad" sind seine Aufzeichnungen jetzt erschienen. Fast zeitgleich konnte sich der letzte der drei "Grünhelme" aus der Geiselhaft befreien.

Seit 34 Jahren engagiert sich Rupert Neudeck in Krisengebieten. Anfang der 1980er Jahre gründete er das Notärztekomitee Cap Anamur, 2003 folgten die "Grünhelme". Ein Gespräch über das Trauma der Entführung und das Leid der Syrer, das den 74-jährigen Neudeck nicht loslässt.

SZ.de: Herr Neudeck, im September 2012 schlossen Sie noch eine Wette ab, dass Assad innerhalb weniger Monate stürzen wird. Warum lagen Sie so falsch damit?

Rupert Neudeck: Ich gebe zu, ich habe mich da total geirrt - aber ich war nicht alleine damit. Alle Beobachter waren zu dieser Zeit der festen Überzeugung, dass die Freie Syrische Armee auf dem Weg zum Sieg ist. Ich weiß nicht genau, warum es anders gekommen ist. Seit dem vergangenen Frühjahr kommen immer mehr Mudschaheddin nach Syrien, womöglich hat die Rebellion dadurch einen Knacks bekommen. Die Entführungen durch diese "Gotteskrieger" haben stark zugenommen, die Rebellen sind gespaltener als früher.

Würden Sie nochmal auf das Ende Assads wetten? Immerhin heißt Ihr Buch "Es gibt ein Leben nach Assad".

Natürlich wird es ein Leben nach der Dynastie Assad geben. Aber ich würde keine Wette samt Prognose mehr eingehen, wann das sein wird. Denn es hat sich gezeigt, dass keine der beiden bewaffneten Seiten den Sieg erringen kann. Das habe ich 2012 noch anders gesehen. Jetzt hilft eigentlich nur noch eine Konferenz mit allen Beteiligten. Die Aussichten dafür sind besser als 2012, weil die Großmächte USA und Russland sich entschlossen haben, alle Kriegsparteien an den Konferenztisch zu bringen. Eigentlich ist das eine gute Voraussetzung, ebenso wie die geplante Zerstörung der Chemiewaffen.

Wie ist derzeit die humanitäre Lage im Land?

Weiterhin katastrophal, für die Menschen wird nicht genug getan. Kinder sind abgeschnitten von jeglicher Schulbildung. Sie erleben, dass ihre Eltern sie nicht schützen können, das brutalisiert Kinder. Die humanitäre Katastrophe macht sich vor allem in den Köpfen der Heranwachsenden breit. Es geht nicht nur um Aspirin und Milchpulver, sondern auch darum, dass Menschen wieder menschenwürdig leben können - in ihren Heimatdörfern, nicht in Flüchtlingslagern. Das Lagerleben ist furchtbar für Familien.

A wounded child sits on a stretcher as he is treated in a temporary medical center after he was injured during a shelling by forces loyal to President Bashar al Assad, in Aleppo

Ein von einem Granatenangriff durch Assads Truppen verwundetes Kind in einem improvisierten Krankenhaus in Aleppo

(Foto: REUTERS)

Im Internet kursieren Videos, auf denen halb verhungerte Kinder zu sehen sind. Sie sollen aus Moaddamiyeh al-Sham stammen, einem Vorort von Damaskus. Könnten die Videos echt sein?

Die könnten schon echt sein, aber es handelt sich da um einen Ausnahmefall. Moaddamiyeh al-Sham gilt als wichtiger Standort der oppositionellen Kämpfer in Damaskus. Dort wird Hunger erzeugt, indem die Regierungskräfte das Viertel abschotten. Denn im Land herrscht kein flächendeckender Hunger. Das liegt an einer perfekt funktionierenden Schmuggelökonomie, die das Land ziemlich gut ernährt.

Die "Grünhelme" waren 2012 fast die einzigen ausländischen Helfer in Syrien. Nach der Entführung Ihrer Mitarbeiter sind auch Sie abgezogen. Gibt es andere Hilfsorganisationen, die noch in Syrien sind?

Keine ausländischen. Man kann eigentlich gar nicht mehr rein ins Land, außer vielleicht für ein paar Stunden, um Lieferungen von Hilfsgütern zu begleiten. Leider hat die Entführung unserer Mitarbeiter viele Organisationen abgeschreckt. Damals wollten gerade auch andere Organisationen wie die Caritas und die Welthungerhilfe im syrisch-türkischen Grenzgebiet tätig werden. Heute leisten vor allem kleinere syrische Organisationen erstaunliche Arbeit.

Was könnte die Bundesregierung tun, um zu helfen?

Es gibt im türkischen Grenzgebiet jetzt ein deutsches Büro, das Hilfslieferungen über die Grenze möglich macht. Partner aus Syrien holen die Hilfsgüter dann an der Grenze ab. Das erleichtert die humanitäre Arbeit. Von Nordirak oder Jordanien aus wäre ein solches Büro auch möglich. Zweitens sollte die Bundesregierung alles tun, damit die syrische Opposition ohne Wenn und Aber an den Konferenztisch kommt. Die Opposition sollte wissen, dass sie die Unterstützung derer hat, die es gut mit Syrien meinen. Und drittens muss die Bundesregierung dafür sorgen, dass die Verhandlungen auch Iran einschließen. Denn ohne Iran wird es keinen Waffenstillstand oder gar Friedensabkommen geben.

Lebensretter und Idealisten: Cap Anamur wird 30

Rupert Neudeck: "Die humanitäre Lage in Syrien ist katastrophal."

(Foto: dpa)

Nach der Entführung haben die "Grünhelme" Syrien auf unbestimmte Zeit verlassen. War der Einsatz ein Fehler?

Das kann ich so nicht sehen. Ich würde umgekehrt sagen: Vielleicht hätten wir schon früher reingehen sollen. Man darf Hilfe nicht immer nur in Zahlen messen, sondern auch daran, inwieweit man Menschen nicht alleine lässt. Ich glaube, es hat den Menschen viel bedeutet, dass wir dort zusammen mit den Krankenpflegern im Keller des Hospitals geschlafen haben. Trotzdem muss ich ganz offen und klar zugeben: Ich habe so etwas in meinem humanitären Schaffen noch nicht erlebt. Ich habe immer in dem festen Bewusstsein gelebt, dass diese Arbeit auf eine Weise geschützt ist, die man kaum rational erklären kann. Dass eine solche Entführung mitten in den befreiten Gebieten passieren könnte, habe ich für völlig unmöglich gehalten. Da habe ich mich sehr stark geirrt, und ich bin sehr betroffen davon.

Bereits vor der Entführung hat das Deutsche Rote Kreuz (DRK) den "Grünhelmen" vorgeworfen, mit dem Einsatz in Syrien ein zu hohes Risiko einzugehen. Im Nachhinein nicht ganz zu Unrecht, oder?

Der Präsident des DRK hat mir gegenüber diesen Vorwurf eines Mitarbeiters sofort zurückgenommen. Es gibt verschiedene Modalitäten der humanitären Arbeit, und unsere ist nun einmal eine unabhängigere Form als die des DRK oder der UNO-Organisationen. Wir müssen bestimmte Grenzen eher durchbrechen als andere, zum Beispiel die Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes oder das Verbot ausländischer Hilfsorganisationen in einem Land wie Syrien. Für uns ist es wichtiger, Menschen in Not auch auf illegalen Wegen zu helfen, als die Rettung zu versäumen, während ich drei Wochen auf ein Visum warte. Trotzdem erschüttert mich die Einsicht, dass humanitäre Hilfe offenbar nicht mehr den Sonderstatus hat, den sie in meinen Augen einmal hatte.

Vor ein paar Tagen haben Sie den Vorsitz der "Grünhelme" abgegeben. Eine Reaktion auf die Entführung und die Folgen?

Nein. Ich war auch vorher schon der festen Überzeugung, dass jetzt jemand anders den Stab in die Hand nehmen muss. Das war Konsens unter uns "Grünhelmen". Und so trage ich jetzt den komischsten aller Titel: Ehrenpräsident.

In der Satzung der Grünhelme steht der Grundsatz der parteipolitischen Neutralität. Warum haben Sie sich zu Beginn Ihres Syrien-Einsatzes trotzdem so klar für die Seite der Rebellen entschieden?

Weil ich nicht anders kann. In einer totalitären Diktatur - die das Assad-Regime unbestritten bereits lange verkörpert - muss ich mich auf die Seite der Gegner dieser Diktatur stellen. Am politischen Kampf dieser Seite nehmen wir natürlich nicht teil, da halten wir schon Distanz. Aber auch in Südafrika habe ich mich immer auf die Seite der Apartheid-Gegner gestellt.

Würden Sie in Syrien auch heute noch so klar Partei ergreifen?

Nein, das galt für 2012. Ich übe jetzt große Kritik an der Opposition. Sie hat behauptet, die Gebiete im Norden zu kontrollieren - das tut sie aber gar nicht. Andere Gruppen haben sich unter die Rebellen der Freien Syrischen Armee gemischt, die verfolgen ihre eigene Agenda.

In Ihrem Buch schreiben Sie vom "Revolutionstraum" der Rebellen, ein Foto zeigt Sie "mit der obligatorischen Rebellenzigarette". Sind Sie ein Revolutionsromantiker?

Den Romantiker würde ich natürlich zurückweisen. Aber ich bin mit Sartre und Camus groß geworden - da spielt die Revolte eine große Rolle.

Hat das Ihren Blick auf die Rebellen getrübt?

Ich würde jedem zugestehen, das so zu sehen. Aber ich war fest davon überzeugt, und bin es auch heute noch, dass es gut war, dass wir am 3. September 2012 die Grenze zu Syrien überschritten haben.

Rupert Neudeck: "Es gibt ein Leben nach Assad. Syrisches Tagebuch", C. H. Beck, München 2013, 192 Seiten, 14,95 Euro.