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Technikpanne in den USA:Valentinsgrüße, 266 Tage zu spät

Am Valentinstag war das SMS senden fehlgeschlagen.

SMS senden fehlgeschlagen am Valentinstag.

(Foto: Imago)

Am 7. November haben sehr viele US-Amerikaner eine Liebesbotschaft per SMS erhalten. Bedauerlich. Denn verschickt wurden die 168 149 Nachrichten am 14. Februar.

Bis Freitagnacht waren sich irgendwie alle in unserer Hypermoderne darin einig: Digitale Kommunikation und Wankelmütigkeit haben nichts miteinander zu tun. Im Gegensatz zu Briefe und Rohrpost versenden, morsen und Funk war digitale Kommunikation nämlich eine todsichere Sache. Todsicher im Sinne von: All die SMS, iMessages, Whatsapps, Tweets kommen an. Die Sache funktioniert.

Dann wurde es Nacht in den USA und der Morgen des 7. November begann.

Und plötzlich ploppten sage und schreibe 168149 SMS in allen möglichen Bundesstaaten auf allen möglichen Geräten auf. Nachrichten, abgeschickt am Valentinstag 2019 (oder kurz davor). Nachrichten, die niemals zugestellt worden waren. Nachrichten geschrieben für Menschen in Valentinstags-Laune, die sich inzwischen aber eher so November fühlten.

Irritation - und Entsetzen

So berichten es diverse US-Technikportale, allen voran The Verge und Quartz. The Verge zitiert auch einen Sprecher von Syniverse, einem Unternehmen, das für US-Mobilfunkanbieter wie Verizon oder T-Mobile den Versand von SMS im Hintergrund regelt und offenbar für das ganze Kommunikationskuddelmuddel verantwortlich ist. Syniverse entschuldige sich, so der Sprecher, "bei allen, die von diesem Vorfall betroffen waren", berichtet The Verge.

Auf der Webseite von Syniverse findet sich ein dürres Statement, das von einem Server spricht, der offenbar am 14. Februar - Valentinstag - in die Knie gegangen war und somit die SMS mit in den Sommerschlaf genommen hatte. Dieser Server war jetzt wieder in Betrieb genommen worden, was auch die Nachrichten wieder wachgeküsst und versendet hatte: zur Irritation der nichtsahnenden Empfänger - teilweise auch zum Entsetzen.

Die Deutsche Telekom schreibt auf Nachfrage der SZ, sie könnten sich ohne konkrete Hintergrundinformationen zu den Vorfällen nicht äußern. "Grundsätzlich erfolgt der Versand von Sprachnachrichten (SMS) bei der Telekom Deutschland über eigene Server/Plattformen und nicht über Drittanbieter. Die SMS werden zur Zustellung maximal 48 Stunden gespeichert und anschließend gelöscht." Offenbar nicht so in den USA.

Auf Twitter posten jedenfalls Menschen seitdem unaufhörlich ihre Anekdoten, wie sie am Morgen des 7. Novembers in ihre blaustichigen Displays starrten, um liebevolle bis liebestolle Nachrichten zu lesen, die sehr aus der Zeit gefallen wirkten.

War nicht alles längst perfektioniert?

In vielen Fällen mussten die Betroffenen erst durch Nachfragen und Zurückschreiben klären, wie man die Nachricht "I love you", "Ich liebe dich", denn zu verstehen habe. Jetzt, da man doch seit geraumer Zeit kein Paar mehr sei. An dieser Stelle ist ein Goethe-Zitat leider unausweichlich: "Verwirrungen und Mißverständnisse sind die Quellen des tätigen Lebens und der Unterhaltung."

Der viel sympathischere Friedrich Schiller hat im späten 18. Jahrhundert noch auf die Brief-Sabotage gesetzt, um seine Handlung voranzutreiben. Wichtige Schriftstücke finden beispielsweise in "Maria Stuart" nie ihren Empfänger, da sie abgefangen werden, was dann wiederum zur Tragödie beiträgt. An den Gedanken, die jüngste Kommunikationsgeschichte wäre ebenfalls "tragikfähig", müsste man sich erstmal gewöhnen.

Hatten die letzten 100 Jahre Kommunikationsgeschichte nicht längst alles ausgemerzt, was wankelmütig war? War Kommunikation nicht längst perfektioniert, verlässlich, todsicher - und damit selbst ein bisschen tot?

Es handelt sich zwar nur um schnöde Textnachrichten, die 266 Tage Gott weiß wo ihrer Zustellung harrten. Aber darf man sagen, dass das ganze Schlamassel etwas extrem Tröstliches hat? Lautet die eigentliche Nachricht der ganzen zu spät gekommenen Nachrichten nicht einfach: Ist halt doch alles ganz schön fehlbar, nach wie vor. Und damit eigentlich doch ganz schön.

The Verge zitiert auch eine Kalifornierin, Barbara Coll, die am Morgen des 7. Novembers eine Nachricht ihrer Schwester erhielt: Mama sei zuversichtlich und es gehe ihr gut. Im Gegensatz zu allen anderen wusste Coll, die die Geschichte auf Twitter bestätigt, aber sofort, dass es sich nur um eine alte Nachricht handeln konnte. Colls Mutter starb im Juni.

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