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Super Bowl:Ein bisschen in der Realität angekommen

Singers Shakira, left, and Jennifer Lopez

Shakira und Jennifer Lopez bei der Halbzeitshow im letzten Jahr.

(Foto: Tyler Kaufman/AP)

Der Super Bowl war stets ein Fest der amerikanischen Lebensfreude und Popkultur, politisch wurde er erst in den vergangenen Jahren und ist es auch 2021. Ein Spektakel wird die Show aber dennoch.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Was wird Amanda Gorman sagen? Das ist die spannende Frage vor dem Super Bowl am Sonntag, mindestens so spannend wie die Suche nach dem Sieger des Football-Finales. Die 22 Jahre alte Poetin hatte bei der Amtseinführung von Joe Biden mit dem Gedicht "The Hill We Climb" berührt, bewegt, beseelt, und was sie nun im Ray-Jay-Stadion von Tampa sagen wird, wenn mehr als 100 Millionen Amerikaner und etwa 50 Millionen Menschen aus anderen Ländern zuhören, dürfte nicht weniger sein als eine Beschreibung dessen, was im Jahr 2021 übrig ist vom amerikanischen Lebensgefühl, das an diesem Tag noch ungenierter gefeiert wird als sonst.

Das Spiel selbst, die Kansas City Chiefs treten gegen die Tampa Bay Buccaneers an, ist für sehr viele im Grunde nur die sportliche Beigabe zur Extravaganza gigantischen Ausmaßes. Die Amerikaner feiern an diesem Tag vor allem sich selbst: ihre popkulturellen Helden (der Rapper The Weeknd tritt in der Halbzeit auf; Jazmine Sullivan und Eric Church singen die Nationalhymne, Sängerin H.E.R. "America The Beautiful"), ihre kapitalistischen Errungenschaften (in den Werbefilmen während der vielen Unterbrechungen) sowie die Fähigkeit, den Kalorienbedarf eines kleinen Dorfes in den eigenen Körper zu stopfen. Nur: Wie wird das in einem Jahr, in dem sehr vielen Menschen nicht nach Party zumute ist und an den meisten Orten Partys mit vielen Leuten sowieso verboten sind?

Es war während des sogenannten "amerikanischen Jahrhunderts" einfacher, diesem Fest der eigenen Großartigkeit zu frönen. Die Auftritte von Michael Jackson (1993), Diana Ross (1996), Prince (2007) und Bruce Springsteen (2009), die Interpretation der Hymne von Whitney Houston (1991) und die Reklamefilme von Apple (1984) oder Budweiser (1995) sollten stets auch vor diesem Hintergrund betrachtet werden. Das amerikanische Jahrhundert, heißt es oft, habe im Herbst 2016 mit der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten dieses Landes geendet. Wahr ist aber auch: Im Herbst 2016, am 2. September, kniete Colin Kaepernick zum ersten Mal während der US-Hymne vor einer NFL-Partie.

Der Moment, als alles begann: Colin Kaepernick (re.), der Quarterback der San Francisco 49ers, kniet sich während der Nationalhymne aus Protest auf den Boden, einige Teamkollegen machen es ihm nach.

(Foto: Mike McCarn/AP)

Kaepernick war damals Quarterback der San Francisco 49ers, einer der größten Stars dieses Spiels, er protestierte gegen Rassismus und Polizeigewalt und zeigte seinen Landsleuten damit, dass etwas fundamental verkehrt läuft in den USA. Er wurde dafür von Trump als "Hurensohn" beschimpft, nach der Spielzeit entlassen und seitdem von keinem NFL-Verein zum Probetraining eingeladen. Es begann eine Debatte über Patriotismus und Proteste, und fast alles, was seitdem passiert ist und was Amanda Gorman am Sonntag sagen wird, hat letztlich auch mit Kaepernick zu tun.

Es hat sich viel getan seit 2016 in den USA, und es befremdlich, dass all das meist auf Trump reduziert wird. Beim Super Bowl im Jahr 2017 etwa sang Lady Gaga, Symbolfigur der LGBT-Bewegung, auf dem Stadiondach "This Land is Your Land", das uramerikanische Lied über Inklusion und Gleichberechtigung, und danach ihren Song "Born This Way", der diese Textzeile enthält: "Es ist überhaupt nichts verkehrt damit, den zu lieben, der du bist." Und diese: "Völlig egal, ob du schwul, hetero oder bi bist, lesbisch oder transgender, du bist auf dem richtigen Weg."

In der Halbzeitpause im vergangenen Jahr legten Shakira und Jennifer Lopez eine bombastische Show hin, vom Spektakel her vergleichbar mit der von Prince 13 Jahre davor, vor allem aber war es ein farbenfrohes Fest der Latino-Lebenskultur, eine Hommage an unabhängige Frauen und ein Loblied der sexuellen Freizügigkeit. Unvergessen, wie Shakira ihre tanzende Zunge in Kameras hält oder Lopez breitbeinig dasitzt, sich zwischen die Beine fasst und singt: "Das bin ich!" Oder wie sie später, zu einem Einspieler von Springsteens "Born in the USA" eine US-Flagge in ihrem Mantel präsentiert als Zeichen dafür, dass die Lateinamerikaner in den USA sehr wohl zu diesem Land gehören.

Die NFL gibt 250 Millionen Dollar für den Kampf gegen Rassismus aus

Erinnert sich noch jemand daran, wie heftig Beyoncé nach ihrem Auftritt beim Super Bowl im Februar 2016, also am Ende jenes amerikanischen Jahrhunderts, dafür geschmäht wurde, weil sie in Klamotten der Black-Panther-Bewegung aufgetreten und "Black Lives Matter"-Symbolik gezeigt hatte? Der spätere Donald-Trump-Anwalt Rudy Giuliani etwa nannte das "unerhört" und forderte zum Boykott der Musik von Beyoncé auf. Fünf Jahre später, nach der Abwahl von Trump und den grotesken Auftritten Giulianis, klingt das wie eine Wutrede aus vergangener Zeit.

Die NFL hat sich im vergangenen Sommer öffentlich für ihre Haltung zu friedlichen Protesten der Spieler entschuldigt, diese dürfen nun während der Hymne knien, ohne negative Konsequenzen fürchten zu müssen. Die Liga wird in den kommenden zehn Jahren 250 Millionen Dollar für den Kampf gegen Rassismus ausgeben, am Spielfeldrand war in dieser Saison bei jeder Partie auf dem (Kunst-)Rasen zu lesen: "End Racism". NFL-Chef Roger Goodell sagt in einem Video: "Wir glauben daran: Black Lives Matter!"

Berührt, bewegt, beseelt: Die 22-jährige Amanda Gorman während ihres Auftritts zur Amtseinführung Joe Bidens.

(Foto: Patrick Semansky/AP)

All das wird am Sonntag eine Rolle spielen beim größten Einzelspektakel, das dieses Land zu bieten hat. Wenn wie erwartet tatsächlich mehr als 150 Millionen Menschen weltweit zuschalten, werden das mehr als dreimal so viele wie etwa bei Joe Bidens Amtseinführung am 20. Januar sein, die 33,8 Millionen Menschen verfolgten. Gut möglich, dass The Weeknd, kanadischer Rapper mit äthiopischen Wurzeln, seinen Teil der Halbzeit-Show für ein paar gesellschaftliche Botschaften nutzen und Kumpel Kendrick Lamar einbinden wird. Die beiden haben 2018 das Lied "Pray for Me" für den Soundtrack des Films über den afroamerikanischen Superhelden Black Panther veröffentlicht.

Zwischen Nationalhymne und Münzwurf wird Amanda Gorman auftreten. Bekannt ist, dass es im Gedicht um drei Helden der Corona-Pandemie gehen wird: die Lehrerin Trimaine Davis, die Krankenschwester Suzie Dorner und den Soldaten James Martin, die auch als Ehrenspielführer eingeladen sind. 7500 der erlaubten 22 000 Zuschauer werden zudem sogenannte "Front Line Workers" sein - also Leute, die besonderen Gefahren ausgesetzt waren, alle 7500 übrigens sind bereits geimpft.

Es wird also ein Dankeschön sein, dieses Gedicht, und eine hoffnungsfrohe Botschaft, dass die Leute diese schwierige Zeit gemeinsam durchstehen können. Nicht nur in den USA, sondern überall auf der Welt.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir fälschlicherweise geschrieben, dass das Endspiel in Miami stattfinden würde. Es findet jedoch in Tampa, Florida, statt - und es ist das erste Mal in der Geschichte des Super Bowl, dass eine der Mannschaften das Finale im eigenen Stadion spielt.

© SZ/min/bix/cat
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