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American Football:Schach mit drei Damen

Travis Kelce in der Endzone: Seine Chiefs haben den Super Bowl erreicht.

(Foto: Reed Hoffmann/AP)

Titelverteidiger Kansas City Chiefs steht erneut im Super Bowl, gegen Buffalo demonstriert das Team seine vielen Möglichkeiten in der Offensive. Finalgegner Tampa hat die allerdings auch.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Ja, wo isser denn? Tony Romo, einst Quarterback der Dallas Cowboys und mittlerweile als TV-Experte ein guter Erklärer der oft komplizierten Sportart American Football, wunderte sich Ende des dritten Viertels beim Halbfinale zwischen den Kansas City Chiefs und den Buffalo Bills, wo denn Travis Kelce abgeblieben war. Ah, da stand er ja, der Passempfänger der Chiefs, er war schon seit einiger Zeit nicht mehr angespielt worden; auch jetzt sah er so aus, als würde er eher blocken als sich freilaufen.

Mit der Erfahrung eines früheren Spielgestalters prognostizierte Romo ein Spektakel von Kelce - und genau das passierte: Chiefs-Quarterback Patrick Mahomes schaufelte den Ball von unten zu Kelce, der stürmte in die gegnerische Endzone. Touchdown.

Kelce konnte beim 38:24-Sieg der Chiefs deshalb lange untertauchen, weil Kansas City über so viele Möglichkeiten in der Offensive verfügt, dass es beinahe unfair wirkt. American Football wird oft als Rasenschach bezeichnet, und die Chiefs spielen so, als hätten sie statt zwei Läufern einfach zwei Extra-Damen zur Verfügung. Das erlaubt es ihnen, den Gegner zu Beginn erst einmal locker zu bespielen oder ihm gar einen Vorteil zu gönnen (die Bills führten im ersten Viertel 9:0) - in der Gewissheit, jederzeit eine Dame ins Spiel bringen zu können. Und beim verzweifelten Versuch, sämtliche Damen zu decken, muss der Gegner fast zwangsläufig eine unbeaufsichtigt lassen.

Die Gegner der Chiefs bräuchten mehr Verteidiger

Es beginnt mit dem Spielmacher Mahomes, der dank seiner Beweglichkeit und seinem Spielverständnis heranstürmenden Gegnern auszuweichen weiß und Mitspielern so mehr Zeit zum Freilaufen verschafft. Um das zu verhindern, müsste man fünf, vielleicht sogar sechs Verteidiger nach vorne schicken, so wie ein Schachspieler versucht, die Wege der gegnerischen Dame einzuschränken. Doch das würde dazu führen, dass andere Chiefs-Angreifer freistehen, weswegen die Bills zum Beispiel meist nur mit vier Verteidigern attackierten.

Es gibt zum Beispiel Tyreek Hill, dessen Läufe in Zeitlupe so aussehen wie Sprints normaler Menschen im Schnellvorlauf. Er ist die 100 Meter bereits in weniger als zehn Sekunden gelaufen, 9,98 als Leichtathlet am Garden City Community College. Am Sonntag wurde eine Höchstgeschwindigkeit von 33,41 Kilometern pro Stunde gemessen. Er schlägt Haken wie ein Eichhörnchen und fängt Bälle, wie ein Eichhörnchen eine Nuss packen würde.

Gegen die Bills gelang ihm zwar kein Touchdown, aber ein Raumgewinn von 172 Yards. Er kann fast überall angespielt werden, seine Lieblingsroute ist jedoch Deep Cross, bei der er erst möglichst weit in den gegnerischen Raum vordringt und dann quer übers Spielfeld läuft und mehrere Verteidiger bindet.

Das führt dazu, dass in der Halbdistanz Kelce wartet, eine 1,95-Meter-118-Kilo-Naturgewalt mit Saugnäpfen statt Fingern, stets anspielbar und am Sonntag für 13 Fänge, 118 Yards und zwei Touchdowns verantwortlich. Mahomes dominiert also den Raum hinter der Line of Scrimmage (wo ein Spielzug beginnt), das Duo Hill/Kelce die Mittel- und Langdistanz.

Wer soll diese Chiefs stoppen? Niemand, es ist unmöglich, Punkt

Es kommt aber noch schlimmer: Laufspieler Darrel Williams (52 Yards bei 13 Versuchen) hat sich zum Arbeitstier entwickelt, so dass Mecole Hardman einen 50-Yard-Lauf hinlegen oder Clyde Edward-Helaire einen Touchdown aus kurzer Distanz schaffen kann; beim Schach mit drei Damen glänzen plötzlich auch die Springer oder Bauern.

Die Bills hätten 13 statt der erlaubten elf Verteidiger gebraucht, und selbst dann wäre es schwer geworden. Anders ausgedrückt: Le'Veon Bell, vor zwei Jahren noch der begehrteste Running Back der Liga, bekam am Sonntag nicht ein Mal den Ball - nicht weil er verletzt war, er wurde einfach nicht gebraucht. Wer soll diese Chiefs stoppen?

Niemand, es ist nicht möglich, Punkt. Man kann sie verlangsamen, aber nicht aufhalten, und dann muss man hoffen, dass die eigene Offensive genug Punkte erzielt, dass es doch reicht. Die einzigen Niederlagen der Chiefs in dieser Saison: gegen die Las Vegas Raiders (40 gegnerische Punkte) und die Los Angeles Chargers (38).

Die Tampa Bay Buccaneers, die das zweite Halbfinale 31:26 gegen die Green Bay Packers gewannen, müssen also punkten im Super Bowl. Dieses Endspiel am 7. Februar ist nicht nur deshalb so interessant, weil der erfolgreichste Quarterback der Geschichte (Tom Brady) gegen den besten Spielmacher der Gegenwart (Mahomes) antritt. Der war in der vergangenen Saison wertvollster Spieler der Liga und zeigte nun trotz einer Gehirnerschütterung in der vorigen Woche und einer Verletzung am Zeh eine grandiose Leistung. Interessant ist auch, dass die Buccaneers nach Jahren der Irrelevanz nun als erstes NFL-Team das Finale im eigenen Stadion bestreiten - der Super Bowl findet in Tampa statt. Aber besonders spannend dürfte es werden, weil Tampa ebenfalls mit ein paar Damen taktieren darf - auf andere Weise als die Chiefs freilich.

Brady ist nicht mehr unfehlbar

Brady ist der König in der Mitte, er bedient seine Empfänger Chris Goodwin (110 Yards gegen Green Bay) und Mike Evans (51), sein Kelce-Pendant ist Rob Gronkowski, Kumpel aus gemeinsamen Erfolgszeiten bei den New England Patriots, Leonard Fournette (55 Yards, ein Touchdown) das Lauf-Arbeitstier. Er kann dann aber auch auf Scotty Miller oder Cameron Brate werfen (jeweils ein Touchdown), denn, wie bereits erwähnt: Beim Schach mit drei Damen glänzen auch die Springer und Bauern; und auch Tampa konnte es sich leisten, auf eine Berühmtheit zu verzichten: Antonio Brown fehlte, einst Kollege von Bell bei den Pittsburgh Steelers und damals der begehrteste Passempfänger der Liga. Er war verletzt und dürfte beim Super Bowl gebraucht werden.

Brady ist im Alter von 43 Jahren nicht mehr unfehlbar, gegen die Packers warf er drei Pässe in die Hände des Gegners; er profitierte am Ende auch davon, dass Packers-Trainer Matt LeFleur zwei Minuten vor Schluss das Risiko scheute und nicht versuchte, in die Endzone zu gelangen - stattdessen wählte er die Sicherheitsvariante Field Goal, wofür es bloß drei Punkte gibt. LaFleur hoffte, dass sein Team noch einmal an den Ball kommen würde, doch das war ein Irrglaube, kurz darauf war es vorbei. "War nicht meine Entscheidung", sagte Packers-Quarterback Aaron Rodgers danach knapp; er ließ offen, ob er in der kommenden Saison weiterhin in Green Bay aktiv ist.

Im Gegensatz zu Rodgers, der trotz seines Könnens nur ein Finale gewann, ist Tom Brady (sechs Titel) immer dann am erfolgreichsten, wenn die Bühne am größten ist und ihn die Leute für fehlbar erklären.

Auch deshalb verspricht dieser Super Bowl in Florida, ein Spektakel der Sonderklasse zu werden - wie Schach mit jeweils drei Damen, bei dem dann oftmals die Standfestigkeit der Bauern (im Football die jeweiligen Offensivlinien) über Sieg und Niederlage entscheiden.

© SZ/bek/tbr/moe
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