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Technik beim Super Bowl:Mittendrin statt nur daheim

Die Kommentatoren von CBS, Tony Romo (links) und Jim Nantz, hier auf einem Archivbild, treffen diesmal erst wenige Stunden vor Anstoß aufeinander - als Corona-Sicherheitsmaßnahme.

(Foto: Morry Gash/AP)

Kaum Zuschauer im Stadion, keine Partys daheim: Der TV-Sender CBS wuchert beim Super Bowl mit allerlei technischen Innovationen, um die Leute zu unterhalten.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Bereits am ersten Spieltag im September gab es Verschwörungsmythen: Die Bilder, die der TV-Sender CBS vom American Football zeigte, die sahen einfach nicht echt aus, eher wie ein Videospiel. Es sah so aus, als würde der Betrachter selbst übers Spielfeld laufen und dann direkt neben dem Akteur stehen, der gerade einen Touchdown erzielt hatte. Der Hintergrund war unscharf, so wie die Leute das von all den Video-Konferenzen während der Corona-Pandemie kannten. War es möglich, dass die gar nicht echt Football spielten, sondern lediglich eine Simulation zeigten, damit die Zuschauer irgendwas zum Zuschauen hatten?

Die Leute riefen wie verrückt beim Sender an, und die Antwort beruhigte sie: Nein, das ist nur diese neue Kamera, die sonst bei Filmdrehs eingesetzt werde. Sony Venice heißt sie, und weil im September weniger Filme gedreht wurden, kam sie beim Football zum Einsatz und lieferte den 3-D-Look, der nun auch beim Super Bowl am Sonntag zu bestaunen sein wird. CBS hat gleich mehrere Exemplare nach Tampa Bay transportiert, der Sender muss den erwarteten mehr als 160 Millionen Zuschauern weltweit was bieten. Es werden maximal 22 000 Leute im Stadion sein, die meisten Festivitäten wurden wegen der Pandemie abgesagt, also hat CBS das Motto ausgerufen: Die Zuschauer daheim sollen möglichst mittendrin sein.

"Es wird die Demonstration unglaublicher Technologie werden", sagt Sean McManus, bei CBS verantwortlich für Sportveranstaltungen: "Wir haben Kameras, die völlig neue Perspektiven und Blickwinkel erlauben." Da ist zum Beispiel die Trolley Cam, die an Seilen befestigt mit einer Geschwindigkeit von mehr als 100 km/h über dem Spielfeld saust. Sie kann also einerseits bei den oft überraschenden Spielzügen mithalten, sie kann aber auch bei Besprechungen so über dem Spielerrudel schweben, dass der Zuschauer glaubt, er wäre bei dieser Absprache dabei.

So grotesk das klingen mag: Es hilft CBS, dass weniger Leute im Stadion sein werden, weil der Sender die insgesamt 120 Kameras (zwölf davon mit 4K- und 8K-Technologie) dort anbringen kann, wo sonst Zuschauer sitzen, rumlaufen oder in Gefahr wären. Auf der oberen Plattform des Stadions ist der 16 Meter hohe Movie-Bird-Kran angebracht, auch der kommt sonst bei aufwändigen Filmszenen wie Schlachten oder bei Extrem-Stunts zum Einsatz. "So weit ich weiß, wird er zum ersten Mal beim Sport verwendet", sagt McManus. Für die Zuschauer soll es damit einfacher sein, die oftmals komplizierten Spielzüge zu dechiffrieren. Es wird auch eine Kamera in der achten Reihe auf Höhe der Mittellinie geben, die Streaming-Zuschauern das Gefühl vermitteln soll, wirklich auf diesem Platz zu sitzen. Sie können die Perspektive selbst aus sieben Varianten bestimmen. Ein Virtual-Reality-Erlebnis wie in den vergangenen Jahren ist allerdings nicht geplant.

Besitzer neuer Handys können das Spiel von fast überall in den USA in HD gucken

Was es geben wird: In den acht orangenen Pylonen rund um die beiden Endzonen am Ende des Spielfelds sind jeweils vier Kameras untergebracht, die insgesamt 32 Blickwinkel kommen vor allem bei kniffligen Entscheidungen zum Einsatz: War der Fuß noch im Feld? Hat der Spieler den Ball gefangen und die Torlinie überquert? Die NFL ist bekannt dafür, den Videobeweis nahezu perfektioniert zu haben; eine Fehlentscheidung dürfte also sicherlich nicht daran liegen, dass die Schiedsrichter zu wenig Blickwinkel zur Verfügung haben - all die Perspektiven werden beim Super Bowl auch die Zuschauer sehen können, die beiden Kommentatoren Jim Nantz und Tony Romo können zudem Statistiken und Erklärungen über Augmented Reality einblenden.

Mobilfunkanbieter Verizon hat derweil mehr als 80 Millionen Dollar in den 5G-Standard rund um das Spiel investiert, damit Besitzer neuer Smartphone-Generationen (Iphone 12 oder Samsung S20) den Super Bowl von fast überall in den USA live in HD auf dem Handy gucken können.

Es wird ein anderes Spektakel sein heuer, weil nicht nur die Partys reduziert sein werden, sondern auch die Zusammenkünfte daheim. Viele Leute werden das Spiel der Kansas City Chiefs gegen die Tampa Bay Buccaneers im kleinen Kreis gucken. Und wenn CBS währenddessen oder danach Anrufe entgegen nimmt, dann sollen sie keine Verschwörungsmythen präsentieren, sondern Erstaunen darüber, dass sie tatsächlich das Gefühl hatten, mittendrin gewesen zu sein beim großen Spiel.

© SZ
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