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Russland:Eisschollen, schwarz vor Öl

KOMI REPUBLIC, RUSSIAMAY 14, 2021: Cleaning up oil-containing fluid that got into the Kolva River in the town of Usin; KOMI REPUBLIC, RUSSIA  MAY 14, 2021: Cleaning up oil-containing fluid that got into the Kolva River in the town of Usin

Die Eisschollen, die derzeit noch auf dem Kolwa-Fluss treiben, erschweren das Einsammeln des ausgelaufenen Öls. Der schmierige Film ist bereits 400 Kilometer flussabwärts getrieben.

(Foto: imago images/ITAR-TASS)

Im Norden Russlands ist eine Pipeline leckgeschlagen. Details sickern nur langsam an die Öffentlichkeit, wie so oft. 10 000 Fälle von Ölverschmutzungen zählen Umweltschützer pro Jahr - und befürchten, dass es in Wahrheit noch viel mehr sein könnten.

Von Silke Bigalke, Moskau

Öl hat die letzten Eisschollen schwarz gefärbt, die im Mai noch auf der Kolwa Richtung Norden treiben. Anwohner des Flusses haben Videos davon ins Internet gestellt. Wieder eine Ölunglück in Russlands Norden, und wieder werden die Details nur stückchenweise bekannt.

Dieses Mal ist der Mineralölkonzern Lukoil verantwortlich. Das Öl soll aus einer Pipeline ausgetreten sein, die ein Ölfeld mit einer Lagerstätte verbindet. Betroffen sind die russische Republik Komi und der autonome Kreis des indigenen Nenzen-Volkes, der an den russischen Teil der Barentssee grenzt - ans Nordpolarmeer. Umweltschützer befürchten, dass das Öl bis in den sensiblen Ozean fließen könnte.

Laut Lukoil haben Spezialisten des Konzerns das Leck vom Hubschrauber aus entdeckt. Die Lage sei unter Kontrolle, mehr als 100 Mitarbeiter seien weiterhin mit den Aufräumarbeiten beschäftigt. Doch wie groß die Verschmutzung ist, darüber variieren die Angaben. Zunächst war von 20 Tonnen ausgelaufenem Öl die Rede, dann von 100 Tonnen - knapp neun davon sollen in den Fluss gelangt sein.

KOMI REPUBLIC, RUSSIA MAY 14, 2021: Cleaning up oil-containing fluid that got into the Kolva River in the town of Usin

Mehr als 100 Mitarbeiter hat der Lukoil-Konzern zum Aufräumen abgestellt. Nahe der Stadt Usin in der Republik Komi sind Fässer mit eingesammeltem Öl aufgereiht.

(Foto: imago images/ITAR-TASS)

"Ich war überrascht, dass das Öl inzwischen bis nach Ust-Zilma getrieben ist", sagt Greenpeace-Experte Wladimir Tschuprow, der Ort liege etwa 400 Kilometer von der Austrittsstelle entfernt. Die lokalen Behörden rechnen damit, dass die Aufräumarbeiten noch Tage dauern werden. Das Eis auf dem Wasser erschwere die Lage, erklärte der Gouverneur der Region.

Das Unglück dürfte zwar in jedem Fall geringere Folgen haben als jenes nahe Norilsk im vergangenen Jahr. Damals liefen mehr als 20 000 Tonnen Diesel aus dem Tank eines Kraftwerks, der größte Teil davon in einen Fluss. Greenpeace sprach von einer der bisher größten Umweltkatastrophen in der Arktis. Ein morscher Tank war abgesackt, dann versagte auch noch der Schutzwall ringsherum. Die Anlage war Jahrzehnte alt, offenbar schlecht gewartet, die Verantwortlichen reagierten zu langsam. Das Unternehmen Norilsk Nickel, zu dem das Kraftwerk gehört, zahlte eine Strafe von 146 Milliarden Rubel, mehr als 1,5 Milliarden Euro.

Die Lecks bleiben oft unbemerkt

Selbst wenn der Schaden dieses Mal kleiner ist, zeigt er ein grundsätzliches Problem: Jedes Jahr führen allein die Schwachstellen in russischen Pipelines zu etwa 10 000 größeren und kleineren Ölverschmutzungen, schätzt Greenpeace auf Grundlage offizieller Daten. Vermutlich seien es sogar noch mehr, sagt Wladimir Tschuprow. Denn häufig werden diese Lecks und die dadurch entstehenden Öllachen nicht bemerkt, weil die Leitungen unterirdisch oder durch abgelegene Gebiete verlaufen. Und: "Die Motivation der Ölkonzerne ist, diese Verschmutzungen zu verstecken", sagt Tschuprow.

Wo sie öffentlich werden, reagieren die Behörden inzwischen mit höheren Strafen. Auch im Fall von Lukoil wurde nun ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. "Die Natur hat wieder gelitten", schreibt Swetlana Rodionowa, Leiterin der Umweltaufsichtsbehörde Rosprirodnadsor, auf Instagram. Man werde nun den Schaden berechnen, die Lage untersuchen "und vielleicht erneut vor Gericht beweisen, dass für den Umweltschaden gezahlt werden muss". Ginge es nach den Umweltschützern, wäre der sicherere Weg, die maroden Pipelines zu ersetzen. Oder noch besser: öfter auf Erdöl zu verzichten.

© SZ/nas
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