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Naturkatastrophe:Giftiger Klärschlamm verseucht Fluss in Brasilien

An aerial view of the mouth of Rio Doce, which was flooded with mud after a dam owned by Vale SA and BHP Billiton Ltd burst, at an area where the river joins the sea on the coast of Espirito Santo in Regencia Village

Eigentlich ist der Fluss Rio Doce blau - doch das giftige Abwasser hat ihn verfärbt.

(Foto: Ricardo Moraes/Reuters)

Hunderte Kilometer des Rio Doce sind zerstört und vergiftet: Brasilien droht eine der schlimmsten Umweltkatastrophen in der Geschichte des Landes.

Von Boris Herrmann, Rio de Janeiro

Der Fotograf Sebastião Salgado, geboren in Brasilien, wohnhaft in Paris, hielt sich in China auf, als er von der Katastrophe erfuhr. Er hat dann sofort seine Sachen gepackt und ist nach Hause geflogen. Nach Brasilien, nicht nach Frankreich. Er wollte den Fluss, an dem er seine Kindheit verbrachte, noch einmal lebend sehen.

In einem bewegenden Interview mit der Zeitung O Globo erzählte Salgado, wie er vom Bundesstaat Minas Gerais den Rio Doce flussabwärts reiste, wie er überall zu spät kam, weil die rotbraune Schlammlawine schon vor ihm da war. Und wie er Hunderte Kilometer weiter unten im Flussdelta, auf Höhe der Stadt Colatina, schließlich doch noch eine Stelle fand, an der das Wasser bläulich schimmerte. Wie früher.

Das war vor sechs Tagen. Inzwischen wurde auch Colatina vom Klärschlamm heimgesucht. "Jetzt ist der Fluss tot", sagt Sebastião Salgado.

Giftiges Abwasser löst Schlammlawine aus

Der Tod kam aus der Eisenerzmine Samarco unweit der Bergbaustadt Mariana. Vor zwei Wochen brachen dort zwei Staudämme von Rückhaltebecken voller Abraum und Abwässer aus der Mine. Ungefähr 62 Millionen Kubikmeter eines toxischen Gemisches aus Arsen, Aluminium, Blei, Kupfer und Quecksilber ergossen sich in die Landschaft; die Nachrichtenagentur Reuters hat errechnet, dass dies der Füllmenge von 25 000 Olympia-Schwimmbecken entspricht.

Die Fluten lösten eine Schlammlawine aus, die das Bergdorf Bento Rodrigues binnen weniger Minuten unter sich begrub. Nach offiziellen Angaben starben mindestens elf Menschen, ebenso viele werden noch vermisst. Betroffene berichten von bis zu 40 Toten.

Das war der erste Teil der Tragödie. Der zweite Teil ist eine Umweltkatastrophe, wie sie Brasilien selten erlebt hat, vielleicht sogar noch nie.

Viele Orte ohne sauberes Wasser

Der Dreck hat sich über Täler und Zuflüsse in den Rio Doce geschoben, und der verteilte ihn im Südosten des Landes. Der Rio Doce ("Süßer Fluss") ist von seiner Quelle in den Mittelgebirgen von Minas Gerais bis zur Atlantikmündung im Bundestaat Espirito Santo 853 Kilometer lang, davon sind nun 666 Kilometer zerstört, verseucht, vergiftet.

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Die Katastrophenregion in Brasilien (SZ-Grafik).

"Das Wasser, das dort fließt, ist kein Wasser mehr. Sondern ein sauerstofffreies Gel", so beschreibt es Sebastião Salgado. Im Rahmen seines weltberühmten Genesis-Projektes machte sich der Fotograf auf die Suche nach der Schönheit der Schöpfung. Einige Bilder sind auch in jener Gegend entstanden, in der es jetzt nach Apokalypse aussieht.

Viele Ortschaften und indigene Dörfer entlang des Flusses sind von der Wasserversorgung abgeschnitten. Sie werden notdürftig mit Tanklastwagen und Mineralwasser beliefert. Betroffen sind auch die Städte Governador Valadares, Baixo Guandu und Colatina mit insgesamt fast 400 000 Einwohnern. Dort haben die Behörden begonnen, das Flusswasser mit chemischen Mitteln aufzubereiten, um die Wasserversorgung zumindest teilweise wieder in Gang zu bringen. Der Bürgermeister von Baixo Guandu teilte gleichwohl mit, es sei weder trinkbar noch zur Bewässerung der Felder geeignet.

Flusstal fast so groß wie Portugal

Der Minenbetreiber Samarco sieht das natürlich anders: Sein Abwasser sei ungiftig. Samarco gehört zu gleichen Teilen dem brasilianischen Konzern Vale sowie dem britisch-australischen Baubaugiganten BHP Billiton. Das Unternehmen hat sich gegenüber der brasilianischen Regierung zu einer Zahlung von einer Milliarde Reais (250 Mio. Euro) für Notfallmaßnahmen verpflichtet, und nicht nur der Fotograf Salgado hält diese Summe für einen Witz. Er und andere Experten schätzen, dass das Hundertfache nötig sein wird, um die Folgekosten des Desasters zu decken.

Auch Meerestiere bedroht

Das Tal des Rio Doce ist etwa so groß wie Portugal und berühmt für seine besondere Artenvielfalt. Es dürfte Jahrzehnte dauern, bis es sich von dem unfruchtbaren Schlamm halbwegs erholt hat. Biologen befürchten, dass einige endemische Tierarten wie die seltene Lederschildkröte jetzt vom Aussterben bedroht sind. Ihre Brutplätze liegen in den Auen des Flussdeltas. Lagen, muss man wohl sagen.

Die Schlacke hat inzwischen die Atlantikmündung erreicht. Dort ließ Samarco mit Baggern Sandbänke abtragen, um einen schnelleren Abfluss in den Ozean zu fördern. Es hieß, der Schlamm und die Rückstände aus dem Bergbau würden sich dort schnell verdünnen, doch einheimische Fischer und Umweltschützer aus aller Welt protestieren vehement. Die Küstengewässer haben sich zunächst einmal der Farbe des kontaminierten Flusses angepasst. In diesem Teil des Südatlantiks liegen Nahrungsgründe von Walen, Delfinen und Rochen, auch die sind jetzt bedroht.

Weitere Dämme mit Sicherheitsproblemen

Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff hat sich im Hubschrauber über das Katastrophengebiet fliegen lassen, danach kündigte sie die Einrichtung eines Fonds zur Bekämpfung der Schäden an. Und eine Parlamentskommission berät über strengere Umweltauflagen für den Bergbausektor; bislang ergebnislos. Dabei müsste dringend gehandelt werden: Allein im Bundesstaat Minas Gerais befinden sich Hunderte Talsperren, die mit jener der Samarco-Mine vergleichbar sind. In mindestens 16 davon sind bereits Sicherheitsmängel festgestellt worden.

Natürlich wird trotzdem weiterproduziert, Eisenerz ist eines der wichtigsten Exportgüter der ohnehin schwer angeschlagenen brasilianischen Wirtschaft. In diesem Geschäft setzen sich traditionell die ökonomischen gegen die ökologischen Interessen durch.

Produktion trotz Rüge erhöht

Die Minenbetreiber sprechen in ihrer Krisenkommunikation konsequent von einer "Naturkatastrophe", möglicherweise habe ein leichtes Erdbeben die Dammbrüche ausgelöst. Höhere Gewalt also? Nach Meinung von unabhängigen Geologen, Bergbauexperten und Juristen handelt es sich vielmehr um ein Umweltverbrechen. Damit wären die Betreiber voll und ganz haftbar und müssten sich auf wesentlich höhere Schadensersatzforderungen als bislang einstellen. Zumal die Samarco-Mine schon 2013 wegen Sicherheitsmängeln gerügt wurde, wie die brasilianische Umweltministerin Izabella Teixeira bestätigte.

Trotzdem wurde die Produktion im vergangenen Jahr um fast 40 Prozent erhöht, damit sollte offenbar der Preisverfall von Eisenerz auf dem Weltmarkt aufgefangen werden. Mit der Produktion ist dann auch die Abwassermenge gestiegen - und der Druck auf die Dämme.

In der Kleinstadt Mariana, am Tatort also, ist etwa ein Zehntel der Bevölkerung bei Samarco beschäftigt, so viel zu den Machtverhältnissen dort. In den vergangenen Tagen gingen in Mariana immer wieder Demonstranten auf die Straße, sie protestieren aber nicht gegen Samarco. Sondern forderten, dass die Mine möglichst schnell wieder in Betrieb geht.

© SZ vom 26.11.2015/kat/dowa
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