Razzia in NRW Machtdemonstration um 1.26 Uhr in der Disko

Fundstücke aus der Shisha-Bar: NRW-Innenminister Reul (rechts) bei der Razzia

(Foto: dpa)
  • 1300 Polizisten waren bei der massivsten Razzia gegen organisierte Kriminalität in NRW im Einsatz.
  • Die Bilanz: 14 Festnahmen und 100 Strafanzeigen. Dazu kommen Ordnungswidrigkeiten, weil beispielsweise gegen das Rauchverbot in Bars verstoßen wurde.
  • Die Aktion war vor allem ein Symbol der Landesregierung: "Es soll weh tun, es soll sie stören", sagt CDU-Innenminister Reul.
Von Christian Wernicke, Essen

Um 1.26 Uhr verfügt der Minister Ruhe im Saal: Musik aus, Licht an. Herbert Reul, Innenminister von Nordrhein-Westfalen, ist mit dabei, als mindestens 250 Polizeibeamte in die Essener Diskothek "Essence" vordringen. Die Razzia in dem Club, den vor allem arabisch- und türkischstämmige Gäste besuchen, soll ein Signal setzen: Reul und die schwarz-gelbe Landesregierung in Düsseldorf wollen der Clan-Kriminalität vor allem libanesischer Großfamilien zusetzen.

Während Polizei und Zoll drinnen noch nach Drogen, unversteuertem Tabak und Indizien für Schwarzarbeit stöbern, halten behelmte Polizisten draußen sechs bullige Türsteher in Schach. Zehn Meter weiter zieht der Minister zwei Stunden nach Mitternacht im Nieselregen sein Fazit: "Bei uns in NRW gilt nicht das Gesetz der Familie, sondern das Gesetz des Staates."

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Es war die massivste Razzia gegen die organisierte Kriminalität in der Geschichte des Bundeslandes. 1300 Polizisten, dazu ungefähr 300 Mitarbeiter von Ordnungsämtern, Zoll sowie Finanz- und Baubehörden begannen am Samstagabend um 21 Uhr, in einem Dutzend Städte des Ruhrgebiets mehr als 100 Shisha-Bars, Wettbüros oder Spielhallen zu durchsuchen.

Im Vergleich zum Aufwand mutet der kriminalistische Ertrag auf den ersten Blick bescheiden an: 14 Festnahmen, 100 Strafanzeigen, 500 angezeigte Ordnungswidrigkeiten beispielsweise wegen des Verstoßes gegen das Rauchverbot in Bars. In Essen wurde ein Verdächtiger mit 9000 Euro Bargeld und mehreren EC-Karten festgenommen, insgesamt wurden mehrere Hundert Kilo unversteuerten Tabaks sowie zehn Waffen, etwa verbotene Messer und Schlagstöcke, konfisziert.

Nur, sensationelle Erfolge hatten sich die Behörden von ihrer Regional-Razzia ohnehin kaum versprochen: "Den Mega-Drogenfund, das Versteck mit einer Million Euro in Bar - das gibt es bei solch breit angelegten Aktionen nicht", sagt ein erfahrener Polizist. Von einer "Taktik permanenter Nadelstiche" spricht Essens Polizeipräsident Frank Richter, der in seiner Stadt schon seit Längerem verschärft gegen die Clans vorgeht.

Essen zählt laut Kriminalstatistik zwar zu den sichersten Großstädten der Republik. Aber die Mitglieder arabischer Clans, die etwa im Norden der Innenstadt ihre Macht mit Macho-Gesten und protzigen Luxusautos offen zur Schau stellen, verändern das Klima ganzer Straßenzüge: "Das sorgt für große Verunsicherung bei den Bürgern", weiß Richter.

Die Zöllner klettern hinter die Bar, um die Steuer-Banderolen an den Ginflaschen zu prüfen

Deshalb ist die Großaktion vom Samstag auch Show, auch Machtdemonstration des Staates. "Es soll weh tun, es soll sie stören", sagt Reul vorm "Essence". Der CDU-Minister betont am Rande der Razzia zwar, man dürfe nun nicht gleich alle Angehörigen von Großfamilien "unter Generalverdacht" stellen: "Selbstverständlich gibt es da auch viele rechtschaffene Leute." Aber die Szene soll schon sehen, dass der Staat einen neuen, strengeren Kurs fährt. Gefängnisstrafen würden innerhalb der Clans eher als Auszeichnung und Anlass zur Beförderung gedeutet, wissen die Ermittler: "Am wirksamsten treffen wir sie, wenn wir ihre Geldströme austrocknen."

Deshalb klettern im großen Saal der Essener Disco nachts um zwei Uhr nun Mitarbeiter des Zolls hinter die Bar, um zu prüfen, ob die Arbeitspapiere stimmen. Und ob Steuer-Banderolen an den Gin-, Rum, und Wodkaflaschen kleben. In anderen Ecken des "Essence", dessen Geschäfte angeblich von Libanesen kontrolliert werden, wird nach Drogen und illegalem, weil unversteuertem Tabak gesucht.

Die Polizei agiert eher als Begleitschutz. Bei früheren, weniger massiven Einsätzen seien die Beamten gewalttätigen Angriffen ausgesetzt gewesen, erzählt Polizeichef Richter. Zwei Stunden zuvor, als die Polizei in eine luxuriöse Shisha-Bar nahe der Uni marschierte, griffen mehr die Mitarbeiter des Ordnungsamtes zu: Wegen Verstoßes gegen das Nichtrauchergesetz verhängten sie eine Geldbuße von 200 Euro gegen den Besitzer - und 35 Euro gegen jeden Raucher. In Dortmund wurde eine Bar wegen gefährlich hoher Kohlenmonoxid-Werte vorläufig geschlossen. Noch so ein Nadelstich. Ein Polizist versichert zum Abschied, man habe "einen langen Atem. Wir wissen, dass der Kampf gegen die Clans noch zehn Jahre dauern wird. Mindestens."

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