SZ-Kolumne "Bester Dinge":Nordirischer Zapfen-Streich

SZ-Kolumne "Bester Dinge": In "Charlie's Bar" bringt ein Hund einen einsamen Mann doch noch mit anderen Menschen zusammen.

In "Charlie's Bar" bringt ein Hund einen einsamen Mann doch noch mit anderen Menschen zusammen.

(Foto: Screenshot: Charlie's Bar/tiktok.com/@charliesbarenniskillen/video/7305113887358209313)

Vor Pathos triefende Werbung kann misstrauisch machen. In Großbritannien ist nun eine Ausnahme gelungen: Ein alter Mann entkommt der vorweihnachtlichen Einsamkeit - in einem Pub.

Von Marcel Laskus

Früher nahmen Werber den Begriff Werbung besonders wörtlich. Sie trommelten für ihre Produkte und benutzten dabei die eine oder andere Überdosis an Pathos. Globale Cola-Größen ließen ihre Darsteller ernsthaft Sätze wie "Pepsi people feeling free" oder "I'd like to buy the world a Coke" sagen - Weltfrieden durch Flüssigzucker, ja, das war in den 70ern im Rahmen des Möglichen. Heute ist das anders. Heute müssen sich Werber mit dem Ironie-Level einer von Stefan Raab und Ricky Gervais konditionierten Gesellschaft messen. In der Werbung soll der Putz blättern, das iPhone vom Tisch fallen, der Held stolpern, sonst swipt das Publikum schneller nach rechts, als man "Red Bull verleiht Flügel" sagen kann. Doch es gibt noch immer eine letzte Bastion, in der nur die Liebe zählt. Die Vorweihnachtszeit.

Mit einem mickrigen Budget ist es nordirischen Pub-Betreibern nun gelungen, Teile Großbritanniens zu rühren. In ihrem Werbeclip legt ein älterer, am Stock laufender Herr Blumen an einem Grab ab. Allein irrt er dann durch die Straßen seiner Kleinstadt, er sehnt sich offenbar nach Kontakt zu anderen. Aber die Menschen dort schieben sich lieber die Zeitung vors Gesicht, als mit ihm zu sprechen. Untermalt ist das alles mit dem triefenden "People Help the People" von Birdy, was freilich schon das Happy End andeutet: Denn der Mann findet schließlich doch noch Gesellschaft. In "Charlie's Bar" in Enniskillen, dem Pub, das das Video gedreht hat.

Kurz nachdem er sein frisch gezapftes Pint Guinness vor sich gestellt bekommt, setzt sich ein fremdes Pärchen zu ihm. Die drei kommen ins Gespräch, sie lachen, und Zehntausende sind gerührt. Die Daily Mail erkennt darin gleich Größeres. Nämlich wie dieser Low-Budget-Clip den legendären und viel teureren jährlichen Weihnachtsvideos der Kaufhauskette "John Lewis" Konkurrenz macht. Und das heißt schon was: Immerhin werden da dieses Jahr die Geschenke von einer aufwendig animierten fleischfressenden Pflanze verspeist.

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