SZ-Kolumne "Mitten in ...":Mach's gut, Yüksel

Lesezeit: 2 min

Die ehemalige SZ-Korrespondentin in Istanbul besucht ihre alte Wirkungsstätte und vermisst den alten Mann, der immer vor einem Mäuerchen saß. Ah, da ist er ja - nur auf anderer Ebene. Drei Anekdoten aus aller Welt.

Mitten in ... Istanbul

SZ-Kolumne "Mitten in ...": Illustration: Marc Herold

Illustration: Marc Herold

Nach längerer Zeit mal wieder in Istanbul, eine vertraute Straßenecke: Alles noch da, die Cafés, die gelben Taxis. Nur, wo ist der alte Mann, der hier immer saß, Sommer wie Winter, auf einem ausrangierten Bürostuhl, eine Decke auf den Knien? Er bettelte nicht, aber viele gaben ihm, brachten Essen, manchmal versorgte eine Frau seine wunden Füße. Und er wünschte allen einen guten Tag, sagte: "Have a nice day." Warum auf Englisch, mitten in Istanbul? Und wo ist er geblieben? Im Telefonladen gegenüber sagen sie, er sei gestorben. Yüksel hieß er, aber sie nannten ihn "den Amerikaner". War er in Amerika? Keiner weiß es. Egal. Sie haben ihm ein Denkmal gesetzt. An der Wand, vor der er immer saß, an diesem belebten Platz, gibt es nun ein Graffito. Der Maler hat ihn gut getroffen, weißer Bart, die Hand zum Gruß erhoben: Have a nice day. Christiane Schlötzer

Mitten in ... Walchensee

SZ-Kolumne "Mitten in ...": Illustration: Marc Herold

Illustration: Marc Herold

Höhenwinde haben die geplante Bergtour zerblasen, eine Alternative muss her, schnell, schnell. Teilnehmer A vertraut seinem Wanderbüchlein, anvisiert wird jetzt ein Wanderweg am Walchensee. Dort aber bereitet die Wegbeschreibung Schwierigkeiten. Wo ist der Parkplatz? Auch B mit dem Smartphone kann die Koordinaten "Maurach" und "Am Moorturm" nicht finden. Da, immerhin, die örtliche Sparkasse! Durchatmen, denn der Wanderführer lässt von hier aus keine Deutungsmöglichkeiten: Bei der Sparkasse links abbiegen. Leider geht es aber nur geradeaus, einen kleinen Weg den Hang hinauf. Endlich ein Einheimischer. Maurach? Gibt's am Walchensee nicht, sagt er. Moorturm? Gibt's auch nicht, da sind Sie falsch. "Nein, nein", sagt A und zeigt bestimmt ins Wanderbuch. Kurzer Blick des Einheimischen. "Der Walchsee liegt in Österreich." Moritz Geier

Mitten in ... London

SZ-Kolumne "Mitten in ...": Illustration: Marc Herold

Illustration: Marc Herold

Die Londoner U-Bahn ist einer der wenigen öffentlichen Orte in England, an denen die Maskenpflicht prinzipiell noch gilt. Aber nur die Hälfte der Passagiere hält sich daran. Die beiden jungen Männer, die gerade eingestiegen sind, gehören zur anderen Hälfte. Das hat aber zumindest den Vorteil, dass man ihr Gespräch gut mitverfolgen kann. "Der neue Bond-Film ist nicht so gut wie ,Skyfall', aber auch sehr gut", sagt der eine. "Warst du extra im Kino dafür?", fragt der andere. "Ja, den kann man ja nirgendwo anders sehen." Demnächst wolle er sich auch Denis Villeneuves "Dune" anschauen. "Da musst du ja schon wieder ins Kino!", sagt sein Freund, offenkundig ungläubig, dass man für so etwas freiwillig das Haus verlässt. "Ja, aber weißt du", sagt der Cineast, "das ist, glaube ich, sowieso kein Film fürs Telefon." Das Breitwandkino, es ist noch nicht ganz tot. Alexander Menden

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SZ PlusSZ-Serie "Schatz gesucht"
:Das Nazi-Gold vom Walchensee

Am Ende des Zweiten Weltkriegs verstecken Gebirgsjäger Münzen, Barren und Geldsäcke aus den Beständen der Reichsbank in den bayerischen Alpen. Teile des Schatzes werden geborgen, doch bald verlieren sich die Spuren. Geschichte eines Verschwindens.

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