Tödlicher Polizeieinsatz:Zwei Schläge und viele Fragen

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Ein Mann stirbt, nachdem er in der Mannheimer Innenstadt von der Polizei aufgegriffen wird. Ein Video des Vorfalls löst Empörung aus. Offen ist, ob die von einem Beamten angewandte Gewalt verhältnismäßig war.

Von Max Ferstl

Es gibt da dieses Video, das den Einsatz zeigt, aufgenommen von einem Passanten: Zwei Polizisten, blaue Hemden, dunkle Westen, drücken einen Mann vor einem Lokal auf den Boden. Der Mann wehrt sich, er bäumt sich auf, er schreit. Dann schlägt einer der Polizisten zu, zwei Mal Richtung Kopf. Der Mann stöhnt, wie er da auf dem Bauch liegt.

Wenig später ist der Mann tot. Er ist am Montag während einer Polizeikontrolle kollabiert und kurz darauf in der Universitätsklinik Mannheim gestorben. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft Mannheim gegen die beiden Polizisten wegen des Verdachts der Körperverletzung im Amt mit Todesfolge. Im Kern geht es um die Frage, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Tod des Mannes und den Handlungen des Polizisten.

Das baden-württembergische Landeskriminalamt (LKA) führt die Ermittlungen, es kennt den auf Twitter kursierenden Videoschnipsel vom Einsatz, äußert sich aber zurückhaltend, was dessen Aussagekraft angeht. Ein Sprecher sagte, dass das Video nur "einen Teil dieser Handlungen" zeige. Und dass es Gegenstand der Ermittlungen sei. Der Vorfall müsse minutiös rekonstruiert werden, für "ein vollständiges Bild".

Aus Sicht der Ermittler stellt sich der Ablauf der Ereignisse bislang so dar: Am Montagmittag verständigt ein Arzt des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit die Polizei. Ein 47-jähriger Patient sei weggelaufen, ob die Beamten bei der Suche helfen könnten. Die Polizisten und der Arzt finden den Patienten in der Mannheimer Innenstadt, der Mann leistet Widerstand, wie es in einer Mitteilung des LKA heißt. Die Polizisten hätten "unmittelbaren Zwang angewandt" - was generell jede Form von Gewalt einschließt, vom Festhalten am Arm bis zum Schuss aus der Pistole. Der Mann kollabiert und stirbt wenig später im Krankenhaus.

Menschen demonstrieren gegen Polizeigewalt

Unklar ist, warum. Weil er krank war? Wegen Stress? Oder wegen des "unmittelbaren Zwangs", den die Beamten ausgeübt haben? Antworten soll eine Obduktion liefern, die an diesem Mittwoch stattfinden soll. Das Ergebnis wird bis Ende der Woche erwartet.

Am Montagabend demonstrierten in Mannheim gut hundert Menschen auf dem Marktplatz, sie warfen der Polizei auf Schildern rassistisch motivierte Gewalt vor. Das Landeskriminalamt sah sich auf Twitter zu der Klarstellung genötigt, dass es sich "bei dem Verstorbenen NICHT um einen türkischen Staatsbürger" gehandelt habe. Doch der Unmut über das Vorgehen der Polizei dürfte bleiben.

Dieser Polizeieinsatz werfe Fragen auf, sagte Mannheims Oberbürgermeister Peter Kurz (SPD) am Dienstag, und "diese Fragen müssen beantwortet werden". Bevor die Untersuchung Ergebnisse liefere, wolle er den Vorfall aber nicht bewerten. Im Netz sind da schon viele schneller, bei Twitter trendet #Polizeiproblem, das Video vom Einsatz wird tausendfach angesehen, geteilt, wütend kommentiert.

Auch Günther Epple hat sich die Aufnahme angeschaut. Er arbeitet an der Deutschen Hochschule der Polizei, Fachgebiet: polizeiliches Einsatzmanagement. Doch bevor sich Epple zum Gesehenen äußert, will er klarstellen, dass er hier das unsichere Feld der Spekulation betrete. Diesen Ausschnitt dürfe man nicht überbewerten, sagt er. Schon allein deshalb, weil der Kontext fehle. "Das Problem ist, dass man die Phase vorher nicht sieht, also was der Auslöser war." War der Täter aggressiv? Hat er die Beamten bedroht? Was wurde gesagt? Das sind wichtige Fragen, die aus seiner Sicht für die Bewertung entscheidend sind.

Generell gilt, dass Polizisten Gewalt anwenden dürfen, wenn sie dabei zwei Prinzipien beachten. Erstens: Sie müssen das mildeste Mittel wählen, sagt Epple. Wenn ein Polizist eine renitente Person mit einem Griff an den Arm ruhigstellen kann, dann wäre ein Schlag unzulässig. Zweitens: Gewalt muss verhältnismäßig sein.

Ob dies für den Einsatz in der Mannheimer Innenstadt zutrifft, sollen die Ermittlungen zeigen. Am Material dürfte es wohl nicht scheitern. Auf dem Hinweisportal wurden bis zum Dienstagnachmittag etwa 50 Videos hochgeladen, die den Polizeieinsatz zeigen sollen.

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