Maischberger zu Germanwings-Flug 4U9525 Jede noch so wilde Vermutung

Bei Maischberger im Studio sitzen Jörg Handwerg, Pressesprecher der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit, Bernd Gans, dessen Tochter bei einem anderen Flugzeugabsturz ums Leben kam, Niki Lauda und die Psychologin und Traumaexpertin Sybille Jatzko.

(Foto: Melanie Grande/WDR)

Spekulieren dürfe man nicht, wiederholen alle im Studio bei "Menschen bei Maischberger". Doch dann wird zum Flugzeugabsturz in Frankreich fast nur spekuliert. Bis es unappetitlich wird.

Von Elisa Britzelmeier

Kerzen vor dem Joseph-König-Gymnasium in Haltern. Die Anzeigentafel, auf der hinter "Flug 4U9525" nur Barcelona steht und 11:55 Uhr, dahinter nichts, nur Leere. Das sind die Bilder, die man noch vor Augen hat, als man in Sandra Maischbergers Studio geworfen wird. Die Talkshow "Menschen bei Maischberger" folgt am Abend in der ARD im direkten Anschluss an die "Tagesthemen", Caren Miosga übergibt an Sandra Maischberger. Wegen der aktuellen Ereignisse hat deren Redaktion am Nachmittag das Thema angepasst. Es hatte eigentlich um Griechenland gehen sollen, nun lautet es: "Tragödie in Südfrankreich: Rätsel um Flug 4U9525".

Bei Maischberger im Studio sitzen Jörg Handwerg, Pressesprecher der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit, die Psychologin und Traumaexpertin Sybille Jatzko, Bernd Gans, dessen Tochter bei einem anderen Flugzeugabsturz ums Leben kam, und Niki Lauda. Der ehemalige Rennfahrer ist Pilot und Airline-Gründer; ein Flugzeug der Lauda Air verunglückte im Jahr 1991 über Thailand. Die Gäste sollen mit Sandra Maischberger über den Absturz der Germanwings-Maschine in Südfrankreich sprechen, bei dem 150 Menschen ums Leben kamen, darunter eine Gruppe Schüler aus Haltern.

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Oder doch ein Anschlag?

"Es gibt sehr viele Fragen", sagt Maischberger zur Einleitung. Niki Lauda ergänzt, es handele sich um Fragen, "die man heute nicht klären kann". Was die Moderatorin nicht davon abhält, all diese Fragen eine nach der anderen durchzukauen, bis auch der letzte Zuschauer jede noch so wilde Vermutung kennt. Dabei warnen zu Beginn der Sendung mehrere Gäste vor Hypothesen. "Wichtig ist, dass man nicht spekuliert, weil Angehörige bei jedem Szenario mitleiden", sagt Pilot Handwerg. Psychologin Jatzko sagt: "Es gibt nichts Schlimmeres für die Familienmitglieder als die permanenten Phantasien." Was dann folgt, sind genau diese Szenarios und Phantasien.

Da wirft Maischberger die Frage auf, ob es nicht doch ein Anschlag gewesen sein könnte. Sie als Vielfliegerin habe gleich gedacht, ein Absturz bei diesen Wetterbedingungen, da könne ja nur Terror im Spiel sein. Und: Wie sich der Sinkflug für die Passagiere angefühlt haben könnte - ob sie wohl wussten, dass sie abstürzen? Lauda denkt laut darüber nach, wieso es aus dem Cockpit keine Meldung mehr gab.

Später wird darüber spekuliert, ob die Piloten womöglich schuld sein könnten. Ob Billigfluglinien generell zu schlecht ausbilden. Ob es beim Airbus "Designschwächen" gebe. Was angesichts der Katastrophe auch in der Wortwahl befremdlich wirkt. Nichts von alledem kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt eindeutig beantwortet werden.

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Passend zu den Spekulationen hat die Maischberger-Redaktion Einspieler von spektakulären Flugzeug-Crashs vorbereitet. Auch der von Lauda Air aus dem Jahr 1991 ist dabei, man sieht darin Helfer, die Wrackteile am Absturzort in Thailand absuchen. Es sind Bilder, die keine neue Information liefern - doch in Gedanken verbinden sie sich mit dem, was in Frankreich passiert ist. Obwohl es zum Absturz von Flug 4U9525 wenige Gewissheiten und, soweit bekannt, auch keine Video-Aufnahmen gibt, sieht der Zuschauer, wie es wohl gewesen sein könnte.

Hoffentlich schaut kein Angehöriger zu

Besonders unangenehm wird es, als Maischberger nach Frankreich schaltet. Ein Korrespondent ist in einem Aufnahmezentrum für Angehörige, die zum Unglücksort reisen möchten. Der Reporter berichtet, dass die Arbeiten an der Absturzstelle über Nacht unterbrochen seien - und erzählt dann von Wölfen, die in den Bergen unterwegs seien. Und jetzt womöglich Leichenteile fressen könnten.

Man kann nur hoffen, dass keine Angehörigen an diesem Tag Maischberger sehen. Dabei war die ARD am Nachmittag mit einem klaren Ziel in die Absturz-Berichterstattung gestartet. Über Facebook gab der Sender bekannt, keine Bilder von trauernden Angehören zu teilen und kein "Best of Flugzeugabstürze" zeigen zu wollen.

Gezeigt werden die Angehörigen bei "Maischberger" dann zwar nicht. Doch präsent sind sie, durch Gespräche, die genauso spekulativ um die Angehörigen kreisen wie um alles andere.

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Das liegt nicht an den Gästen, die im Studio sitzen. Einige von ihnen hätten interessante, wichtige Dinge zu sagen, über Trauerarbeit etwa wie Jatzko und Gans oder über technische Fragen wie Handwerg. Schuld ist vor allem der Sendetermin. Zu einem Zeitpunkt, zu dem kaum etwas über den Absturz bekannt ist, kann eine Talkshow zu diesem Thema fast nur deplatziert wirken.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte schon am Nachmittag: "Jede Spekulation über die Ursache des Absturzes verbietet sich." Das Maischberger-Team entscheidet sich für die Spekulation.