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Flugzeugunglück in Südfrankreich:Haltern - eine Stadt im Innersten getroffen

Auf dem Schulhof haben Mitschüler Kerzen angezündet. Menschen laufen gebückt durch die Straßen. 16 Zehntklässler und zwei Lehrerinnen aus Haltern am See waren an Bord des Germanwings-Flugs 4U9525. Ihr Tod reißt ein Loch.

Auf der Tischtennisplatte auf dem Schulhof stehen Kerzen. Jemand hat mit Teelichtern ein Herz geformt, daneben, auf eine größere Kerze, hat ein Kind mit Filzstift die Namen seiner Freundinnen geschrieben: Elena, Julia, Lea, Paula.

Sie alle sind nun tot. Abgestürzt mit einem Germanwings-Flugzeug über Südfrankreich.

150 Menschen starben am Dienstagvormittag beim Absturz von Flug 4U9525, 67 aus Deutschland, 18 davon aus Haltern am See, aus dem nördlichsten Zipfel des Ruhrgebiets. 38 000 Menschen wohnen hier, die Stadt ist zu klein, als dass nicht jeder jeden irgendwie kennen würde. 16 Schülerinnen und Schüler der zehnten Klasse und zwei Lehrerinnen können nicht einfach so verschwinden. Sie reißen ein riesiges Loch.

Niemand weiß so recht, wo er hin soll

Haltern am See ist im Innersten getroffen. Überall durch die Straßen laufen Menschen, manche weinen und lassen sich stützen, Junge und Alte, kleine Mädchen und halbstarke Jungs. Viele wollen zum Joseph-König-Gymnasium, gleich am Bahnhof, der Schulhof mit der Tischtennisplatte wird zur Pilgerstätte. Menschen kommen und legen Blumen ab, sie bleiben ein paar Minuten, gehen wieder, kehren später zurück. Niemand weiß so recht, wo er hin soll.

Auch Ulrich Wessel, der Schulleiter, sieht fürchterlich mitgenommen aus. Im schwarzen Jackett tritt er vor die Schultür, er bittet die Reporter, den Schülern ihren Platz zum Trauern zu lassen. Wie die Stimmung in der Schule sei, will einer wissen. Die Betroffenheit bei Schülern und Kollegen sei "sehr, sehr groß". Mehr sagen kann der Rektor nicht.

Das Reden übernimmt stattdessen Bodo Klimpel, der Bürgermeister. Ein stämmiger Mann, der seine schwersten Stunden als Politiker erlebt. Im vergangenen Jahr, erzählt Klimpel, habe Haltern am See sein 725-jähriges Bestehen gefeiert. Nun erfahre die Stadt ihren "schwärzesten Tag in der Geschichte". Für ihn sei es "die schlimmste aller Nachrichten". Dann schluckt er, seine Stimme kippt.

Germanwings-Flug 4U9525

Tragisches Unglück in den Alpen

Seelsorger begannen, die Eltern der Schüler zu informieren

Als sich die Lehrer des Joseph-König-Gymnasiums sicher waren, dass die 16 Schüler von ihrer Austauschreise nicht zurückkehren würden, begannen Seelsorger, deren Eltern zu informieren. Viele fuhren sofort zum Düsseldorfer Flughafen, wo Flug 4U9525 hätte landen sollen. In Haltern am See wurde der Unterricht abgebrochen. Schulleiter Wessel hatte zuvor mit der spanischen Partnerschule telefoniert. Dort wurde ihm bestätigt, dass die ganze Reisegruppe das Flugzeug bestiegen habe. Hoffnung gab es von da an keine mehr.

Auch abseits des Schulhofs hat sich Stille über Haltern gelegt. Ein lautes Wort wird nirgends gesprochen. Die beiden großen Kirchen in der Stadt wurden geöffnet, um zumindest ein wenig Trauer aufzufangen. In der katholischen Pfarrkirche St. Sixtus haben Seelsorger ein großes Kreuz aufgestellt, vor dem die Schüler Kerzen anzünden können. "Normalerweise hat man einen Sarg, an dem man trauern kann", erzählt ein Seelsorger: "Jetzt braucht man etwas, an dem man sich festhalten kann." Manche wollen reden, andere einfach nur schweigen.

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150 Menschen starben am Dienstagvormittag beim Absturz von Flug 4U9525. Während die Ermittlungen laufen, sind die Gedanken bei den Verstorbenen.   Ein Kondolenzbuch

"Ich weiß nur, dass der Tag sehr, sehr traurig aussehen wird"

Wie wird die Stadt aus diesem Unglück herauskommen? Haltern am See muss sich erst mal sammeln. Bis zur großen Trauerfeier werden noch Tage vergehen. Bis dahin ist jeder mit sich selbst beschäftigt. Auf dem Schulhof kippt die Stimmung kurz, als Fernsehleute versuchen, das Kerzenmeer vor der Schultreppe zu filmen. Ältere Schüler haken sich ein, bilden Ketten, um die Sicht zu versperren. Es ist ihre Art, ihrer verstorbenen Mitschüler zu gedenken.

Was der erste Tag nach dem großen Schock in Haltern am See bringen wird, weiß niemand so recht. An Unterricht wird am Mittwoch im Joseph-König-Gymnasium nicht zu denken sein, eher an aktive Trauerarbeit. In der Aula soll es eine kleine Feier geben, bei der die Presse nichts zu suchen hat. Die Seelsorger richten sich auf viele weitere Gespräche ein. Auch Klimpel, der Bürgermeister, weiß nicht, was am Mittwoch in seiner Stadt geschehen wird. Er sagt: "Ich weiß nur, dass der Tag sehr, sehr traurig aussehen wird."