Organisierte Kriminalität 15 Festnahmen nach Razzien gegen Mafia in Deutschland

  • Am Mittwochmorgen haben Ermittler unter dem Codenamen "Pollino" in mehreren europäischen Ländern Razzien durchgeführt, die sich gegen die kalabrische Mafiaorganisation 'Ndrangheta richten.
  • In Deutschland gibt es Einsätze in Bayern (im Großraum München) und Nordrhein-Westfalen, schwerpunktmäßig im Rheinland und dem Ruhrgebiet. Der verhaftete Gastwirt einer Osteria bei Köln gilt als ein mutmaßlicher Haupttäter.
  • Am Mittag und am Nachmittag will die europäische Strafverfolgungsbehörde Eurojust weitere Details zu der Operation bekannt geben.
  • Es ist der zweite Schlag gegen das italienische organisierte Verbrechen innerhalb von 24 Stunden. Bereits am Dienstagmorgen waren in Sizilien 46 mutmaßliche Mitglieder der sizilianischen Cosa Nostra festgenommen worden.

Um vier Uhr morgens begann der Einsatz: Ermittler in Deutschland, Italien, den Niederlanden und Belgien gehen seit Mittwochmorgen in einer großangelegten Razzia gegen mutmaßliche Mitglieder der italienischen Mafiaorganisation 'Ndrangheta vor. Angaben der italienischen Polizei zufolge sollen dabei insgesamt 84 Verdächtige bis 12 Uhr festgenommen worden sein.

In Deutschland gab es Einsätze in Bayern und Nordrhein-Westfalen, der Schwerpunkt liege auf dem Rheinland und dem Ruhrgebiet, sagte der leitende Duisburger Staatsanwalt Horst Bien. "Nach unserem Eindruck ist diese Aktion ein großer Erfolg", sagte Bien bei einer Pressekonferenz der EU-Justizbehörde Eurojust in Den Haag am Mittwoch. Demnach seien in Deutschland mehr als 65 Objekte durchsucht worden, dabei habe es 15 Festnahmen gegeben. Zudem seien bei sechs "vermögensabschöpfenden Maßnahmen" Geld und Wertgegenstände im Wert von etwa fünf Millionen Euro sichergestellt worden.

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In Duisburg etwa wurde unter anderem eine Eisdiele durchsucht. Informationen von Bild zufolge soll es aber auch in Köln, Leverkusen, Neuss, Recklinghausen sowie im Ennepe-Ruhr-Kreis Einsätze gegeben haben. Einer der Haupttäter, ein 45 Jahre alter italienischer Gastwirt einer Osteria aus Pulheim bei Köln, wurde am Morgen in seinem Haus verhaftet. Berichte, wonach es auch Durchsuchungen in Thüringen und Berlin gegeben haben soll, dementierte das BKA.

In Bayern seien zwei Objekte durchsucht worden. Sie liegen im Münchner Osten, eines davon im Stadtgebiet, wie die SZ aus Ermittlerkreisen erfuhr. Dort sei jedoch niemand festgenommen worden. Am Nachmittag gegen 15 Uhr informiert BKA-Vizepräsident Peter Henzler in Wiesbaden über die Ermittlungen in Deutschland.

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Wie Eurojust mitteilte, trage die heutige Aktion den Codenamen "Pollino". Sie sei "das Ergebnis einer intensiven gemeinsamen Ermittlungsarbeit, die im Jahr 2016 begann und europaweit koordiniert wurde." Im Rahmen der Aktion gegen die 'Ndrangheta hat es auch Einsätze gegeben, die mit den hiesigen Ermittlungen zusammenhängen, teilte Eurojust-Vizepräsident Filippo Spiezia am Mittwoch mit.

Die 'Ndrangheta aus Kalabrien ist eine von vier großen italienischen Mafia-Gruppierungen, neben der Cosa Nostra (Sizilien), Camorra (Kampanien) und der in Deutschland weniger bekannten Sacra Corona Unita (Apulien). Es heißt, die 'Ndrangheta kontrolliere weite Teile des europäischen Drogenhandels. Italienische Ermittler und andere Mafia-Experten wie etwa der Sachbuchautor Roberto Saviano ("Gomorrha") warnen seit Längerem davor, dass die Mafia in ganz Europa Einfluss geltend mache, Drogengelder etwa durch Investments in Immobilien gewaschen werden.

In Nordrhein-Westfalen spielt die 'Ndrangheta dennoch keine herausragende Rolle unter den organisierten Kriminellen. In 214 Verfahren aus diesem Spektrum, die zwischen 2012 und 2016 in den Polizeibehörden des Landes bearbeitet wurden, gab es nur in zehn Fällen überwiegend italienische Tatverdächtige. Das geht aus einer Antwort von NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) auf eine Anfrage aus der SPD-Landtagsfraktion hervor. Insgesamt zählt die Polizei in NRW etwa 120 Personen zum Spektrum "Italienische Organisierte Kriminalität" (IOK).

In Deutschland erregte die 'Ndrangheta im August 2007 Aufsehen, als bei einer Auseinandersetzung zwischen zwei Clans sechs Menschen vor einer Pizzeria in Duisburg erschossen wurden. Nach Angaben des FBI hat die 'Ndrangheta weltweit etwa 6000 Mitglieder in 160 sogenannten Clans. Diese hängen über Familienbande miteinander zusammen. Jährlich soll die Organisation einen Umsatz zwischen 50 und 100 Milliarden Euro machen.

Die am Mittwoch durchgeführten Razzien sind der zweite Schlag europäischer Strafverfolgungsbehörden gegen die italienische Mafia innerhalb von zwei Tagen. Am Dienstag bereits waren auf Sizilien 46 Mitglieder der Cosa Nostra verhaftet worden, darunter auch das mutmaßliche gegenwärtige Oberhaupt der Organisation, der 80-jährige Settimo Mineo.

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