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Debatte um den Juso-Vorsitzenden:Scheitern als Chance

Kühnert will für Bundestag kandieren.

Strebt nach Höherem: Kevin Kühnert, derzeit noch Juso-Vorsitzender.

(Foto: Britta Pedersen/dpa)

Dreieinhalb Jahre Callcenter und zweimal Uni ohne Abschluss: Kevin Kühnert wird kritisiert, weil er als Studienabbrecher in den Bundestag will. Doch er tut das einzig Richtige, was man tut, wenn nach Lücken im Lebenslauf gefragt wird.

Von Verena Mayer, Berlin

Als der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert am Dienstag bekannt gab, 2021 für den Bundestag kandidieren zu wollen, ging es ihm wie vielen Leuten, die sich um einen Job bewerben: Es wurde erst mal sein Lebenslauf durchgekaut. In dem finden sich dreieinhalb Jahre Callcenter sowie ein Studium an der FU Berlin (Publizistik und Kommunikationswissenschaft) und ein Studium an der Fernuni Hagen (Politikwissenschaft), jeweils nicht abgeschlossen. Sofort kam die Frage auf, warum der 31-Jährige noch keinen Bachelor habe, und ob er als Studienabbrecher ohne richtigen Job überhaupt geeignet für die Aufgabe sei. In die Rolle der mäkelnden Personalchefin schlüpfte die AfD-Abgeordnete Joana Cotar, die Kühnert auf Twitter vorwarf: "Kein Studium, keine Ausbildung, kein richtiger Beruf." Und schon im vergangenen Jahr hatte der CSU-Politiker und Bundestagsvizepräsident, Hans-Peter Friedrich, Kühnert als jemanden bezeichnet, der "nichts gelernt hat, nichts kann und nichts arbeiten will".

Kühnert tat das, was man in Vorstellungsgesprächen am besten tut, wenn die Lücken im Lebenslauf drankommen: Er ging in die Offensive. In einem Fernsehinterview sagte er, er kenne den Berliner Wahlkreis Tempelhof-Schöneberg, für den er kandidieren wolle, seit 30 Jahren, weil er dort wohne und gearbeitet habe. Und fühle sich daher geeignet, die Leute im Bundestag zu vertreten.

Dass Leute, die Politik machen, studiert haben, ist ein relativ junges Phänomen. Die längste Zeit reichte es, wenn man adelig, bei der Armee oder einfach nur reich war. Irgendwann wurde dann aber der akademische Titel zur Karrierevoraussetzung in der Politik, wer nicht promoviert, verliert. Einer Recherche der Welt aus dem Jahr 2019 zufolge haben etwa 17 Prozent der Parlamentarier einen Doktortitel, etwas mehr als zwei Prozent sind habilitiert. Die meisten Abgeordneten mit einem Hochschulabschluss gibt es in der FDP-Fraktion (87,5 Prozent). Ausgerechnet hier sprang man Kühnert jedoch zur Seite: "Im Parlament müssen nicht nur Akademiker sein", twitterte FDP-Chef Christian Lindner. Vielleicht, weil er selbst seine Doktorarbeit noch nicht fertig hat, wie er 2011 in einem Interview sagte: "Ich habe damit einmal begonnen, aber seit meiner Wahl in den Bundestag keine Zeile daran arbeiten können."

Der Akademikeranteil im Bundestag spiegelt zwar nicht den der Bevölkerung wider, dennoch poppt der Vorwurf, kein Studium auf die Reihe gekriegt zu haben oder "ewiger Student" zu sein, bei Politikern immer wieder auf. Der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans wurde in einem Interview auf sein abgebrochenes Studium angesprochen und gefragt, ob das nicht ein ungewöhnlicher Lebenslauf für einen CDU-Abgeordneten sei. Die Zeit fragte 2016 in einem Porträt: "Wie wurde aus einem Studienabbrecher Hamburgs effektivster CDU-Bundestagsabgeordneter?" Und wer in Österreich lebt, kann sich vielleicht noch an die Proteste gegen Kürzungen im Bildungsbereich in den Neunzigern erinnern. Damals zählten die Demonstranten im Countdown lautstark die Semester, die der zuständige Minister für sein Studium gebraucht hatte. Es waren 23.

Dabei gibt es längst Politiker in Spitzenämtern, die nicht oder nur wenig studiert haben. Horst Seehofer hat die mittlere Reife und eine Verwaltungsprüfung im öffentlichen Dienst absolviert, Sebastian Kurz konnte es mit ein paar Semestern Jura zum österreichischen Bundeskanzler bringen, der frühere Außenminister Joschka Fischer war Taxifahrer. Eine Arbeit, die er immer wieder seine Schule des Lebens nannte. Und nicht weniger Beispiele gibt es von Politikern, deren akademische Karrieren nach hinten losgingen, man denke nur an Karl-Theodor zu Guttenberg, Annette Schavan oder Silvana Koch-Mehrin. Ihnen wurden nach Plagiatsprüfungen die Doktortitel wieder aberkannt.

© SZ/olkl
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