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Jugendvollzug in Deutschland:Darum ist die Rückfallquote so extrem hoch

Wer glaubt, aus dem Jugendgefängnis werden geläuterte Heranwachsende entlassen, irrt allerdings. Trotz der vielen Maßnahmen und Angebote ist die Rückfallquote im Jugendgefängnis extrem hoch - höher sogar noch als im Erwachsenenvollzug. "Nach dem Knast wird knapp die Hälfte der Jugendlichen wieder rückfällig", sagt Resozialisierungsexperte Bernd Maelicke. Und auch Anstaltsleiter Kuhlmann weiß: "Aus der Haft entlassene jugendliche Straftäter werden etwas häufiger wieder rückfällig als erwachsene Straftäter." Allerdings komme es darauf an, wie man Rückfall definiere - also ob die Entlassenen erneut kriminell werden oder ob sie eine derart schwere Straftat begehen, dass sie auch wieder inhaftiert werden. "Grob zusammengefasst kann man sagen, dass etwa ein Drittel derjenigen, die bei uns entlassen werden, später erneut in Haft kommen", sagt Kuhlmann.

Warum das so ist? Anstaltsleiter Koch hat dafür eine einfache Erklärung: "Sobald die Gefängnistür nach der Entlassung hinter ihnen ins Schloss fällt, sind die stabilisierenden Faktoren auf einen Schlag weg." Die unzulängliche "nachgehende Betreuung" führt Koch als Hauptursache für die hohe Rückfallquote an. "Die meisten kehren leider in das Milieu zurück, aus dem sie gekommen sind", sagt der Anstaltsleiter.

Resozialisierungsexperte Maelicke plädiert dafür, die Bewährungshilfe massiv auszubauen, um weitere Delikte zu verhindern und potenzielle Opfer zu schützen. Bei vorzeitigen Entlassungen werde den Jugendlichen zwar ein Bewährungshelfer zugeteilt, der müsse sich jedoch zeitgleich um bis zu 80 Klienten kümmern, sagt auch Koch. Die Mitarbeiter des Jugendgefängnisses in Wuppertal versuchen daher, die Insassen so gut wie möglich auf die Zeit nach der Haft vorzubereiten - indem ehrenamtliche Betreuer vermittelt werden oder das Gefängnis den Jugendlichen bei der Suche nach Unterkünften hilft.

"Wichtig sind Rückfallvermeidungs-Strategien. Das bedeutet zum Beispiel, dass einige Gefangene nach ihrer Entlassung kleine Kärtchen bekommen, die sie in die Brieftasche stecken können. Dort stehen dann Telefonnummern drauf, bei denen sie im Krisenfall anrufen und sich Hilfe holen können", sagt Anstaltsleiter Kuhlmann aus Hameln.

Für Sanel M. könnte es nach seiner Entlassung doppelt schwierig werden: Nicht nur, weil er in der Vergangenheit immer wieder auffällig geworden ist und - wie andere jugendliche Straftäter auch - rückfallgefährdet ist. Sondern auch, weil ganz Deutschland seinen Fall kennt und er bereits in der Untersuchungshaft Morddrohungen erhalten hat.

(Mit Material der Agenturen)

© SZ.de/dd

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