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Identifizierung der 9/11-Opfer:2753 Tote, 21.000 Leichenteile

Als sie sich am 13. September zurück zur Arbeit schleppte, rollte eine Operation an, wie es sie in ihrem beruflichen Umfeld noch nie gegeben hatte. Knapp 3000 Menschen waren im Schutt gestorben, das war bald klar, doch gefunden wurden 21.000 Leichenteile, die Mundorff und ihre Kollegen nun zu identifizieren versuchten.

Sieben Tage die Woche stand sie zwölf Stunden lang in den Zelten, die neben dem gerichtsmedizinischen Institut an der 30. Straße aufgebaut wurden, und versuchte, den Toten einen Namen zu geben. Die ersten Leichensäcke kamen direkt von Ground Zero, gefüllt von den Feuerwehrleuten, die auf dem Trümmerberg herumstiegen. Immer wenn die Regale in einem der Kühllaster voll waren, fuhr dieser mit Polizei-Eskorte in die 30. Straße, wo Mundorff mit Helfern von der Polizei und vom FBI an die Arbeit ging.

Mundorffs Aufgabe war die Vorsortierung der Funde: "Ich machte den Sack auf, nahm die Stücke heraus und sagte: Schädelfragment, Hüftfragment, Hand, und die Helfer packten dann jedes Teil in eine kleine rote Tüte. Alles, was nicht durch Gewebe verbunden war, wurde als einzelner Fall behandelt. Gelegentlich enthielten die Säcke ganze Körper, manche noch mit Fetzen von Kleidung, manche mit Ausweisen darin. In anderen lagen manchmal hundert einzelne Teile."

In den ersten Wochen ließen sich die Leichen oft noch anhand von Fingerabdrücken, Tattoos, Ringen identifizieren. Mundorff beugt sich zu ihrem Computer auf dem Couchtisch. "So sahen sie anfangs aus. Er ist ganz gut erhalten." Auf dem Bildschirm ist ein grau-brauner Kloß mit faltiger Oberfläche zu sehen. - Was . . . ? "Das ist ein Kopf."

Doch spätestens, als man begann, die 1,8 Millionen Tonnen Schutt auf Lastkähne zu verladen und auf die ehemalige Müllkippe Fresh Kills auf Staten Island zu bringen, blieb den Gerichtsmedizinern meist wenig mehr als die DNS-Analyse und der Abgleich mit den DNS-Proben von Zahnbürsten und Kämmen der Opfer. Bis zu 700 Menschen suchten mit Sieben und an Fließbändern in dem Geröll nach Resten von Mensch.

In einem Brustkorb fand Mundorff die abgetrennte Hand eines anderen

Was der Einsturz der Türme und die drei Monate lang brennenden Feuer mit den Körpern der Opfer angerichtet hatten, überstieg die Vorstellungskraft von Mundorff und ihren Kollegen. Sie sah: mumifizierte Leichen, denen der Betonstaub alles Wasser entzogen hatte. Geräucherte Leichen, die so lange im kochenden Löschwasser gelegen hatten, dass das Fleisch von ihren Knochen fiel "wie von einem Truthahn an Thanksgiving". Leichen, die fast unentwirrbar ineinander verkeilt waren: In einem Brustkorb - Mundorff klickt sich durch ihr Schreckensalbum zu einem Röntgenbild - fand sie die abgetrennte Hand eines anderen Mannes.

Knochen wie diese hatte selbst Mundorff noch nie gesehen. "Manche hatten sich in der Hitze aufgerollt." Aus anderen war alles organische Material herausgebrannt: "Wenn man sie fallen lässt, bleibt nur Staub." Eines Nachts wurde sie zu Ground Zero gerufen, weil man auf einen Hohlraum gestoßen war, in dem ein paar Polizisten Zuflucht gesucht hatten: "Es war ein Haufen aus Knochen und Pistolen."

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