bedeckt München 30°

Zehn Jahre 9/11:Der Terrorist und die Staubfrau

Der Präsident verstand erst nicht, um was es geht - und fand dann doch noch seine Rolle. Der Bürgermeister legte sein Image als meistgehasster Politiker ab. Und die in letzter Sekunde gerettete Marcy Borders brauchte lange, um ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen - bis zu dem Tag, an dem Al-Qaida-Chef Osama starb: die Geschichten von sechs Menschen, deren Schicksal unweigerlich mit 9/11 verbunden ist.

Marie Zahout

6 Bilder

BUSH

Quelle: SZ

1 / 6

George W. Bush, der Präsident im Kampf gegen den Terror

Während am 11. September 2001 innerhalb von 17 Minuten zwei Passagierflugzeuge die Türme des World Trade Centers in New York treffen, liest US-Präsident George W. Bush in Florida Schülern aus einem Kinderbuch vor. Sein Berater informiert ihn: "America is under attack".

Dass 9/11 der Wendepunkt seiner Regierungszeit werden sollte, wird Bush nicht sofort bewusst. Erst nach einigen Minuten verlässt er die Klasse. Der US-Präsident spricht von einem "offensichtlich terroristischen Angriff auf unser Land". Zum ersten Mal in ihrer nachrevolutionären Geschichte seien die Vereinigten Staaten von Amerika auf dem eigenen Festland angegriffen worden.

Doch es dauert nicht lange, bis der 43. Präsident seine Rolle findet und den richtigen Ton trifft. Bei einem Besuch des Ground Zero sagt Bush vor Feuerwehrleuten, Polizisten und Helfern: "Ich kann euch hören. Der Rest der Welt kann euch hören. Und die Menschen, die diese Gebäude niederrissen werden bald von uns allen hören." Schnell identifizierten die US-Geheimdienste die Täter: Das Terrornetzwerk al-Qaida und seinen Chef Osama bin Laden.

Getragen von einer Welle der Solidarität rief Bush den Krieg gegen den Terror aus. Schon im Oktober 2001 marschierten US-Soldaten in Afghanistan ein, um die Taliban-Regierung zu stürzen und al-Qaida zu bekämpfen. 2003 folgte der Irakkrieg. Bushs Außenminister Colin Powell argumentierte vor dem UN-Sicherheitsrat, dass Saddam Hussein in die Anschläge vom 11. September verwickelt gewesen sei. Im eigenen Land setzte Bush strengere Sicherheitskontrollen und Einreisebedingungen durch. 2004 wurde der Republikaner Bush wiedergewählt.

Seit Januar 2009 lebt er mit seiner Frau Laura als Privatmann in einem Vorort der texanischen Millionenmetropole Dallas. Er äußert sich kaum in der Öffentlichkeit - abgesehen von einigen Auftritten, in denen er seine Biographie Decision Points bewarb.

FEUERWEHRMAENNER FLAGGE

Quelle: AP

2 / 6

Feuerwehrmänner, die Helden von New York City

Sie halten die Erinnerung an den 11. September 2001 wach - und damit die Erinnerung an 343 ihrer Kollegen, die in den Trümmern des World Trade Centers ums Leben kamen. Sie tragen T-Shirts, auf denen die Namen der toten Feuerwehrmänner stehen, an den Wachen hängen Schilder mit den Namen und Fotos der Toten und auch auf ihre Einsatzwagen hat jede Wache die Namen seiner Opfer schreiben lassen.

Die Überlebenden wurden zu Helden. Während die einen versuchten, das brennende World Trade Center so schnell wie möglich zu verlassen, kämpften sich die Feuerwehrmänner nach oben. Bis zur letzten Sekunde versuchten die Männer Menschen aus den brennenden Türmen des World Trade Centers zu retten.

Doch viele konnten nur noch tot geborgen werden. Schon nach den ersten Stunden nach dem Anschlag mussten sie auch nach Kollegen suchen. Unter den Toten ist auch Peter J. Ganci, der ranghöchste Feuerwehrmann New Yorks. Er wurde unter den Trümmern des einstürzenden Nordturms begraben, nachdem er versucht hatte, den Verletzten im Treppenhaus zu helfen.

In den Wochen nach dem 11. September hingen die New Yorker Dankesbriefe an die Feuerwachen und kauften T-Shirts und Baseballkappen mit dem Aufdruck "FDNY" ("Fire Department City of New York").

Doch viele Helden fanden nicht zurück in ihr altes Leben: Der Einsatz am 11. September 2001 hat vielen psychisch zu viel abverlangt. Viele Feuerwehrmänner wurden auch krank. Sie atmeten giftigen Staub und Rauch ein, leiden seither unter Atembeschwerden und anderen Krankheiten. Schon einen Monat nach den Einsatz berichteten die Ersten von gesundheitlichen Problemen. Ein Jahr nach 9/11 mussten etwa 30 Einsatzkräfte krankheitsbedingt in den Ruhestand treten.

Erst Anfang 2011 hat US-Präsident Obama ein Gesetz zur Kompensation erkrankter Helfer unterzeichnet. Feuerwehrmänner sollen damit Entschädigungen und medizinische Versorgung erhalten. In den kommenden zehn Jahren stehen dafür vier Milliarden Dollar zur Verfügung.

USA veroeffentlichen Video von Osama bin Laden

Quelle: AP

3 / 6

Osama bin Laden, der meistgesuchte Mann der Welt

Als Anfang Mai der Tod von Osama bin Laden rund um den Globus Schlagzeilen machte, stellte dieses Foto, das den Al-Qaida-Chef beim Fernsehen in seinem Haus in Abbottabad zeigen soll, das öffentliche Bild vom Terrorfürsten in Frage: Lebt so der meistgesuchte Mensch der Welt?

Als Sohn einer reichen Unternehmerfamilie aus Saudi-Arabien fand Bin Laden sehr früh zur Religion. Während viele seiner Verwandten das Leben in der Jet-Set-Elite genossen, machte sich Osama bin Laden auf den Weg nach Pakistan und Afghanistan. Ende der achtziger Jahre gehört er zu den wichtigsten Dschihad-Führern Afghanistans im Kampf gegen die sowjetischen Besatzer. In dieser Zeit gründet er das Terrornetzwerk al-Qaida. Er predigt die ersten Hasstiraden gegen Amerika. Sein Ziel: Die US-Truppen sollten aus allen islamischen Ländern abgezogen werden.

Schon zwei Jahre vor 9/11 wurde bin Laden nach den Terroranschlägen auf die US-Botschaften der Vereinigten Staaten in Kenia und Tansania (1998) auf Platz eins der Most-Wanted-Liste der Bundespolizei FBI gesetzt. Die Anschläge vom 11. September 2001 brachten ihn noch am selben Tag in die Schlagzeilen rund um den Globus. Wenige Stunden nach den Angriffen spekulierten erste Stimmen über Bin Laden als Verantwortlichen.

Zehn Jahre lang suchten die Amerikaner, unterstützt von ihren Alliierten und - vorgeblich - auch von der pakistanischen Regierung Bin Laden in den Höhlen an der pakistanisch-afghanischen Grenze. Mit Satellitenaufklärung. Mit Drohnen. Mit den Waffen der hochgerüsteten US-Geheimdienste und Spezialeinheiten. Am Ende brachte ein Kurier Bin Ladens die Amerikaner auf die Spur des Al-Qaida-Chefs.

ATTA

Quelle: AP

4 / 6

Hamburger Terrorzelle, die WG der Todespiloten

In den Trümmern der am 11. September 2001 auf freiem Feld in Pennsylvania abgestürzten United-Airlines-Maschine finden Ermittler ein angebranntes Stück Papier - sie entziffern eine Hamburger Adresse. Die Spur führt die Fahnder zu einem unscheinbaren Nachkriegsbau in Hamburg-Harburg. Hier, in der Marienstraße 54 lebten Mohammed Atta, Marwan al-Shehhi und Ziad Jarrah. In dem blassgelben Haus, erste Etage rechts, hinter der Fußmatte mit der Aufschrift "Moin, Moin" haben sie die Anschläge vom 11. September 2001 geplant.

In den neunziger Jahren kamen die Männer nach Deutschland. Fleißige Studenten sollen sie gewesen sein, gläubige Muslime. Im Bücherregal stehen Werke über den "Heiligen Krieg" und in den Schubladen liegen Kopien von Bin Ladens Aufruf zum Kampf gegen die Ungläubigen. Atta (im Bild zu sehen), der Kopf der Truppe, spricht perfekt Deutsch. Doch die westliche Welt gefiel ihm nicht. Er will die Amerikanisierung stoppen, seine islamischen Wurzeln wahren.

In Afghanistan werden die Mitglieder der Hamburger Terrorzelle in Trainingslagern von al-Qaida ausgebildet. Am 11. September 2001 besteigt Jarrah den United-Airlines-Flug 93, der es nicht an sein Ziel schafft. Shehhi den United-Airlines-Flug 175, den er in den Südturm des World Trade Centers steuert. Atta sitzt im American-Airlines-Flug 11, dem ersten Flugzeug, das das World Trade Center trifft.

NEW YORK MAYOR GIULIANI SPEAKS AT GROUND ZERO

Quelle: SZ

5 / 6

Rudolph Giuliani, der Bürgermeister Amerikas

Wenige Stunden nach den Anschlägen, die seine Stadt für immer verändern haben, steht New Yorks Bürgermeister Rudolph Giuliani schon vor den Kameras und gibt Interviews. Sichtlich erschüttert, aber gefasst sagt er: "New York wird die Krise überstehen. Wir werden noch stärker daraus hervorgehen -  emotional, politisch und wirtschaftlich."

In der größten Krise der Geschichte New Yorks behält der Bürgermeister den Überblick. Er evakuiert den Süden Manhattans, beruhigt die Bürger und kümmert sich sogar um die Lieferung von Leichensäcken. Der Law-and-Order-Mann profiliert sich als souveräner Krisenmanager und überrascht so seine Kritiker.

Gerade für liberale New Yorker war Giuliani lange Zeit der meistgehasste Politiker. Nachdem er sein Amt 1994 angetreten hatte, verfolgte der republikanische Bürgermeister mit eiserner Hand die Politik der "Zero Tolerance". Trotz mancher Erfolge - die Stadt wurde unter seiner Führung sauberer und sicherer - verlor Giuliani auch bei seinen konservativen Wählern zusehends an Zustimmung. Wegen einer Krebserkrankung musste er seine Kandidatur für den Posten des New Yorker Senators zurückziehen. Die Hoffnung einer Kandidatur auf das Amt des Präsidenten zerschlug sich. Gleichzeitig schlachtete die Boulevardpresse jedes Detail der Trennung von seiner Frau Donna Hanover aus.

Nach 9/11 war all das vergessen. Die Medien feierten Giuliani und nannten ihn den "Bürgermeister Amerikas". Ein weiteres Mal durfte Giuliani nicht als Stadtoberhaupt kandidieren, doch seine politische Karriere war noch nicht vorbei: 2008 scheiterte Giuliani im Rennen um die republikanische Präsidentschaftskandidatur. 2012 will er es wohl noch einmal wissen.

-

Quelle: AFP

6 / 6

Marcy Borders, die Staubfrau

Auf dem Foto ist sie kaum zu erkennen und doch hat dieses Bild Marcy Broders zum Sinnbild für die Opfer von 9/11 gemacht. Über und über mit Staub bedeckt, blickt sie entsetzt in die Kamera. Ihr einer Arm ist ausgestreckt, als wolle sie sagen: Hilf mir!

Borders steht am Kopiergerät im 81. Stock des Nordturms, als das Flugzeug zwölf Stockwerke über ihr einschlägt. Das Gebäude wackelt, die ersten Toten liegen in den Gängen. Borders rennt nach unten, alle 81 Stockwerke. Als sie nach mehr als einer Stunde im Erdgeschoss ankommt, stürzt der Südturm ein. Sie verliert fast das Gleichgewicht, atmet Staub ein. In Panik rennt sie ins Freie, weg von dem Gebäude. Wenige Minuten später fällt der Nordturm in sich zusammen.

Marcy Borders hat den 11. September 2001 überlebt, aber der Tag hat sie für immer gezeichnet. Borders wurde arbeitsunfähig und verlor ihren Job bei einer Bank. Die "Staubfrau" war von ihren Ängsten gefangen, konnte kein Hochhaus mehr betreten und bei dem Geräusch eines Flugzeugs befiel sie Panik. Aus dem Haus ging sie nur noch selten -  aus Angst, die Terroristen könnten sie doch noch töten. Schließlich wurde sie alkohol- und drogenabhängig und verlor das Sorgerecht für ihre Kinder.

Die Nachricht vom Tod Osama bin Ladens ließ sie aufatmen. Die 38-Jährige machte einen Drogenentzug und konnte ihre Kinder wieder zu sich holen. In einer Plastiktüte bewahrt sie noch immer die mit weißem Staub überzogenen Kleidungsstücke auf, die sie am 11. September 2001 trug.

© sueddeutsche.de/maza/mati

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite