bedeckt München 18°
vgwortpixel

Identifizierung der 9/11-Opfer:Wenn ich nur vergessen könnte

21.000 Leichenteile, geborgen aus dem Schutt, in Tüten angekarrt. Amy Mundorff gehört zu dem Team der Gerichtsmediziner, das die Opfer des 11. September identifizieren musste. Heute kämpft die Forensikerin Tag für Tag mit ihren Erinnerungen.

Amy Mundorff sah jeden, der in Manhattan eines unnatürlichen Todes gestorben war, sei es durch Mord, Selbstmord oder einen Unfall. Um die zehn Leichen lagen jeden Morgen auf den Tischen der New Yorker Gerichtsmedizin, ihre Identitäten und ihr Tod Rätsel, die von Mundorff und ihren Kollegen zu lösen waren. Oft waren die Toten in einem schlimmen Zustand: verbrannt, verwest, zerstückelt, mumifiziert. Mundorff, die forensische Anthropologin ist, war zuständig für die Skelette. "Ich mag meine Knochen am liebsten trocken", sagt sie. "Es war mein Traumjob."

Construction At Ground Zero Continues Ahead 9 Year Anniversary of 9/11

Bilder von Feuerwehrleuten, die bei den Anschlägen auf das World Trade Center getötet wurden. Amy Mundorff half, ihre Leichen zu identifizieren.

(Foto: AFP)

Dann kam 9/11.

Was genau passiert war, das wusste an diesem Morgen auch in ihrer Behörde niemand. Dennoch kam Mundorff, die damals erst 32 war, gerne mit, als ihr Chef mit einem kleinen Team zu den brennenden Twin Towers aufbrach. Kaum waren sie angekommen, schlug ein "Springer" nicht weit von ihr aufs Pflaster - "ein hohles, schreckliches Geräusch. Wie ein Stapel nasser Zeitungen, die auf eine leere Metallkiste geworfen werden." Mundorff musste sich fast übergeben.

Sie ahnte, wie leichtsinnig es gewesen war, ohne Schutzausrüstung herzukommen; wie sinnlos ihre Anwesenheit hier war. Minuten später sackte der erste Turm in sich zusammen. Die Flutwelle aus Staub hob sie hoch und schleuderte sie gegen eine Wand.

Mundorff war begraben unter Staub, Beton und Glaswolle. Doch sie sagt: "Ich war begraben", als sei sie tatsächlich tot gewesen. Einer ihrer Kollegen hatte ein Stück Metall im Fuß, ein anderer einen Schädelbruch und Trümmersplitter in den Augen. Mundorff hatte eine Gehirnerschütterung, mehrere gebrochene Rippen, Schürfwunden und Prellungen am ganzen Körper.

"Haben Sie den Salat probiert? Schmeckt toll", sagt sie und lächelt, während draußen die Schäden eines Gewittersturms beseitigt werden. 2004 hat sie gekündigt. Mit ihrem Mann und ihrer dreijährigen Tochter lebt sie jetzt in Knoxville, Tennessee, in einem idyllischen kleinen Haus. Sie ist Professorin an der Universität. Es gebe kein besseres Forensik-Institut in den USA als dieses, sagt sie. Dennoch vermisst sie New York: "Nicht die Angst und den Hype. Aber die Echtheit der Leute, die schönen Menschen. Nur die Leichen fehlen mir nicht."

Zur SZ-Startseite