Hochwasser in Rheinland-Pfalz:Das Winzerdorf, das sich selbst hilft

Hochwasser in Rheinland-Pfalz: Der Wein spielt eine zentrale Rolle in Mayschoß an der Ahr, knapp 1000 Einwohner. Der Weinkeller ist vollgelaufen, die meisten Flaschen sind hinüber, aber Aufgeben gilt nicht.

Der Wein spielt eine zentrale Rolle in Mayschoß an der Ahr, knapp 1000 Einwohner. Der Weinkeller ist vollgelaufen, die meisten Flaschen sind hinüber, aber Aufgeben gilt nicht.

(Foto: Friedemann Vogel/EPA/Bearbeitung: SZ)

Zehn Tage war Mayschoß von der Außenwelt abgeschnitten, da haben die Einwohner einfach eigenhändig eine neue Straße asphaltiert. Und jetzt retten sie Weinflaschen, weil die Zukunft vor allem am Wein hängt. Über einen Ort, der trotz allem weiß, wie es weitergeht.

Von Elisa Britzelmeier, Mayschoß

Wie ein glattes dunkles Band zieht sich die neue Straße durch den Wald, sie verbindet den kleinen Ort Mayschoß, Landkreis Ahrweiler, Rheinland-Pfalz, mit dem kleinen Ort Kalenborn, Landkreis Ahrweiler, Rheinland-Pfalz. Und damit also mit der Welt.

Zehn Tage lang war Mayschoß kaum erreichbar. Das Hochwasser hat die Bundesstraße weggerissen. Die Bahngleise hängen verbogen in der Luft. Kein Durchkommen flussaufwärts. Kein Durchkommen flussabwärts.

Hochwasser in Rheinland-Pfalz: Die zerstörte Bundesstraße nach Mayschoß, daneben die unterspülten Bahngleise. Der Ort war tagelang nur noch über einen Schotterweg erreichbar.

Die zerstörte Bundesstraße nach Mayschoß, daneben die unterspülten Bahngleise. Der Ort war tagelang nur noch über einen Schotterweg erreichbar.

(Foto: Christof Stache/AFP)

Blieb der Weg über den Hügel, durch die Weinberge, durch den Wald. Ein Schotterweg. Bis die Mayschoßer loslegten. Sie ebneten den Weg, und sie asphaltierten. Sonst dauert es Jahre, eine Straße zu planen und zu bauen. In Mayschoß brauchten sie knappe zehn Tage. Es war ja niemand da, der es hätte verbieten können.

Mayschoß, nicht ganz 1000 Einwohner, liegt im Ahrtal, umgeben von Schieferhängen und Weinbergen. Vor der Flut kamen die Touristen her, um Spätburgunder zu trinken und auf dem Rotweinwanderweg zu wandern. Eine Mystery-Serie wurde mal hier gedreht, Titel "Weinberg". Das Dorf wählten die Macher aus, weil es so schön abgeschieden ist, ausgerechnet. In Mayschoß war gleich nach der Flut klar, dass an zwei Dingen alles hängt. An einer neuen Straße. Und am Wein.

Alina Sonntag hat die neue Straße noch nicht gesehen. Seit der Flut hat sie Mayschoß nicht verlassen, sie ist im Dauereinsatz für den Wein. Sonntag, 31, arbeitet als Assistentin der Geschäftsführung für die Winzergenossenschaft Mayschoß-Altenahr, zu der alle hier WG sagen. Normalerweise organisiert Sonntag Veranstaltungen, jetzt koordiniert sie Helferinnen und Helfer. "Niemand will weg hier", sagt sie.

Mayschoss: nach der Flut im Ahrtal

Alina Sonntag vor dem Weinkeller in Mayschoß. Hinter ihr Drahtkörbe mit geretteten Weinflaschen.

(Foto: Elisa Britzelmeier)

Die WG hat ihre Verarbeitungshallen, den Weinkeller und den Verkaufsraum direkt an der Ahr. Hatte. Vom Verkaufsraum ist nur noch eine zerdrückte Theke übrig. Die Weinterrasse, auf der sonst die Touristen sitzen, ist weggespült. Früher schaute man auf die gemächlich dahinfließende Ahr, jetzt schaut man dem Haus gegenüber direkt in Schlafzimmer, Küche, Bad, es sieht aus wie zur Hälfte weggebombt. Nebenan hat jemand ein X auf die Hauswand gesprayt, dazu ein Wort: Abbruch.

Bei der Winzergenossenschaft stehen die Helfer in Kette, aus einem Fenster reichen sie eimerweise Schlamm nach draußen, aus dem anderen Weinflaschen. Spätburgunder, Riesling, Blanc de Noir - "unser Bestseller", sagt Sonntag. Sie laden die Flaschen in Gitterkörbe, waschen in Bottichen den Schlamm ab. Etwa zehn Prozent der Flaschen sind unversehrt, sagt Sonntag, den Rest müssen sie noch spülen, gerade wissen sie nicht, wie viel Wein zerstört ist. Auf Instagram hat Sonntag ein Bild gepostet, sechs verschmierte Flaschen, sie bieten jetzt Hochwasser-Überraschungs-Pakete mit geretteten Weinen an. Lieferung in vier Wochen, keine Ahnung, ob sie das einhalten können.

Hochwasser-Wein der Winzergenossenschaft Mayschoß-Altenahr

Das Hochwasser-Überraschungspaket enthält sechs gerettete Flaschen und kostet 100 Euro. Die Winzergenossenschaft verspricht: "Die Flaschen werden alle gespült."

(Foto: Alina Sonntag)

Mindestens die Hälfte der Mayschoßerinnen und Mayschoßer lebt vom Weinbau, sagt Sonntag, oder vom Tourismus, "ist ja alles ein Kreislauf". Auch ihre Familie hat Weinberge. Die WG ist das größte Unternehmen im Ort, 1868 schlossen sich die ersten Winzer zusammen, heute gehören ihr 460 Mitglieder an. Corona war nicht nur schlecht für sie. Es kamen auch deutlich jüngere Touristen zuletzt, sagt Sonntag. Und in den Supermärkten verkauften sich die Weine gut. Die Frage ist, ob sie die weiter beliefern können.

Sonntag führt nach drinnen. Wo bis vor Kurzem Wein probiert wurde, sind Wände und Böden von einer Schlammschicht überzogen. Zwei Freiwillige kommen entgegen, "wir haben wieder was gerettet", die Frau hält eine Weinflasche hoch. Einen Stock tiefer, im Fasskeller, fischen die Helfer die Holzfässer aus dem Schlamm. Hier lagert der besonders hochwertige Wein. Ob man ihn noch trinken kann, ist unklar, aber das Holz scheint zu halten.

Fast noch mehr aber kommt es auf den aktuellen Jahrgang an. Der, der noch in den Weinbergen hängt. 15 Hektar sind verloren, die Weinstöcke direkt an der Ahr, einfach weggeschwemmt. Aber die restlichen 135 Hektar müssen bearbeitet werden. Es sind nur noch ein paar Wochen bis zur Lese. "Wenn man jetzt zwei Wochen nicht in den Weinberg geht, hat man verloren", sagt Alina Sonntag. Aber wer hat dafür gerade einen Kopf? Sie haben nun auch die Weinbergsarbeit gemeinschaftlich mit Helfern organisiert, die Spritzung, die Laubarbeiten, ganz egal, wem welche Rebe gehört.

Die Kirche wurde zum Spendenlager, genannt "Rochus-Mall"

In den Straßen im Dorf sammelt sich der Staub, an ihren Rändern Waschmaschinen, Kühlschränke, Stehlampen, PC-Laufwerke. Eine Familie kommt gerade aus der Kirche, ruft einer Bekannten zu: "Wir waren shoppen!" In der Kirche stapeln sich die Spenden, Hosen, Shampoos, Konservendosen, "Rochus-Mall" haben sie das Lager getauft, nach dem Kirchenpatron. Judith Balter sortiert Müslipackungen, sie wohnt seit fünf Jahren im Ort, eigentlich arbeitet sie im Kindergarten im Nachbarort, "aber den gibt's ja gerade nicht". Alle seien so tapfer, findet sie. Aber der große Zusammenbruch kommt wohl noch. "Wenn alle freiwilligen Helfer weg sind und sie dann in ihren leeren Häusern stehen."

Flutkatastrophe im Ahrtal

Judith Balter und ihr Mann beim Sortieren von Spenden in der Kirche St. Rochus, übrigens der Schutzheilige gegen die Pest.

(Foto: Elisa Britzelmeier)

In der Alten Schule, wo sonst Yogakurse und Krabbelgruppen stattfinden, hat der Krisenstab seine Einsatzzentrale eingerichtet. Den Krisenstab haben die Mayschoßer einfach selbst auf die Beine gestellt, abgeschieden, wie sie waren. Sie haben wieder Strom, über Generatoren, es reicht für Licht und um die Handys zu laden, sie haben eine Straße, jetzt geht es ums Wasser, und Bürgermeister Hubertus Kunz hat gute Nachrichten: Es läuft wieder. Jedenfalls in manchen Ortsteilen, die das Hochwasser nicht erwischt hat. "Wir sind im Mittelalter gestartet und im 19. Jahrhundert angekommen", sagt Kunz, Lachen um ihn herum. Kunz, 71, ist seit Jahren in politischen Ämtern, er möchte aber bitte nicht, dass man ihn für wichtiger nimmt als alle, die Kaffee kochen oder Schlamm schippen.

Seine Hauptaufgaben momentan: Die Stimmung halten, in alle Richtungen netzwerken, die Entscheidungen des Krisenstabs absegnen. Wie die für die Straße. "Siebzig-, achtzigtausend Euro" hat die gekostet, sagt Kunz. Hat er einfach unterschrieben. Am Ende waren es Aufträge für 600 000 Euro, ohne Absicherung von oben. "Ich hab' gnadenlos Kompetenzen überschritten." Ein Bauunternehmer im Ort, der früher Autobahnen baute, schaffte Maschinen und Material ran. Die Straße ist nicht markiert und kaum befestigt, wenn Gegenverkehr kommt, wird es eng, aber sie ist da.

Kunz ist bei der CDU, andere nennen ihn "ziemlich grün". Wenn er durch den Ort geht, drückt er die Menschen und duzt prinzipiell jeden, egal ob freiwillige Helferin oder Bundeswehrkommandeur. Und er sagt immer wieder diesen Satz: "Ich bin traumatisiert." Sein Haus in der Dorfstraße hat es erwischt. Das Wasser stand so hoch, dass der Schlamm selbst im ersten Stock auf den Küchenfliesen klebt. Das karierte Hemd, die Fleecejacke, alles, was er trägt, ist geliehen.

Mayschoss: Nach der Flutkatastrophe in Ahrtal

Im Haus von Bürgermeister Hubertus Kunz stieg das Wasser bis in den ersten Stock, trotzdem sagt er: "Was kann denn die Ahr dafür?"

(Foto: Elisa Britzelmeier)

Kunz ist bei Verwandten untergekommen. Er blättert in einem dicken Buch, die Chronik seines Dorfes, von Hochwasser ist immer wieder zu lesen, 1764, 1804, 1961, 1993. Mal spülte die Ahr die Keller voll, mal flutete sie die Dorfstraße, schon einmal schnitt sie den Ort kurz von der Außenwelt ab. 1910 gab es Tote, die Ahr nahm die Bahnhofsbrücke mit. Schlimm war es zuletzt 2016, Jahrhunderthochwasser, der Pegel zeigte 3,71 Meter.

Danach war man vorbereitet auf 4,20 Meter, sagt Kunz, und das sei schon unvorstellbar gewesen. Am Ende aber muss der Pegel in Mayschoß dieses Mal irgendwo zwischen 8,70 Meter und 9,70 Meter gewesen sein.

Banger Blick auf die "Meine Pegel"-App

Ja, es gab Warnungen. Die Feuerwehr hatte alle Vorbereitungen übernommen, eine Schutzwand aufgestellt, die Pumpen liefen, wer nahe an der Ahr wohnt, räumte die Keller frei. Den Nachmittag über beobachtete Kunz die App "Meine Pegel", die sie hier alle installiert haben, und sah, wie die Prognosen stiegen. Erst sanft, dann schlagartig, Kunz malt eine steile Kurve in die Luft. Als die Vorhersage bei fünf Metern stand, dachte Kunz: Die spinnen.

Ja, sagt Kunz, mit dem Wissen von heute hätte man evakuieren müssen.

Kunz liebt seinen Fluss, er verteidigt ihn immer noch. "Was kann denn die Ahr dafür, wenn der Jetstream schwächelt und es so stark regnet?"

Er hatte sich aufs Dach gerettet mit seiner Familie, über die Anrichte, durchs Küchenfenster. Der Strom war da schon weg. Im Dunkeln saßen sie auf dem nassen, rutschigen Dach und warteten. Er dachte an die Entscheidungen, die er in seinem Leben getroffen hatte, sagt er. "Ich war mit mir selbst im Reinen." Und irgendwann wurde ihm bewusst: "Ich werde noch gebraucht." Das Wasser hörte auf zu steigen. Es fiel fast so schnell wieder, wie es gekommen war.

An die Stunden direkt danach kann er sich nicht erinnern. Später hat man ihm erzählt, er sei durch den Ort gelaufen, habe stumm alle angelächelt und umarmt. Als er wieder voll da war, stand auch schon der Krisenstab. Seine Erklärung, warum es funktioniert im Dorf: Alle machen das, was sie am besten können. Er war früher Lehrer, Religion und Biologie, so hat er es auch damals gehalten, sagt er, immer loben, bei jedem die Stärken sehen.

Erst das Hochwasser, dann die Querdenker

Nur eines beunruhigt ihn. Bei ihnen in Mayschoß seien Querdenker und Reichsbürger unterwegs gewesen, wie in anderen betroffenen Flutorten auch. Er versucht, mit klaren Distanzierungen entgegenzutreten, es scheint erst mal geholfen zu haben. "Aber die machen mir mehr Angst als das Hochwasser."

Wie es weitergeht?

Hubertus Kunz hofft, dass sein Ort in drei Jahren wieder aufgebaut ist.

Alina Sonntag hofft, dass sie in der nächsten Woche in einem der Nachbarorte ein Büro einrichten können. Allein schon, um die vielen Bestellungen für das Hochwasser-Überraschungspaket abzuarbeiten.

© SZ
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