Flüchtlingsschiff Blue Sky M:Kapitän verließ Brücke kurz vor der italienischen Küste

Moldovan-flagged Blue Sky M in Gallipoli

Die Blue Sky M in Gallipoli: Der Kapitän hatte das Schiff kurz vor der Küste auf Autopilot gesetzt.

(Foto: Biagio Claudio Longo/dpa)
  • Der syrische Kapitän der Blue Sky M schildert die Fahrt auf dem Flüchtlingsschiff nach Italien.
  • Der Mann bekam 15 000 Dollar und die Möglichkeit, seine Familie mitzunehmen. Der Syrer verließ die Brücke wenige Meilen vor der italienischen Küste.
  • Wie das Millionengeschäft für Menschenhändler zu verhindern ist, darüber wird nach den jüngsten Fällen aufgegriffener Flüchtlingsschiffe gestritten.

Kapitän der Blue Sky M schildert Fahrt von Flüchtlingsschiff

Der von den Schleusern angeheuerte Kapitän des Flüchtlingsschiffs Blue Sky M, das am Dienstag führerlos vor der italienischen Küste aufgegriffen wurde, hat der Polizei nach Zeitungsinformationen die Fahrt des Frachters geschildert.

Die Menschenschmuggler hätten ihm 15 000 Dollar (12 450 Euro) geboten sowie die Möglichkeit, seine Familie mitzunehmen, sagte der 36-jährige Syrer Sarkas Rani laut einem Bericht von La Repubblica im Verhör der Polizei, die ihn nach der Ankunft des Schiffs im süditalienischen Hafen Gallipoli am Mittwoch festnahm.

Als Flüchtling im Libanon sei er von einem Bekannten kontaktiert worden, der wusste, dass er Schiffskapitän war, sagte Rani. Die beiden Männer hätten sich in Istanbul getroffen und das Geschäft besiegelt.

Mit drei weiteren Männern habe er sich auf der Blue Sky M eingeschifft. Diese sei vor dem türkischen Hafen Mersin nahe der syrischen Grenze vor Anker gegangen. Nach zwei Tagen habe ein Boot die erste Flüchtlingsgruppe gebracht. Nach vier Tagen seien knapp 800 Menschen an Bord gewesen, sagte Rani dem Bericht zufolge. Laut Repubblica schalteten die Schmuggler eine Anzeige auf Facebook, in der sie eine Überfahrt nach Italien für 5500 Dollar anboten. Bei Gruppen ab 25 Menschen gab es demnach eine Preissenkung auf 4500 Dollar.

Wie Rani weiter schilderte, wurde das Schiff vor Mersin nie von den türkischen Behörden kontrolliert. Als es voll war, habe er persönlich die Route nach Italien festgelegt. Vor Griechenland habe er wegen der rauen See von den Behörden die Erlaubnis erbeten, in einer Bucht Schutz zu suchen, was ihm gewährt worden sei.

Zu keinem Zeitpunkt hätten die griechischen Behörden das Schiff überprüft, sagte Rani. Die Hafenpolizei hatte das Schiff zwar kontaktiert, nachdem Medien über hunderte Flüchtlinge an Bord berichtet hatten, doch ließ sie das Schiff passieren.

Küstenwache übernahm Kontrolle über das Schiff kurz vor der Küste

Als sich das Schiff Italien näherte, setzte Rani es mit sechs Knoten (elf Stundenkilometer) auf Kurs zur Küste und verließ die Brücke, um sich unter die anderen Flüchtlinge zu mischen. Ohne die rechtzeitige Intervention der italienischen Küstenwache wäre das Schiff wohl auf Land gelaufen.

Fünf Seemeilen (neun Kilometer) vor der Küste gelang es Mitgliedern der Küstenwache, sich vom Helikopter auf die Blue Sky M abzuseilen und die Kontrolle über das Schiff zu übernehmen. Am frühen Mittwochmorgen erreichte das Schiff mit 768 Flüchtlingen dann den Hafen Gallipoli.

Zweites führerloses Frachtschiff kurze Zeit später entdeckt

Zwei Tage später wurde ein zweites führerloses Frachtschiff mit 360 Flüchtlingen an Bord vor der italienischen Küste aufgegriffen. Ob sich im Fall der Ezadeen die Besatzung absetzte oder unter die Flüchtlinge an Bord mischte, ist unklar. Italiens Küstenwache hatte die führerlose Ezadeen am Donnerstag entdeckt. In einer dramatischen Rettungsaktion seilten sich die Einsatzkräfte von einem Helikopter auf das Schiff ab.

Empörung über Methoden der Menschenschmuggler

Die neue Methode der Menschenschmuggler, Flüchtlinge im Meer auf führerlosen Schiffen zurückzulassen, löste Empörung aus und lies den Ruf nach Konsequenzen laut werden. Diese Taktiken der Schleuser erforderten auch neue Antworten, sagten die Chefs der Deutschen Polizeigewerkschaft und der Bundespolizeigewerkschaft DPolG, Rainer Wendt und Ernst Walter. Das jetzige Verfahren sei "völlig verfehlt".

Ein altes Schiff für einige Hunderttausend Euro kaufen, Millionen kassieren - für die Schleuser lohnt sich das Geschäft. Zwischen 4000 und 8000 Dollar hätten sie für die Überfahrt auf dem fast 50 Jahre alten Viehtransporter Ezadeen bezahlt, berichteten einige der 360 Flüchtlinge den italienischen Behörden.

Trend zum Einsatz von Frachtschiffen

Seit September sei ein Trend zum Einsatz von Frachtschiffen zu beobachten, um "die Zahl der Flüchtlinge auf den Booten zu erhöhen", sagte Carlotta Sami, die Sprecherin der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR für Südeuropa, La Repubblica. Mit dem Ende des italienischen Rettungseinsatzes "Mare Nostrum" wachse der Druck auf die Türkei und Griechenland. Polizeigewerkschafter Wendt nannte es einen großen Fehler, dass "Mare Nostrum" vom Einsatz "Triton" abgelöst wurde, der von der EU-Grenzschutzagentur Frontex koordiniert wird. Nun werde den "Schleusern das ganze Mittelmeer überlassen, und nur in Küstennähe wird Europa aktiv, sagte er dem Handelsblatt (Online-Ausgabe). "Die Europäische Union wäre gut beraten, in den (Mittelmeer-) Anrainerstaaten mit Verhandlungen, Anreizen und Beratung dafür zu sorgen, dass Flüchtlinge möglichst gar nicht erst diese Schrottkähne besteigen können."

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