Familienstreit bei den Welfen Adel vernichtet

Das Objekts des Familienstreits bei den Welfen: die Marienburg nahe Hannover.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Zwischen Ernst August Prinz von Hannover und seinem ältesten Sohn ist ein Streit ausgebrochen. Es geht um einen umstrittenen Schenkungsvertrag, eine unliebsame Schwiegertochter und eine Burg - die mal ein Symbol der Liebe war.

Von Peter Burghardt

Ein Märchenschloss, fast wie Neuschwanstein. In Niedersachsen, im Besitz einer real existierenden Adelsfamilie. Das Schloss Marienburg der Welfen thront über Pattensen im Süden von Hannover, Georg V. von Hannover hatte es vor gut 150 Jahren bauen lassen. Ein Geburtstagsgeschenk an seine Frau, was man halt so verschenkte. Heute gehört die Marienburg Ernst August Erbprinz von Hannover. Noch, er will verkaufen. An Niedersachsen. Für einen Euro.

Oder doch nicht? Niedersachsen wäre bereit, auch wenn nach dem Kauf deutlich mehr Geld in die Immobilie fließen müsste, allerdings ist fürs Erste ein Welfenstreit dazwischengekommen. Ernst August Prinz von Hannover, 64, hat das Geschäft gestoppt. Mehr noch: Er möchte das Schloss zurückhaben. Kürzlich erreichte ein Protestschreiben den niedersächsischen Regierungschef Stephan Weil (SPD), verfasst von der Berliner Anwaltskanzlei Bub, Enderle & Meyer. Es liegt der Süddeutschen Zeitung vor. Darin geht es um die "angekündigte Veräußerung des Schlosses Marienburg durch den treulosen Sohn unseres Mandanten".

Exklusiv für Abonnenten

Lesen Sie die besten Reportagen, Porträts, Essays und Interviews der letzten Monate.

Hier geht es zu den SZ-Plus-Texten.

Auf 32 Seiten wird erläutert, weshalb das Bundesland dem Erbprinzen die Marienburg nicht abkaufen darf. 2004 hatte Ernst August Senior seinem ältesten Sohn unter anderem dieses Schloss überschrieben, der Junior, 35, ist der Urururenkel des Bauherrn Georg V. und seiner Königin Marie. Ernst August der Ältere sagt, er habe seinem Sohn die deutschen Besitzungen des Hauses Hannover "als seinem Nachfolger und künftigem Chef des Hauses" geschenkt, doch der habe ihn "in verschiedenster Hinsicht schwer enttäuscht". Das Familienoberhaupt lebt in Österreich und gilt als sehr krank. Die Schenkung betrachtet er als ungültig, er fühlt sich hintergangen. Die Bedingung für die Übereignung sei gewesen, dass der Familienbesitz zusammenbleibe, ohne Zugriff für Fremde.

Zu den Enttäuschungen zählt die Hochzeit des Erbprinzen mit einer russischstämmigen Bürgerlichen, die 2017 ohne väterliche Zustimmung stattfand. Nach dem Hausgesetz seien Nachkommen von Ernst August junior deshalb nicht nachfolgeberechtigt, steht in dem Schriftstück, "sodass dessen Interesse am Fortbestehen des Stammsitzes offenbar erloschen ist".

Die Opposition stichelt schon über die "royalen Abenteuer" der Groko

Ernst August senior klagt außerdem bei der Staatsanwaltschaft Vaduz gegen den Prinzen Michael von und zu Liechtenstein und einen von dessen Vermögensverwaltern. Auch diese Strafanzeige vom 25. Januar liegt der SZ vor. Der Prinz von Liechtenstein hätte gemeinsam mit dem Erbprinzen "seit etwa 2010 konspiriert", um ihm, Ernst August Prinz von Hannover, "Zugriff auf das in den treuhändig verwalteten Strukturen befindliche Vermögen zu verwehren". Der gegenwärtige Anführer der Welfendynastie wirft seinem Erbfolger vor, den Verkauf geplant und ihn gemeinsam mit dem Liechtensteiner Prinzen widerrechtlich als Vorstand der Herzog-von-Cumberland-Stiftung abgesetzt zu haben. Diese Stiftung kümmert sich um Teile des Welfenbesitzes.

So ist Niedersachsens Landesregierung in einen Familienzwist hineingeraten. "Eine privatrechtliche Auseinandersetzung", sagt eine Sprecherin des niedersächsischen Kultur- und Wissenschaftsministers Björn Thümler (CDU). Das müsse erst geklärt werden. Die dem Vernehmen nach prekäre Gesundheit von Ernst August senior könnte auch noch eine Rolle spielen.

Der Fall ist kompliziert, dabei schien der Deal noch im November 2018 klar zu sein. Ernst August junior und Minister Thümler hielten gemeinsam eine Pressekonferenz auf der Marienburg ab. Für den symbolischen Betrag von einem Euro wollte Niedersachsen über eine Tochtergesellschaft der Klosterkammer Hannover das Schloss übernehmen, weil sich der junge Hausherr das Monument nicht mehr leisten kann oder will. Für gut 27 Millionen Euro soll saniert werden, je die Hälfte davon würden von 2020 an das Land und der Bund zahlen. Außerdem wollte das Landesmuseum Hannover mithilfe von Stiftungen für zwei Millionen Euro 100 Stücke aus dem kulturhistorischen Inventar erwerben. Man wolle, so Thümler, "das Gesamtkunstwerk Schloss Marienburg als Kulturdenkmal und Erinnerungsort" erhalten und weiterhin zugänglich machen.

Das Anwesen und seine Historie sind ja eine Attraktion. König Georg V. von Hannover habe nicht geahnt, "dass sein Liebesbeweis eines Tages zu den eindrucksvollsten Baudenkmälern in Deutschland gehören würde", heißt es auf der Schloss-Website. "Weil seine Marie sich die romantische Version einer mittelalterlichen Höhenburg vorstellte, erfüllte er ihren innigsten Wunsch mit einem neugotischen Traum." Dabei war Georg V. seit seiner Kindheit blind. 1866 floh er ins Exil, Marie folgte ein Jahr später, kurz nach der Fertigstellung - Preußen hatte das Königreich Hannover besetzt. 1945 zogen Flüchtlinge und die Familie von Ernst August III. ein. Inzwischen erfreuen sich Touristen an den Zinnen und Türmen. Es gibt ein Restaurant, Führungen, Theater, Hochzeiten, Feiern und einen Souvenirshop. Aber wer ist künftig der Besitzer? Wer zahlt die Renovierung?

Die niedersächsische Opposition zürnte schon im Zuge des Abkommens zwischen Welfensohn und der rot-schwarzen Regierung. Die Geschichte des verarmten Adelsgeschlechts und seiner Sommerresidenz sei wenig glaubwürdig, vermutete Stefan Wenzel von den Grünen. "Dieses royale Abenteuer der Groko" könne für die Steuerzahler teuer werden.

Die Hochzeitsparty fand ohne den Vater statt

Auch hat sich herumgesprochen, dass 2005 ungefähr 20 000 Kunstobjekte der Marienburg versteigert wurden, für 44 Millionen Euro. "Das Geld ist weg", sagte Burgherr Ernst August Erbprinz der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. Für Betrieb und Sanierung reichte sein Geld bei Weitem nicht aus. "Es ist ein Mythos, dass das Welfenhaus unermesslich reich sei." Sein Vater habe ihm "kein liquides Vermögen übertragen, mit dem der langfristige Erhalt hätte finanziert werden können".

Ernst August junior kam 1983 zur Welt, als Kind von Ernst August Prinz von Hannover und der Schweizerin Chantal Hochuli, inzwischen ist sein Vater mit Caroline von Monaco verheiratet. Zu seinen Vorfahren gehören außer Georg V. auch Könige von Großbritannien und Irland sowie Kaiser Wilhelm II. Er wuchs in London auf und war dort Banker. Zusammen mit Frau und Tochter lebt er im Fürstenhaus Herrenhausen, die Hochzeitsparty fand 2017 auf Marienburg statt, ohne den Vater.

Wie geht es weiter mit dem umkämpften Schmuckstück der Welfen? Für den Junior ist die Sache klar: "Ich bin Eigentürmer von Schloss Marienburg und als solcher uneingeschränkt im Grundbuch eingetragen", sagt er der HAZ. Fristen, die Schenkung rückgängig zu machen, seien abgelaufen. Die Anwälte seines Vaters bitten Niedersachsen dagegen, es möge an der Transaktion "bis zur Klärung der Meinungsverschiedenheiten" nicht mitwirken.

Die neue Saison auf Schloss Marienburg wird am 3. März eröffnet - Besucher, so liest man, könnten dann "selbst Prinzessin oder Prinz sein und durch die königlichen Salons und Gemächer flanieren".

Lesen Sie mit SZ Plus auch:
Vor Gericht Geld, Neid und Liebschaften

Mord in Wuppertal

Geld, Neid und Liebschaften

Ein erdrosseltes Millionärspaar, ein verwöhnter Enkel und jede Menge Affären: Der Prozess um den Doppelmord von Christa und Enno Springmann enthüllt die Abgründe einer Familie.   Von Sabine Maguire und Mikko Schümmelfeder