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Israelischer Eishockeyspieler:"Ich will der Geschichte 75 Jahre später etwas Neues hinzufügen"

Der israelische Eishockeyspieler Eliezer Sherbatov, 29, wechselt zu einem Verein in Auschwitz.

(Foto: AFP)

Eliezer Sherbatov ist Kapitän der israelischen Eishockey-Nationalmannschaft. Jetzt hat er einen neuen Vertrag unterschrieben. Bei einem Verein in Auschwitz.

Interview von Peter Münch

Eishockey spielt Eliezer Sherbatov, 29, seit er sieben Jahre alt ist. Heute ist er Kapitän der israelischen Nationalmannschaft. Seine Eltern waren aus Russland nach Israel eingewandert, er wurde schon dort geboren. Nun hat er einen Vertrag beim polnischen Verein Unia Oświęcim unterschrieben. Auf Deutsch heißt die Stadt Auschwitz, der Name ist ein Synonym für den Holocaust geworden. Im dortigen Konzentrationslager waren von den Nazis mehr als eine Million Menschen ermordet worden, die meisten davon Juden. Kein einfacher Spielort für einen israelischen Sportler.

SZ: Israel ist nicht gerade eine Eishockey-Großmacht. Muss man da als Profi im Ausland spielen?

Eliezer Sherbatov: So schlecht sind wir nicht, eine Menge Leute arbeiten daran, den Sport größer zu machen. Es gibt viele gute jüdische Spieler. Aber es gibt noch keine Profiliga, deshalb habe ich in meiner Karriere schon bei Vereinen in der Slowakei gespielt, in Kasachstan, in Russland - und jetzt bin ich in Polen.

Wie kamen Sie zu Unia Oświęcim? Ist das für Sie eine Ortswahl wie jede andere?

Nein. Ich glaube, es ist eine gute Gelegenheit für einen Juden. Ich will der Geschichte 75 Jahre später etwas Neues hinzufügen und zeigen, dass die Juden überlebt haben und dass sie nicht unten sind, sondern oben, in der ersten Liga. Außerdem hat das Management von Unia mir einen sehr guten Vertrag angeboten. Das konnte ich nicht ablehnen, aus professionellen und aus emotionalen Gründen.

Was wollen Sie in Auschwitz erreichen - mit dem Team und persönlich?

Ich möchte Spiele gewinnen und viele Tore erzielen - und damit ein Statement abgeben: Als Jude will ich der Schlüssel sein für den Erfolg von Unia Oświęcim.

Es gab auch Kritik an der Vereinswahl. Ein Rabbi aus New York zum Beispiel schrieb auf Twitter, es sei "Verrat am jüdischen Volk", in Auschwitz zu spielen.

Ich verurteile niemanden wegen seiner Kommentare dazu. Es sind nicht nur sechs Millionen Juden im Holocaust gestorben, sondern jeder einzelne Jude bis heute lebt mit diesem Schmerz, und jeder geht damit anders um. Ich kann es also verstehen, wenn mich jemand als Verräter oder mit anderen Worten kritisiert. Aber ich habe einen anderen Blick darauf: Wir haben überlebt, und nun kommen wir und zeigen, wie gut wir sind. Gott hat einen Plan für jeden, und Gottes Plan für mich war es, den Vertrag in Oświęcim zu unterschreiben.

Die Vorwürfe haben Sie also nicht verletzt?

Doch, natürlich hat es mich verletzt. Ich spiele für Israels Nationalmannschaft, seit ich 13 bin, und ich bin sehr stolz darauf, diese Farben zu tragen. Kritik von Menschen aus Israel oder von einem Rabbi ist deshalb schmerzhaft für mich.

Haben Sie die Gedenkstätte in Auschwitz schon besucht?

Bis jetzt noch nicht. In der Anfangszeit bin ich hier ziemlich überrollt worden von allem Neuen, und ich musste mich aufs Eishockey konzentrieren. Dafür werde ich ja bezahlt. Als Jude werde ich in die Gedenkstätte auch nicht einfach wie ein Tourist hingehen. Ich muss mich darauf vorbereiten, meine Seele und mein Kopf müssen dafür bereit sein. Aber ich werde auf jeden Fall bald hingehen. Ich muss.

Wo wollen Sie spielen, wenn ihr Vertrag bei Unia Oświęcim endet, wollen Sie zurück nach Israel?

Ich plane immer nur Jahr für Jahr. Wenn ich hier noch mal einen guten Vertrag bekomme, bleibe ich gern länger. Es wird sowieso nicht leicht sein für mich, hier wegzugehen. Aber wenn es in Israel eine Profiliga gäbe, würde ich sofort zurückgehen. Das wäre mein Traum.

© SZ/olkl/afis
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