Digitalisierung:App, App, Hurra!

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Schöne neue Anglerwelt: Der Fürther Fischereiverein setzt auf eine Smartphone-App. Jeder Fisch, der anbeißt, wird sofort gespeichert.

(Foto: Konstantin Trubavin/imago/Westend61)

Die Pandemie hat auch Vereine wachgerüttelt: Ohne Digitalisierung, das erkennen gerade viele, droht ihnen das Aus. Besuch in Fürth, wo die Fischer ins Netz gehen.

Von Julius Bretzel

Vergangenen Monat erreichte Stefan Mielchen ein Notfall. Der Vorsitzende des Fischereivereins im mittelfränkischen Fürth erfuhr, dass Fische vom Hochwasser auf die Wiesen gespült worden waren. Wenn sie gerettet werden sollten, musste es jetzt schnell gehen. "Früher hätte ich 50 Leute anrufen müssen, damit ich eine Handvoll Helfer zusammenbekomme", sagt er. "Heute kann ich den Mitgliedern eine Push-Mitteilung aufs Handy schicken und habe sofort alle erreicht." Und so kamen rasch genügend Angler herbei und fischten die Tiere aus den Wiesen.

Der Fürther Fischereiverein verwaltet sich vollständig über eine App: Arbeitspläne, Ankündigungen, Gewässerübersichten, alles digital. Stefan Mielchen und seine Kollegen sehen sich als Vorreiter einer digitalen Transformation. Es ist ein Wandel, der früher oder später auf alle Vereine zukommen wird.

Ein alter Witz lautet: "Treffen sich drei Deutsche, gründen sie einen Verein." 620 000 eingetragene Vereine gibt es aktuell hierzulande, fast jeder zweite Deutsche ist Mitglied in mindestens einem. Deutschland gilt als Vereinsweltmeister, auch wenn es international von der Anzahl der Vereine eher im Mittelfeld liegt. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung von 2017 hat sich die Zahl der Vereine innerhalb der vergangenen 50 Jahre aber verfünffacht. Selbst die Corona-Pandemie konnte diese Entwicklung nicht ausbremsen, ein Vereinssterben ist ausgeblieben. Bisher zumindest. Denn ohne Digitalisierung, da sind sich alle Experten einig, sind Vereine nicht zukunftsfähig.

Plötzlich nicht mehr handlungsfähig

Die vergangenen anderthalb Jahre waren für viele Vereine das, was man in analogen Zeiten vermutlich einen Weckruf genannt hätte. Ohne ausreichende Digitalisierung waren sie plötzlich nicht mehr handlungsfähig. Vorstandssitzungen, so wie sie immer waren, gemeinsam im Vereinsheim, waren in der Pandemie auf einmal nicht mehr möglich. Wichtige Dokumente konnten nicht ausgetauscht werden, weil sie in Ordnern abgeheftet statt in einer Cloud hochgeladen waren.

Viele Vereine wurden also - wenn sie das entsprechende Know-how hatten - kreativ: Sportklubs streamten ihre Fußballspiele ins Internet. Chöre trafen sich zum gemeinsamen Singen vor dem Computer. Schachvereine spielten ihre Turniere einfach online weiter.

FVF Fürth

Stefan Mielchen, der Vorsitzende des Fürther Fischereivereins, führt die Mitglieder per App - oder auch "Ebb", wie der Franke so sagt.

(Foto: Julius Bretzel)

Auch Stefan Mielchen, 54, nutzt die Technik dazu, möglichst viele Mitglieder in das Vereinsleben einzubinden. Wer zum Beispiel weniger mobil ist, soll trotzdem teilhaben können. Von den rund 900 Mitgliedern seines Angelvereins kommt nur etwa die Hälfte zur Jahreshauptversammlung. "Aber ich erreiche alle Leute direkt per App", schwärmt der Vorsitzende. Weil er Franke ist, sagt er "Leude" und "Ebb". Und weil er von Beruf Versicherungskaufmann ist, weiß er sein Produkt geschickt zu verkaufen. Bei jedem Argument, das er für seine App vorbringt, haut er vor Begeisterung, wumms, mit der Faust auf den Tisch. Eine Infothek mit aktuellen Fotos oder Videos zum Vereinsleben. Blitzschnelle Gefahrenmeldungen an Gewässern. Digitale Anmeldung für Veranstaltungen. Wumms, wumms, wumms.

Mielchen sitzt im Vereinsheim in Fürth, an der Wand hängen Fotos aus einigen Jahrzehnten. Auf den meisten sind Männer mit großen Fischen zu sehen. Im Raum nebenan befindet sich das "Vereinsmuseum". Dort reihen sich präparierte Hechtköpfe aneinander. In Vitrinen liegen historische Dokumente; Vereinsgeschichte, auf Papier gedruckt.

FVF Fürth

Die Vereinszeitschrift "Beißzeit" ist auch Geschichte, jedenfalls in Papierform. Künftig werden die Berichte per Mail oder über die App verschickt.

(Foto: Julius Bretzel)

Papier, davon will sich Mielchen langfristig verabschieden. Die jährliche Fangstatistik wird direkt ins Smartphone eingetragen und landet beim Angler-Vorstand in einer Tabelle auf dem PC. Früher, sagt er, mussten am Ende des Jahres Hunderte beschriebene Fangbücher ausgewertet und übertragen werden. Die jährlich erscheinende Vereinszeitschrift Beißzeit verfasste der Vorsitzende bisher alleine, immerhin 90 gedruckte Seiten. Mielchen klingt wie aus einem Werbespot: "Die Zeit kann ich mir sparen!" Alle Berichte und Informationen kommuniziert er fortan satzungskonform über App und E-Mail. Und die ganz alten Mitglieder? Mielchen seufzt. Die kriege er halt nicht mehr dazu, ein Smartphone zu benutzen. Es klingt ein bisschen nach Kollateralverlust.

Mielchen präsentiert seine Software gleichzeitig auf dem Smartphone und dem Laptop, Hintergrundbild ist das Gemälde eines Schuppenkarpfens. Vor einigen Jahren hatte er die Idee zur Angelverein-App und entwickelte sie mit einem Bekannten. Seit Oktober 2020 ist sie im Einsatz, auch andere Angelvereine können sie kostenpflichtig verwenden. Mielchen und sein Kollege haben ihre App bereits bei Vereinen in ganz Deutschland vorgestellt. Aber nicht alle Vorstände sind von der digitalen Transformation so überzeugt wie Mielchen.

Problem: die Kosten

Virtuelle Angebote - so gut manches auch funktionieren mag - können natürlich nicht alles ersetzen, das gemeinsame Bier etwa, das intensive Training oder das mühevoll eingeübte Orchesterkonzert. Hans-Jürgen Schwarz vom Bundesverband der Vereine und des Ehrenamtes (BVVE) sieht das genauso. Ein Ersatz soll die Technik auch überhaupt nicht sein, sondern vielmehr eine Ergänzung: Die Digitalisierung, sagt er, "kann eine Brücke zwischen dem realen und dem virtuellen Vereinsleben sein".

Ein weiteres Problem sehen viele Vereine in den hohen Kosten. Hardware, Software, Datenschutz-Schulungen und Weiterbildungen für das nötige Know-how - kleinere Vereine müssen einen so großen finanziellen Aufwand erst einmal schultern. Viele scheuen die Investitionen.

Bund und Länder, da ist sich der BVVE-Vorsitzende Schwarz sicher, müssten die Vereine zudem besser unterstützen. Verantwortung werde auf die Kommunen abgewälzt. Die Stadt Konstanz etwa stellte ihren Vereinen während der Pandemie kostenlose Lizenzen für Videokonferenzen zu Verfügung, damit wenigstens Vorstandssitzungen möglich waren. Es gebe aber, sagt Schwarz, nur wenige Bundesländer, die Vereinen bei der Digitalisierung konkret helfen. Und oft seien diese Hilfen kaum erreichbar. Schwarz spricht von einem "undurchdringbaren Dschungel in der deutschen Politik- und Verwaltungslandschaft".

"Riesenproblem" für die Gesellschaft

Was durchaus erstaunlich ist - schließlich profitiert der Staat enorm vom Wirken der Vereine: Immerhin leisten die gemeinsam etwa 40 Milliarden ehrenamtliche Arbeitsstunden und 4,6% des Bruttoinlandprodukts - und sie stärken das soziale Miteinander.

Schwarz sieht ein "Riesenproblem" auf die Gesellschaft zukommen, wenn der Großteil der Vereine nicht bis 2023 erfolgreich digitalisiert ist. Langfristig drohe dann das viel zitierte Vereinssterben. Denn ohne automatisierte Abläufe und angemessene Technologien könnten die Vorstände keine jungen Leute ins Boot holen. Und ohne engagierten Nachwuchs müssten sich die Vereine notgedrungen auflösen.

Die Mitglieder des Fischereivereins Fürth sind durchschnittlich etwa 44 Jahre alt, sagt Stefan Mielchen. "So junge Vereine gibt's nicht viele." Einige junge Leute seien in letzter Zeit auch in die Vorstandschaft gekommen - nicht zuletzt wegen der technischen Möglichkeiten. Die seien Hilfe und Anreiz für die jüngere Generation - "vom Allerfeinsten!" Was Mielchen wohl tun würde, wenn man ihm seine App wegnehmen würde? Er haut wieder auf den Tisch, diesmal besonders laut. "Sofort mein Amt niederlegen."

© SZ/moge/nas
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