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Brasilien:Wenn Gangs für die Gesundheit sorgen

In vielen Favelas in Rio de Janeiro (hier Morro da Coroa) sind die hygienischen Zustände besorgniserregend.

(Foto: Mauro Pimentel/AFP)
  • In der Cidade de Deus - der "Stadt Gottes" - in Rio de Janeiro wurde der erste offizielle Fall einer Corona-Infektion in einer Favela registriert.
  • Die Favelas sind extrem dicht besiedelt, es gibt oft weder ausreichend medizinische Betreuung noch überhaupt eine Kanalisation oder fließendes Wasser.
  • In vielen Armenvierteln übernehmen Gangs die Eindämmung des Virus - auch unter Androhung drakonischer Strafen.

Von Christoph Gurk, Buenos Aires

Spätestens wenn die Sonne untergeht, wird es still in ihrer Nachbarschaft, sagt Lidiane. Ihren Nachnamen will sie lieber nicht in der Zeitung lesen, auch nicht im fernen Deutschland, denn zu viel Aufmerksamkeit kann gefährlich werden, dort wo sie wohnt.

Die 29-jährige stammt aus der Cidade de Deus, einer Favela in Rio de Janeiro. Geschätzte 40 000 Menschen leben hier, in kleinen, ineinander verschachtelten Häusern. 2002 erlangte das Armenviertel weltweit Berühmtheit durch den gleichnamigen Film von Regisseur Fernando Meirelles, vorvergangenes Wochenende dann immerhin landesweit traurige Aufmerksamkeit, weil in der Cidade de Deus der erste offizielle Fall einer Corona-Infektion in einer Favela registriert wurde.

Seitdem sei das Leben anders geworden, sagt Lidiane. "Die Straßen sind abends leer", erzählt sie, und kaum werde es dunkel, kehre eine unheimliche Stille ein. Die Menschen hätten Angst, glaubt die 29-Jährige, vor dem Virus, aber auch vor den Drogengangstern, die nun nach Anbruch der Nacht durch die Straßen patrouillieren, damit niemand die von ihnen verhängte Ausgangssperre verletzt.

Ab 20 Uhr darf niemand mehr auf der Straße sein, so hat es die lokale Gang verfügt. Damit jeder das mitbekommt, sind sie mit Lautsprecherwagen durch die Straßen gefahren, sagt Lidiane. Dazu hätte es auch noch eine Whatsapp-Nachricht gegeben, die angeblich von der Bande kam: "Wir wollen das Beste für die Bevölkerung", stand da. "Wenn die Regierung es nicht auf die Reihe bekommt, dann nimmt das organisierte Verbrechen die Sache in die Hand."

"Exempel statuieren"

Ähnlich sehen es die Gangs in anderen Armenvierteln der Stadt. Auch in Favelas wie Rocinha, Rio das Pedras oder Morro dos Prazeres wurden von den Bossen Ausgangssperren verhängt, mancherorts wurden populäre Partys abgesagt, anderswo dürfen die Menschen tagsüber maximal zu zweit gemeinsam auf die Straße, berichten Bewohner. Wer nachts erwischt wird, an dem würde man ein Exempel statuieren, so verkünden es Flugzettel, Kurznachrichten und Lautsprecherdurchsagen.

Mehrere Hundert Favelas gibt es in Rio, geschätzte zwei Millionen Menschen leben hier, so genau weiß das niemand. Manche Viertel werden von klassischen Drogenbanden beherrscht, andere von sogenannten Milizen, die sich aus lokalen Kriminellen und ehemaligen Polizisten und Wachleuten zusammensetzen. Der Staat hat sich aus den allermeisten Favelas schon seit Langem weitestgehend zurückgezogen.

Die Gangs und Banden haben die Kontrolle, nicht nur über den Handel mit Drogen, sondern auch über so profane Dinge wie den Vertrieb mit illegalen Anschlüssen fürs Kabelfernsehen. Geschäftsleute müssen oftmals Schutzgelder abdrücken, Transportunternehmen Mautgebühren bezahlen. Die brasilianischen Gesetze mögen in vielen Favelas kaum Bedeutung haben, gesetzlos aber sind die Armenviertel nicht, es gibt oftmals klare Regeln und Verbote, deren Einhaltung von den Gangs überwacht und mit teils drakonischen Strafen belegt wird.

Bolsonaro ignoriert alle Warnungen

So gesehen ist es nur auf den ersten Blick paradox, dass nun ausgerechnet Drogenbanden das tun, was der brasilianische Staat bislang weitestgehend versäumt hat. Obwohl Brasilien das erste Land Lateinamerikas war, in dem eine Covid-19-Infektion registriert wurde, gibt es bis heute keine landesweite Strategie gegen das Virus. Im Gegenteil: Präsident Jair Bolsonaro nannte Corona lange eine "gripezinha", eine kleine Grippe. Er ignorierte alle Warnhinweise und jedwede Empfehlung seines eigenen Gesundheitsministers und forderte, Brasilien müsse zur Normalität zurückkehren. Mittlerweile spricht er immerhin von der "größten Herausforderung für unsere Generation".

Bolsonaros bisheriges Verhalten hat zu einem offenen Streit mit den Gouverneuren der brasilianischen Bundesstaaten geführt, von denen die meisten längst auf eigene Faust Maßnahmen angeordnet haben. Die allermeisten Schulen sind landesweit geschlossen, São Paulo und auch Rio de Janeiro stehen seit vergangener Woche unter Quarantäne, und dass in den Armenvierteln ausgerechnet die Gangs dabei helfen, die Beschränkungen durchzusetzen, zeigt, wie dramatisch die Lage ist.

Denn vom Politiker bis zum Dealer oder Bandenboss - allen ist klar, dass es fast unweigerlich zu einer Katastrophe kommen wird, wenn das Coronavirus sich großflächig in den Favelas verbreitet. Es sei eine Ironie des Schicksals, dass die Krankheit von den Reichen mit dem Flugzeug nach Brasilien gebracht wurde, sagte Professor Paulo Buss vom renommierten Forschungszentrum Fiocruz; die Explosion aber würde es nun unter den Armen geben.

Extrem dicht besiedelt

Während die Patienten aus der bessergestellten Oberschicht sich nach einer Ansteckung in Europa oft in privaten Krankenhäusern gesund pflegen lassen, bevor sie in ihre Apartments mit Lift und Klimaanlage zurückkehren, gibt es in den Favelas oftmals weder ausreichend medizinische Betreuung noch überhaupt eine Kanalisation oder fließendes Wasser. Regelmäßiges Händewaschen, wie es von allen Gesundheitsexperten gefordert wird, ist fast nicht möglich. Dazu sind die Favelas meist auch noch extrem dicht besiedelt, bis zu 50 000 Menschen leben auf einem Quadratkilometer, Großfamilien oft unter einem Dach, verteilt auf zwei, drei Zimmer. Social Distancing ist unter diesen Voraussetzungen ein Ding der Unmöglichkeit.

Lidiane teilt sich eine kleine Zweizimmerwohnung mit ihren Eltern, der Großmutter, ihrem Freund und der zwei Jahre alten Tochter. Sie selbst arbeitet als Putzhilfe, ihr Vater als Straßenverkäufer, und der Freund macht jeden Job, den er kriegen kann. Das Geld sei knapp, erst recht, seit das öffentliche Leben fast zum Erliegen gekommen ist. Und Ersparnisse gebe es nicht. "Wir können es uns nicht leisten, daheimzubleiben", sagt Lidiane.

So geht es den allermeisten Menschen in den Armenvierteln von Brasilien. Mehr als ein Drittel der Erwerbstätigen in dem Land hat keinen Arbeitsvertrag, keine Absicherung. 600 Real pro Monat will die Regierung nun den Millionen Menschen zahlen, die solche informellen Jobs haben, knapp 100 Euro, noch aber ist das Geld bei den meisten Menschen nicht angekommen.

Sie versuchen, sich daher selbst zu helfen, so gut es eben geht. Anwohnervereinigungen und Hilfsorganisationen in verschiedenen Favelas haben begonnen, Seife und Essenspakete zu verteilen. Und bei ihr im Viertel, sagt Lidiane, hätten ein paar der Drogendealer nicht nur eine Ausgangssperre verhängt, sondern noch weitere Vorsichtsmaßnahmen getroffen: Ihren Stoff verkaufen sie zwar immer noch an den Straßenecken, allerdings seit Neuestem nur noch mit Mundschutz und Gummihandschuhen.

© SZ/moge
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