Corona und Sprache:Ihr habt doch alle einen Schuss!

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Coronavirus - Frankfurt/Main

Glühwein mit Schuss? In diesem verflixten zweiten Pandemiejahr denkt man da leider eher an Biontech oder Moderna als an Rum. Rentier mit Spritze auf einem Plakat am Frankfurter Weihnachtsmarkt.

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)

"Mir ist gerade das Gummi gerissen": Wie deutsche Redewendungen in der Pandemie völlig neue Bedeutungen erfahren.

Von Martin Zips

Sprache verändert sich - und während Krisen verändert sie sich am deutlichsten. So war die Vertreibung der Hugenotten im 17. Jahrhundert durch Frankreichs König Ludwig XIV. für die Protestanten natürlich ein Unglück. Für die deutsche Sprache aber waren die Hugenotten ein Gewinn. Als Beispiel sei hier das Wort "Kinkerlitzchen" erwähnt, welches auf "La quincaillerie" zurückgeht, also den Eisenwaren- und Werkzeughandel, mit dem die Franzosen in Deutschland ihren wirtschaftlichen Neubeginn versuchten. Auch die zahlreichen Konflikte mit Italien haben hierzulande sprachliche Spuren hinterlassen. Der Begriff "Larifari" etwa basiert auf dem (wohl von der Militärmusik geprägten) Dreiklang der Töne a, d und f, für die im Italienischen "La", "Re" und "Fa" gebräuchlich sind. Aber auch Bedeutungen deutscher Ausdrücke wie "vom Acker machen", "den Löffel abgeben" oder "nur Bahnhof verstehen" erfuhren ihren aktuellen Sinn erst durch diverse Krisen und Kriege.

Nun stellt sich die Frage, welche sprachlichen Neuerungen - außer dem lautmalerisch unschönen "Boostern" - die Pandemie so mit sich bringt. Es gibt tatsächlich einige Wörter und Redewendungen, die heute ganz andere Assoziationen verursachen als noch vor Corona. So dürfte der Mensch im Jahr 2019 beim Wort "Wellenbrecher" an Betonklötze vor umtosten Küsten gedacht haben. Das ist vorbei. Und als "intensiv" wurden vor Kurzem noch vor allem Gefühle verstanden. Hörte der Mensch vor zwei Jahren den Ausruf "Gesundheit!", so war meist ein Nieser vorhergegangen. Und "Ist der Platz neben Ihnen noch frei?" war einzig und allein höflich und nicht virologisch gemeint. Dass eine "Brille beschlagen" war, hieß damals, dass jemand aus der Kälte kam und nicht, dass seine Maske blöd sitzt. Und pflegte man zu einer Kontaktperson eine "enge Beziehung", so war das meist sehr angenehm.

Corona und Sprache: Ist es eigentlich schlimmer, wenn man ständig einen Korb bekommt, oder wenn in der blödesten Situation das Gummi reißt?

Ist es eigentlich schlimmer, wenn man ständig einen Korb bekommt, oder wenn in der blödesten Situation das Gummi reißt?

(Foto: Daniel Hofer)

Nun aber muss der Mensch schon zweimal überlegen, wenn er liest: "Sebastian Kurz verliert seine Immunität." Wie ist das gemeint? Auch der beim Betreten des deutschen Einzelhandels dieser Tage oft vernommene Satz: "Warten Sie, ich gebe Ihnen einen Korb!" hatte früher eine völlig andere Bedeutung. Ebenso, wie das Überschreiten einer "Schwelle", womöglich von Braut und Bräutigam.

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Das stachelige Virus hat auch etwas Gutes: Wenigstens friert man im Home-Office nur virtuell ein.

(Foto: imago/Westend61)

Aber jetzt, wo der Chef des Robert-Koch-Instituts vor "schlimmen Weihnachten" warnt und auch der Begriff "schulfrei" einen schlicht erschaudern lässt, da hilft selbst die Larifari-Floskel "Bleiben Sie zuversichtlich" nicht mehr weiter. Denn auch, wenn morgen ein neuer Tag ist, so wird es während der Videokonferenz mit den Kollegen und Kolleginnen höchstwahrscheinlich wieder heißen: "Du bist eingefroren." Sie verändert sich also, unsere Sprache. Und "nackt" fühlt sich der heutige Mensch vor allem dann, wenn er keine Maske trägt. Oder, wenn er bei der Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs feststellt: "Mir ist gerade das Gummi gerissen."

Lieber also endlich "einen Stich machen" (womit früher natürlich das Kartenspiel gemeint war). Und wer das noch nicht getan hat, der hat nun wirklich "einen Schuss" (oder diesen immer noch nicht gehört).

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