Heizen international:Geschlafen wird in Winterjacke

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(Foto: Collage: Jessy Asmus)

Weil Heizen gerade so teuer ist: Wie handhabt man das mit der idealen Raumtemperatur eigentlich in anderen Ländern? Von undichten Fenstern, Luftzug-Angst und wärmenden Tischen.

Von SZ-Korrespondenten

Lüften wäre gerade wieder zu empfehlen, denn Lüften hilft gegen das Virus. Nur in der Zugluft mag, vor allem in Deutschland, niemand gern sitzen. Und dann führt mehr Lüften auch oft zu mehr Heizen. Heizen wiederum ist gerade sehr teuer, wie nicht nur ins Home-Office zurückgekehrte Menschen merken. Also die ideale Innenraumtemperatur neu definieren? Einfach einen Pulli mehr anziehen? Macht man in anderen Ländern doch auch - oder? SZ-Korrespondentinnen und -Korrespondenten berichten.

China

Wie kalt einem im Winter in China ist, hat weniger mit den Temperaturen zu tun als mit einer folgenschweren Entscheidung unter Mao. In den 1950er Jahren wollten die Kommunisten Heizsysteme installieren, Ressourcen waren jedoch knapp. Die Lösung war die Teilung des Landes entlang einer Linie, die zwischen dem 32. und 34. Grad nördlicher Breite verläuft, entlang des Huai-Flusses und des Qinling-Gebirges. Lediglich nördlich der Grenze wird geheizt. Verlierer sind die südlichen Provinzen, in denen die Temperaturen im Winter zum Teil auch unter den Gefrierpunkt sinken. Zu Hause tragen die Menschen deshalb vier, fünf Schichten, geschlafen wird in Winterjacke. Und in der Schule machen die Lehrer auch mal die Fenster auf - um warme Luft hereinzulassen. Mit den kalten Temperaturen kommt jährlich die Debatte über das unfaire System zurück, Reformpläne gibt es jedoch nicht. Wer es sich leisten kann, heizt in der Stadt inzwischen mit Klimaanlage, der Rest friert. Lea Sahay

Italien

Italien ist ja nicht nur Süden. Italien ist auch Norden, viel Alpen und Apennin, selbst die Städte an den Küsten sind im Winter garstig, windig, feucht. Die Fenster der Wohnungen hängen oft locker in den Angeln. Viele Italiener legen bunte Kissen vor die Fensterschwellen, das hilft auch mal gegen Regen. Geheizt wird fast überall mit Gas - nur ein bisschen, gerade so, dass man im "maglione", dem Pullover, die Kälte aushält. Gas auch deshalb, weil Strom teuer importiert wird, seit Italien die Kernkraft aufgegeben hat. In den Dörfern riecht es noch nach Brennholz, eine romantische Reminiszenz. Sorge macht eigentlich nur der "colpo d'aria", der fiese Luftzug, der einem in die Glieder fährt. Und wenn es auch nur ein feines Lüftchen ist: Im Kopf wächst es sich schnell zum Orkan aus. Oliver Meiler

Russland

Erst Mitte November, und die Minustemperaturen im sibirischen Krasnojarsk sind schon wieder zweistellig. Dicke Pullover-Schichten also in der Wohnung? Es wäre kaum auszuhalten. Viele Russinnen und Russen tragen zu Hause eher T-Shirts, denn drinnen ist es meistens mollig warm, während draußen die Atemwölkchen fliegen. Heizungen werden vielerorts per Fernwärme zentral gesteuert und sind nicht regulierbar. Wer es kühler will, muss das Fenster öffnen. Billiges Gas war in Russland bisher nie ein Problem. Deshalb gibt es in den kältesten Phasen schon mal Temperatur-Amplituden von 60 Grad zwischen drinnen und draußen. Wer kann und will, leistet sich einen echten Pelzmantel, eine Schuba, deren Absatz im vergangenen Winter um 20 Prozent gestiegen ist. Vor allem in Moskau ist die Schuba auch ein Statussymbol, Zeichen von Wohlstand und Eleganz, in den kalten russischen Provinzen war sie epochenlang ein schützendes Muss. Bis auch dort synthetische Pelze und Stoffe beliebt wurden. Frank Nienhuysen

Großbritannien

In Großbritannien ist es durchaus üblich, dass man nicht nur das eigene Haus, sondern auch die Umgebung heizt. Geschichten über einfachverglaste Fenster, die es auch im geschlossenen Zustand ermöglichen, die Hand ins Freie zu schieben, sind keine Märchen. Mehr als 20 Prozent der Häuser allein in England wurden vor 1919 gebaut, in vielen Straßen sieht es aus wie in einem Romanzenfilm, nur dass man beim Fernsehen den Luftzug nicht spürt. Viele Häuser sind schlecht isoliert und mit Schiebefenstern versehen, weshalb die britische Regierung derzeit auch mit Blick auf ihre Klimapolitik an neuen Vorschriften arbeitet. Bis 2035 sollen alle Häuser im ganzen Vereinigten Königreich neue Energiestandards erfüllen, die Kosten dafür werden auf ungefähr 390 Milliarden Euro geschätzt. Wem es zu kalt wird zu Hause, der geht aber ohnehin ins Pub, nicht nur der Geselligkeit wegen. In vielen Pubs gibt es einen Kaminofen, in manchen sogar zwei. Michael Neudecker

Südafrika

Jedes Jahr wird Kapstadt wieder vom Winter überrascht. Die Berge in der Ferne tragen dann Schneekuppen, bis in die Stadt schafft der Schnee es nicht, aber viel wärmer als zwölf oder fünfzehn Grad wird es selten, bei anhaltendem Regen und Wind, bis zu vier Monate lang. Den Winterbeginn erkennt man daran, dass in den Baumärkten die mobilen Heizlüfter knapp werden, denn selbstverständlich haben die allermeisten Häuser und Wohnungen in Kapstadt keine Heizung. Manche haben eine kleine Klimaanlage, die gegen einfach verglaste Fenster anbläst und den Geist aufgibt, wenn der Strom mal wieder ausfällt. Oder einen Kamin, der die Wärme durch die nicht isolierte Decke nach oben jagt. Und obwohl der Winter jedes Jahr wiederkommt, die Kälte in die ungeheizten Knochen kriecht, würde in Kapstadt kaum jemand auf die Idee kommen, eine Heizung einzubauen. Beschweren tun sich darüber vor allem die Zugereisten. Bernd Dörries

USA

Mag sein, dass es in den Wohnungen der Reichen zum Beispiel auf der Upper East Side in Manhattan Heizungen gibt, die sich regulieren lassen. Gut möglich, dass in den neuen Wolkenkratzern entlang der Billionaires' Row am südlichen Ende des Central Parks die Temperatur in den Apartments mittels Thermostat aufs Zehntelgrad genau eingestellt werden kann. Im Gros zumindest der älteren New Yorker Wohnungen laufen Heizungen hingegen in exakt zwei Aggregatzuständen, nämlich "Aus" und "Heißer als der Erdkern". Da es in New York im Winter so kalt werden kann, dass einem das Knochenmark gefriert, ist "Aus" keine Option. Erfahrene New Yorker raten den Neuankömmlingen daher, die Heizung aufzudrehen und zur Regelung der Temperatur ganz einfach die Fenster zu öffnen. Das ist weder ökonomisch noch im Mindesten umweltfreundlich, aber die gängige Praxis. Christian Zaschke

Japan

Japan ist lang. Auf über 3000 Kilometer erstreckt sich Nippons Inselbogen, deshalb ist das Klima in den Landesteilen sehr unterschiedlich. Auf den subtropischen Südinseln der Präfektur Okinawa ist der Winter so milde, dass man kaum heizen muss. Auf den Hauptinseln, vor allem im schneereichen Westen Honshus und auf der Nordinsel Hokkaidō, ist das ganz anders. Trotzdem orientiert sich der Hausbau auch dort traditionell am schwülen Sommer. Durchzug ist wichtig, Wärmedämmung nicht. Zentralheizungen gibt es vor allem in Hokkaidō, aber auch dort nicht immer. Geheizt wird normalerweise per Klimaanlage, Halogen-Heizgerät oder anderen mobilen Wärmeaggregaten. Vor allem in ländlichen Regionen ist der Kerosin-Ofen verbreitet. Modernere Wohnungen haben Fußbodenheizungen. Beliebt ist außerdem der Kotatsu, ein Hybrid aus Heiztisch und Decke, eine typisch japanische Lösung für die kalte Jahreszeit: sehr energieeffizient. Und es heißt, wer einmal unter dieser Decke steckt, will gar nicht mehr aufstehen. Thomas Hahn

Belgien

Das kleine Nachbarland ist mit einem ähnlich bescheidenem Klima gesegnet wie Deutschland. Entsprechend ähnelt sich auch die Einstellung zum Heizen. Neubauten sind in der Regel gut gedämmt, manche Altbauten sind aber ungefähr so energieeffizient wie ein Zirkuszelt. Wollen Hausbesitzer Abhilfe schaffen, stoßen sie auf die Herausforderung, dass Handwerker und teilweise auch Baumaterialien knapp sind - eine weitere Parallele zu Deutschland. Ihre Räume heizen Belgier auf angenehme Temperaturen hoch; Besucher aus Deutschland erwartet da kein Kulturschock. Gänzlich unbekannt ist allerdings die deutsche Angst vor dem gemeinen Zug - Belgier haben kein Problem damit, wenn zum Lüften Türen und Fenster geöffnet werden und ein sanfter Wind über den Nacken streicht. Björn Finke

Ägypten

Wer im Sommer am Nil Menschen mit flauschigen Pullundern sieht, der ahnt, dass sich das Temperatur-Empfinden vom mitteleuropäischen unterscheidet. Regen beispielsweise begeistert die Ägypter, denn dann, so die Vorstellung, reißt der Himmel auf, und die Menschen sind Gott nah. Ähnlich der Umgang mit Kälte. Zwar wurden die ersten Heizungen in Ägypten erfunden, aber in den paar Tausend Jahren danach kamen sie aus der Mode. Die Häuser haben keine Heizungen, die Fenster schützen oft nicht mal gegen Sandstürme. Dabei fallen die Temperaturen im Winter leicht auf fünf Grad, in der Wüste noch tiefer. Und manchmal, in Ausnahmejahren gibt es sogar Schnee. Die Menschen behelfen sich mit Wolljacken, Decken, Europäer mit Schlafsäcken. Wenn Ägypter über hohe Energiekosten klagen, meinen sie fast immer den Sommer. Hohe Stromkosten im Sommer haben schon politische Krisen ausgelöst. Überflüssig zu erwähnen, dass es Klimaanlagen auch schon unter den Pharaonen gab. Sonja Zekri

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