Tödlicher Schuss am Set von "Rust":Sheriff bestätigt: Alec Baldwins Filmwaffe enthielt scharfe Munition

Das Projektil, das Kamerafrau Halyna Hutchins getötet hat, war offenbar eine Bleikugel. Der Schauspieler wurde mehrfach befragt, der Regieassistent räumt Fehler bei der Kontrolle der Waffe ein.

Von Tobias Kniebe und Jürgen Schmieder, Los Angeles

Das Projektil, das Kamerafrau Halyna Hutchins am Filmset von "Rust" getötet hat, war offenbar eine Bleikugel. Das gab Sheriff Adan Mendoza bei der ersten Pressekonferenz nach dem tödlichen Zwischenfall in Santa Fe im US-Bundesstaat New Mexico bekannt. Die Kugel sei im Krankenhaus aus der Schulter von Regisseur Joel Souza entfernt worden; er sei davon getroffen worden, nachdem zuvor Hutchins durchbohrt worden war. Als Schauspieler Alec Baldwin mit der Waffe probte, einem Revolver FD Pietta Colt .45, hatte sich der Schuss gelöst. Hutchins starb, Souza wurde verletzt.

Scharfe Munition also, und die ist an US-Filmsets verboten. "Wir gehen derzeit davon aus, dass es eine echte Patrone gewesen ist", sagte Mendoza. "Wir müssen ermitteln, wie die Munition dorthin gelangt ist; denn sie sollte nicht dort gewesen sein." Es seien etwa 500 weitere Patronen am Set gefunden worden, darunter Platzpatronen, Dummy-Kugeln und "möglichweise weitere scharfe Munition". Im Revolver, den Baldwin abgefeuert hatte, sei noch mehr Munition gefunden worden; Mendoza sagte nicht, ob diese ebenfalls scharf war. Alle Munition und die sichergestellten Waffen würden jetzt im "Crime Lab" des FBI in Quantico, Virginia, untersucht, hieß es. Erst dann gebe es Sicherheit.

Zum Zeitpunkt der Schüsse auf der Bonanza Creek Ranch seien etwa 100 Leute am Set gewesen; 16 davon in unmittelbarer Nähe der drei Filmwaffen, die auf einem Rollwagen abgelegt waren. Die Waffe, die Baldwin abfeuerte, war laut Mendoza die einzige, die funktioniert hatte; die beiden anderen waren ein Plastikrevolver und ein .45er-Revolver, den man wohl nicht abfeuern konnte. Derzeit sind drei Personen bekannt, die den Revolver vor dem Schuss in ihren Händen hielten: Baldwin, der Regieassistent und die 24-jährige Waffenmeisterin des Films. Das Sheriff-Büro in Santa Fe hat bereits mehrmals mit dem 63-jährigen Schauspieler gesprochen, berichtet der Sender CNN. Mindestens je einmal seien die Waffenmeisterin sowie der Regieassistent befragt worden.

"Ich denke, an diesem Set herrschte eine gewisse Nachlässigkeit"

Für eine mögliche Anklage sei es noch zu früh, sagte Bezirksstaatsanwältin Mary Carmack-Altwies, man schließe derzeit niemanden aus den Ermittlungen aus; sie wolle sich aber nicht an Spekulationen beteiligen. CNN sagte die Staatsanwältin, je nach Ausgang der Ermittlungen könnte eine Anklage wegen fahrlässiger Tötung in Betracht gezogen werden.

Berichte über offenbar chaotische Zustände am Set der Low-Budget-Produktion wollte Sheriff Mendoza nicht kommentieren. "Ich denke, an diesem Set herrschte eine gewisse Nachlässigkeit", sagte er lediglich - und ergänzte sofort: "Immer, wenn Schusswaffen im Spiel sind, ist Sicherheit das oberste Gebot."

In verschiedenen Medien hieß es, es habe bereits vor dem tödlichen Schuss einen Unfall am Set gegeben. Baldwins Stuntdouble habe am Samstag unabsichtlich zwei Schüsse abgefeuert, obwohl ihm davor mitgeteilt worden sei, dass die Waffe eine "Cold Gun" gewesen sei - ohne zündfähige Munition. Ein Mitarbeiter habe dem Produktionsleiter daraufhin eine SMS geschrieben: "Das ist super unsicher." Man habe von diesen Berichten gehört, sagte Mendoza, und werde ihnen nachgehen.

Alec Baldwin

Alec Baldwin telefoniert sichtlich erschüttert, nachdem ihn die Polizei befragt hatte. Auf Twitter schrieb er: "Ich unterstütze die Ermittlungen der Polizei nach besten Kräften."

(Foto: Jim Weber/AP)

Wenige Stunden nach der Pressekonferenz des Sheriffs berichteten mehrere US-Medien aus einer eidesstattlichen Erklärung des Regieassistenten und der Waffenmeisterin, die das Büro des Sheriffs am Mittwoch bei Gericht in Santa Fe eingereicht hatte. Der Regieassistent erklärte darin, er habe die Waffe zwar vor der Übergabe an Baldwin kontrolliert, jedoch nicht gründlich genug - er erinnere sich etwa nicht daran, dass die Waffenmeisterin die Trommel des Revolvers vor seinen Augen gedreht habe.

Die Waffenmeisterin gab an, sie habe die nicht zündfähige Dummy-Munition früher am Tag gecheckt, während des Mittagessens habe diese aber unbeaufsichtigt auf einem Rollwagen gelegen, während die Waffe selbst in einem Safe in einem Lastwagen eingeschlossen gewesen sei. Die Polizei erwirkte nun einen Durchsuchungsbeschluss für das Auto. Die Waffenmeisterin sagte den Ermittlern auch, dass keine scharfe Munition am Set aufbewahrt werde.

Diese Aussagen machen das Bild nicht klarer, bestätigen aber, dass Sicherheitsprotokolle nicht gründlich befolgt wurden. Zudem hatte es Berichte gegeben, denen zufolge wenige Stunden vor dem Schuss Kameraleute und deren Assistenten das Set verlassen hatten, um gegen die Arbeitsbedingungen zu protestieren. Es seien daraufhin eilig neue Kameraleute engagiert worden.

Berichte über Geld- und Zeitnot am Filmset

Abseits der Ermittlungen gibt es in Hollywood heftige Debatten darüber, wer verantwortlich ist für die offenbar chaotischen Zustände am Set von "Rust". Neil Zoromski etwa sprach in der Los Angeles Times darüber, dass er den Job als Prop Master nach Gesprächen mit den Produzenten abgelehnt habe: "Ich hatte ein schlechtes Gefühl, es gab viele rote Flaggen." Wie viele andere, die Details der Low-Budget-Produktion kennen, berichtet er von Geld- und Zeitnot. Zoromski, seit dreißig Jahren in der Filmbranche tätig, habe keine Informationen über das Budget seiner Abteilung bekommen; statt der geforderten fünf Mitarbeiter sollte es nur eine Person geben, die sowohl für Requisiten als auch für die Waffen am Set zuständig war.

"Das sind zwei wirklich anspruchsvolle Jobs, die niemals mit nur einer Person besetzt sein sollten", sagt Zoromski. Am 24. September habe er den Job abgelehnt: "Als ich die letzte E-Mail abgeschickt hatte, da war mein Bauchgefühl: 'Da kann man darauf warten, dass ein Unfall passiert.'" Drei Tage später schrieb die in den Unfall verwickelte Waffenmeisterin auf Facebook, dass sie bei einer Filmproduktion in Santa Fe sowohl als Assistentin für Requisiten wie auch als Waffenmeisterin arbeiten würde. Beide Rollen sind so in den Produktionsnotizen vermerkt.

Die Waffenmeisterin war erst zum zweiten Mal in diesem Job an einem Filmset verantwortlich. Sie ist die Tochter eines sehr erfahrenen Waffenmeisters und Champions von Schnellzieh-Wettbewerben mit Revolvern, der schon mit vielen Größen des Filmgeschäfts gearbeitet hat. In dem Podcast "Voices of the West" erzählte die junge Frau im September, dass sie von ihrem Vater ausgebildet worden sei. Über ihren ersten Film "The Old Way" sagte sie damals: "Ich war zuerst wirklich nervös und hätte den Job beinahe nicht angenommen, denn ich war mir nicht sicher, ob ich schon so weit bin."

Über den am Unfall beteiligten Regieassistenten gibt es wiederum Berichte, dass er aufgrund eines Zwischenfalls mit einer Waffe im Jahr 2019 am Filmset von "Freedom's Path" von seinen Aufgaben entbunden worden sei. Vom "Rust"-Set hieß es, dass Crew-Mitglieder in Drehpausen Schüsse abgegeben und dafür den Revolver verwendet hätten. Mendoza sagte, dass man diesen Hinweisen nachgehe: "Ich würde jeden ermutigen, der davon weiß, ob eine Waffe abseits des Filmsets zum Beispiel für Schießübungen abgefeuert worden ist, sich zu melden." Ansonsten halte sich Bezirksstaatsanwältin Carmack-Altwies alle Optionen offen, ob und gegen wen sie Anklage erheben werde: "Alles ist möglich."

Eine Petition auf der Plattform change.org, die von einem Freund der ums Leben gekommenen Kamerafrau Halyna Hutchins gestartet wurde und ein Verbot aller funktionsfähigen Feuerwaffen an Filmsets sowie bessere Arbeitsbedingungen für Filmcrews fordert, hatten am Mittwochabend bereits 62 000 Menschen unterzeichnet.

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SZ PlusTodesfall am Filmset
:Alec Baldwin erhielt Waffe als "Cold Gun"

Wie konnte der Schauspieler Kamerafrau Halyna Hutchins mit einer Requisitenpistole erschießen? Neue Details des Tathergangs werden bekannt, offenbar hatte es bei den Dreharbeiten bereits vor dem Todesfall Beschwerden von Mitarbeitern gegeben.

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