Jazz-Highlight in München:Taschentücher raus

Jazz-Highlight in München: Wirkt scheu und schüchtern, kann aber explodieren: Die Südkoreanerin Youn Sun Nah.

Wirkt scheu und schüchtern, kann aber explodieren: Die Südkoreanerin Youn Sun Nah.

(Foto: Seung Yull Nah)

Das Gesangswunder Youn Sun Nah stellt im Prinzregententheater ihr neues Album vor. Mit "Elles" huldigt sie ihren Wegbereiterinnen.

Von Oliver Hochkeppel

Auf dem Papier ist das Phänomen Youn Sun Nah schwer zu beschreiben. Als sie vor 15 Jahren im Jazzclub Unterfahrt ihr München-Debüt hatte, erhob sich der Saal schon vor der Pause geschlossen zum Applaus, und viele hatten Tränen in den Augen. Denn die südkoreanische Sängerin verfügt wie wenige über die Fähigkeit, dem Zuhörer mit ihrer Stimme direkt ins Herz zu schneiden. Ein Kritiker der Frankfurter Rundschau beschrieb eines ihrer Konzerte einmal als "verstörendes Erlebnis, das, wenn es einen Gott gäbe, niemals zu Ende sein dürfte". Diese Wirkung entfaltet sich aus der ungewöhnlich tiefen, Trance-artigen Versenkung Youn Sun Nahs in die Musik, die sie scheu und schüchtern wirken lässt, bevor sie dann zur Verblüffung aller herzzerreißend klagen, aberwitzig schwierige Vokalisen meistern und dynamisch geradezu explodieren kann. All dies mit der vielleicht größten Präzision und Nuanciertheit, die sich im weiten Bereich des Jazz-Gesangs finden lässt.

Man kann das jetzt im Prinzregententheater wieder erleben, wenn Youn Sun Nah ihr neues Album "Elles" vorstellt. Es ist zum einen eine Hommage an Stücke, zumeist Klassiker, zu denen sie eine besondere Verbindung spürt, von Nina Simones "Feeling Good" bis zu Roberta Flacks "Killing Me Softly With This Song". Vor allem aber an die Sängerinnen, die sie beeinflusst haben: "Alle sind Pionierinnen, denen ich es verdanke, dass ich heute hier bin. Sie haben nie aufgehört, sich neu zu erfinden. Björk etwa kann sehr zerbrechlich sein, hat aber auch keine Angst, sich vor dem Mikrofon komplett zu entblößen. Und Maria João kann klingen wie eine Löwin, doch bei anderen Liedern ist es, als würde ein kleines Kind sie singen. Ich bin von Natur aus eine introvertierte Person, und all diese Sängerinnen haben etwas, das mir fehlt."

Sich immer neu zu erfinden, das ist auch die Lebensgeschichte Youn Sun Nahs. Die Tochter eines Dirigenten und einer klassischen Sopranistin brachte es in ihrer Heimat schon mit 23 zum Musical-Star. Weil sie aber französische Literatur studierte und unbedingt Chanson-Sängerin werden wollte, ging sie mit 25 nach Paris. Auf eine Chanson-Sängerin aus Südkorea hatte dort niemand gewartet, also landete sie beim Jazz, den sie zuvor kaum gehört hatte. "Ein Freund hatte mir diese Stilrichtung zum Gesangsstudium empfohlen. Er sagte: Kannst du Jazz singen, dann kannst du alles singen." Anfangs wollte sie schnell wieder aufgeben: "Ich dachte, ich hätte die falsche Wahl getroffen, weil ich eine ganz andere Stimme habe als Ella Fitzgerald oder Billie Holiday. Aber meine Lehrer haben mir beigebracht, dass Jazz nicht nur eine Farbe hat, und mich ermutigt, mir andere Sängerinnen anzuhören. Sie waren meine Retter."

Ihre ersten fünf Alben brachten ihr zwischen 2001 und 2007 nicht nur in Südkorea und Frankreich den Durchbruch, sondern auch einen Vertrag beim Münchner Act-Label. Ihre Platten dort machten sie endgültig zur internationalen Größe, noch 2017 beim großen 25-Jahre-Jubiläumskonzert im Berliner Konzerthaus war sie ein Aushängeschild des Labels. Und doch war sie da bereits wieder auf dem Absprung. Amerika, die Heimat des Jazz, war jetzt ihr Ziel. "Ich bin sehr realistisch und weiß, wie schwer das wird. Aber ich suche immer neue Abenteuer. Also will ich es wenigstens versucht haben", sagte sie damals, als sie nach New York zog.

Jazz-Highlight in München: "Kannst du Jazz singen, dann kannst du alles singen", sagte ein Freund zu Youn Sun Nah.

"Kannst du Jazz singen, dann kannst du alles singen", sagte ein Freund zu Youn Sun Nah.

(Foto: Seung Yull Nah)

Der erste Anlauf ging allerdings schief: Die Zusammenarbeit mit dem New Yorker Jazzpiano-Avantgardisten Jamie Saft funktionierte weder künstlerisch noch menschlich. Immerhin kam sie so zum Major-Label Warner, bei dem seither ihre Alben erscheinen. Zuletzt 2022 "Waking World", das erste mit ausschließlich eigenen, im südkoreanischen Corona-Lockdown entstandenen Kompositionen. Jetzt folgt das genaue Gegenteil: Ausschließlich Coverversionen singt sie auf "Elles", allesamt im Duo mit dem auf allerlei Keybords spielenden amerikanischen Pianisten Jon Cowherd eingespielt.

Auf der Tour, und so auch im Prinzregententheater, ist ihr Begleiter nun Bojan Zulfikarpašić, der serbische Pianist aus Paris, der als Bojan Z in den Neunziger- und Zweitausenderjahren zu den großen Versprechen der Jazzpiano-Szene gehörte, aber den großen Durchbruch dann nie schaffte. Unverständlicherweise für jeden, der ihn einmal live erlebt hat. Auch Zulfikarpašić hat einen unverwechselbaren, eigenwilligen Stil, und so dürfte sein Zusammentreffen mit Youn Sun Nah eine äußerst spannende Sache werden. Und Vorsicht, spätestens bei ihrer ergreifenden Version von Björks "Cocoon" sollte man ein Taschentuch dabeihaben.

Youn Sun Nah & Bojan Zulfikarpašić, Freitag, 9. Februar, 20 Uhr, Prinzregententheater, Prinzregentenplatz 12, www.theaterakademie.de

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