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Leben in Wolfratshausen:Die andere Hälfte der Geschichte

Der Historische Verein will sich den zahlreichen Frauen widmen, die in der Stadt Bemerkenswertes geleistet haben oder ein außergewöhnliches Schicksal hatten. "Wolfratshauser Weibsbilder" heißt die Arbeitsgruppe, an der sich alle beteiligen können.

Von Konstantin Kaip

Die Vorsitzenden des Historischen Vereins Sybille Krafft.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Der Wolfratshauser Stadtrat wird am Dienstag über einen Antrag entscheiden, der die Straßen der Stadt weiblicher machen soll. Die sechs Stadträtinnen Assunta Tamelleo, Anette Heinloth, Jennifer Layton (alle Grüne), Susanne Thomas (CSU), Ulrike Krischke (BVW) und Gerlinde Berchtold (SPD) hatten schon am Weltfrauentag darauf hingewiesen, dass lediglich eine Straße in der Stadt den Namen einer Frau trägt: Der Kathi-Kobus-Steig erinnert an die einstige Simplicissimus-Wirtin. Nun fordern sie, neu erschlossene Straßen oder Plätze "nach einer verdienten Bürgerin" zu benennen. Der Historische Verein hat dies zum Anlass genommen, sich eingehend mit Frauen in der Geschichte der Stadt zu befassen: in der Arbeitsgruppe "Wolfratshauser Weibsbilder", die nun gegründet wurde. "Wir begeben uns auf Spurensuche nach interessanten Frauen in der 1000-jährigen Geschichte Wolfratshausens", erklärt die Vorsitzende des Historischen Vereins Sybille Krafft.

Die Debatte um die Straßennamen sei nur der Auslöser für die Arbeitsgruppe, betont die Historikerin und Filmemacherin. "Wir wollen das Ganze breiter fassen und alle zu einer Entdeckungsreise einladen. Wir forschen nach interessanten Frauen, die etwas Bemerkenswertes geleistet oder ein außergewöhnliches Schicksal erfahren haben - egal in welchem Jahrhundert."

Wie breit das Spektrum ist, zeigen schon die Persönlichkeiten, die sich die Vorstandsmitglieder jeweils für ihre ersten Recherchen ausgesucht haben: Krafft widmet sich der ukrainischen Zwangsarbeiterin Anna Kubat, die im Wolfratshauser Forst in den Munitionsfabriken schuften musste. Ihr Stellvertreter Bernhard Reisner befasst sich mit dem Dienstmädchen Anni Riederauer, deren Schicksal, wie Krafft sagt, "bezeichnend für die harten Arbeitsbedingungen Anfang des 20. Jahrhunderts war". Kaija Voss erzählt die Geschichte der Brückenmadonna des Penzberger Künstlers Anton Ferstl, die wegen ihres kurzen Kleides einst in die Isar geworfen wurde und dann jahrelang verbannt blieb, bis sie 2020 auf ihren angestammten Platz auf der Marienbrücke zurück durfte. "Die angebliche Anstößigkeit dieser wunderbaren Figur sagt auch etwas über das Verhältnis zur Weiblichkeit aus", sagt Krafft.

Kaija Voss erzählt die Geschichte der Brückenmadonna des Penzberger Künstlers Anton Ferstl, die wegen ihres kurzen Kleides einst in die Isar geworfen wurde und dann jahrelang verbannt blieb, bis sie 2020 auf ihren angestammten Platz auf der Marienbrücke zurück durfte.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Hannelore Greiner beleuchtet das Leben von Caroline Meyer, die als letzte Leiterin der jüdischen Mädchenschule in der Reichspogromnacht mit ihren Schülerinnen aus Wolfratshausen vertrieben wurde. Wolfgang Schäl widmet sich der Dichterin und Philosophin Lou Andreas-Salomé, die einen Liebessommer mit Rainer Maria Rilke in der Stadt verbracht hat. Anja Brandstäter forscht über Maria Franziska Arnold, die im 18. Jahrhundert Wirtin des Märzenbräukellers war. Und Ludwig Gollwitzer beleuchtet eine fiktive Frauengestalt: das Marktgschlerf, das nachts durch die Fenster schauen soll. Mechthild Felsch wiederum kümmert sich um eine sehr reale Frau, die Wolfratshausen ihren Stempel aufgedrückt hat: Gertrud Zistl, die jahrzehntelang einen Laden in der Stadt betrieb.

An interessanten Frauengestalten mangelt es Krafft zufolge in der Wolfratshauser Historie nicht. Sie habe auf die Schnelle eine Liste zusammengestellt, auf der sich bereits 50 Namen befänden, sagt sie. Zudem hofft sie auf weitere Kandidatinnen. Der Historische Verein ruft alle interessierten Bürger, nicht nur die Mitglieder, dazu auf, sich an der Arbeitsgruppe zu beteiligen. In Frage komme jede Frau aus Wolfratshausen, die gestorben sei und eine bemerkenswerte Geschichte habe.

Lou Andreas-Salomé

Lou Andreas-Salomé lebte mit Rainer-Maria Rilke einen Sommer lang in Wolfratshausen.

(Foto: Scherl)

Dass die Recherche nach Zeugnissen über Protagonistinnen herausfordernd sein kann, weiß Krafft, die als Historikerin selbst aus der Frauenforschung kommt. Frauen seien in der Geschichtsschreibung lange ausgeblendet worden, sagt sie. Deshalb müsse das Augenmerk auch auf private Aufzeichnungen und "oral history" gerichtet werden. Einen Zeitplan gebe es nicht. "Wir stehen erst am Anfang unserer Entdeckungsreise", sagt Krafft. Ein Buch sei nur eine von vielen Ideen, die sich aus den Forschungen ergeben könnten. "Und wenn wir am Ende unsere ,Wolfratshauser Weibsbilder' präsentieren und der Stadtrat Kandidatinnen für neue Straßennamen hat, ist das ein Nebeneffekt."

Wer sich beteiligen möchte, kann sich per E-Mail an info@histvereinwor.de wenden

© SZ vom 19.04.2021
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KommentarTölzer Prügel
:Wer ist hier völlig bescheuert?

Wer nicht bemerkt, wie aktiv und engagiert Frauen allzeit waren und sind, wird weiter von "Quoten" schwafeln. Und genau deswegen müssen Frauen immer noch protestieren, demonstrieren und in Aktionen weibliche Verdienste herausstellen.

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