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Selbstversuch:So lief die zweite Woche Plastikfasten

Kann Isabelle Hagen den Einkauf planen, nimmt sie etwa Zwiebelbeutel und Zahnpastabüchse mit. Für Spontaneinkäufe hat sie Dosen dabei.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Die Familie Hagen hat kaum noch Müll. Beim Einkauf klappt manches besser, manchmal fehlen aber auch die Dosen für Fisch und Salat.

Das Plastikfasten zeigt Wirkung - zumindest bei Familie Hagen in Bad Heilbrunn. "Früher habe ich jede Woche einen großen Sack Plastikmüll gehabt", sagt Isabelle Hagen. Die SZ begleitet die Familie während der Aktion. "Vorige Woche habe ich gar nichts weggebracht, und jetzt ist die Tüte nicht mal halb voll." Die 37-Jährige will auf jeden Fall weiter machen - auch, weil sie viel Zuspruch erhält. Zum Beispiel im Internet, wo es einige Kommentare zu der Aktion gibt. Einer richtet sich an Isabelle Hagens skeptischen Mann: "Halt durch, Tobi!"

Die Mutter soll in der Schule berichten

Auch sonst scheint die Aktion einen Nerv zu treffen. Am Montag findet Isabelle Hagen eine Anfrage von Quirins Klassenlehrerin im Hausaufgabenheft: Ob Mutter und Sohn denn in der Klasse etwas über das Plastikfasten erzählen würden? Die Lehrerin hatte von der Aktion in der Zeitung gelesen. "Man bekommt schon ein bisschen eine Vorbildfunktion", sagt Hagen, "und man kommt mit vielen Leuten ins Gespräch."

Auch beim Einkaufen: Als sie in einem Penzberger Discounter ihren Leinenbeutel für die Backwaren aufs Kassenband legte, habe sie natürlich erklären müssen, dass sich darin drei Brezen befänden. Doch die Reaktion sei ausgesprochen positiv gewesen, berichtet sie: "Sowohl die Kassiererin als auch die Frau nach mir fanden das eine gute Sache." Das war am vorigen Freitag.

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Toilettenpapier gibt es nur in Plastikverpackung

Erfolgserlebnisse auch am Samstag: Bei einem Drogeriemarkt sind Spülbürsten aus Holz im Angebot. "Ich hab gleich zwei mitgenommen und mich richtig gefreut", sagt sie. Beim Kindersachenbasar findet sie einen gebrauchten Schulrucksack und Rollerblades. Toilettenpapier gibt es dagegen nirgends ohne Kunststoffverpackung zu kaufen. "Vielleicht im Internet. Aber ob das ökobilanztechnisch sinnvoll ist?" Hagen ist skeptisch. Statt Taschentüchern kauft sie nun Papiertücher in der Papierpackung.

Am Sonntag stellen die Hagens fest, dass die noch vor der Aktion gekauften Schlittschuhe entsetzlich nach Plastik stinken. "Da würde ich jetzt eher gebrauchte kaufen." Überhaupt überlegt Isabelle Hagen jetzt mehr, ob sie Dinge, die in Plastik eingepackt sind, wirklich braucht - und lässt die Sachen, Süßigkeiten und Ähnliches, immer öfter im Geschäft. Das entlastet auch den Geldbeutel, der durch den Kauf von Ware ohne Kunststoff, die oft hochwertiger ist, eher strapaziert wird.

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Auf den Wochenmärkten ist das Thema Müllvermeidung schon sehr präsent, viele Leute haben dort eigene Beutel dabei, wie eine Begebenheit vom Mittwoch zeigt. Hagen ist spontan in Bad Tölz auf dem Markt. Spontan heißt auch: schlecht ausgerüstet. "Für frischen Fisch keinen Behälter dabei. Für Pflücksalat keinen Behälter dabei", beschreibt sie die Situation. Doch Hilfe naht in Gestalt einer früheren Klassenkameradin, die sich zum Einkaufen mit schon einmal benutzten Plastiktüten ausgerüstet hat. "Die hat dann eine Runde Tüten ausgegeben", erzählt Hagen und lacht. Eine weitere Erfahrung vom Markt: "Alles landet schneller in Tüten, als man schauen kann. Man muss dem Verkäufer Bescheid geben."

Gesucht werden: Zahnbürsten aus Holz

Die Kunststoff-Vermeidung beim Einkauf klappt also gut, auch Mann Tobias ist schon sensibilisiert. Was sie bereits an Plastikgegenständen im Haushalt hat, will Isabelle Hagen aber weiter benutzen. "Das rauszuhauen, wäre umweltmäßig ja auch schlecht." Also kann sie in Ruhe abwarten, bis sie Frischhaltedosen aus Glas und Zahnbürsten aus Holz findet. Überhaupt das Zähneputzen: "Das Zahnpulver ist nicht so toll", seufzt sie. Sie benutzt es aber doch immerhin jeden zweiten Tag, auch, weil das Natron darin die Zähne bleichen soll und das Kokosöl gut fürs Zahnfleisch ist. Sohn Quirin aber weigert sich strikt, damit zu putzen.

Der Plan für die kommende Woche: In München nach der Arbeit in den neuen verpackungsfreien Supermarkt "ohne" gehen, wo es alles offen gibt, auch Nudeln und Reis. Hagen hofft, dort vielleicht auch Haarseife zu bekommen. Generell will sie entspannt und flexibel bleiben, und plastikfreie Dinge dort kaufen, wo sie ohnehin vorbei kommt.

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