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Schlauchboote auf der Isar:Regeln im Fluss

Isar Stromschnellen Kajak Kanu Schlauchboot

Die Isar soll zukünftig weniger als Eventarena dienen.

(Foto: Manfred Neubauer)

An der Isar wird es Verbote geben. Was den Bürgern besonders wichtig ist, will das Landratsamt mit einer Online-Befragung herausfinden. Umweltschützer wollen darauf nicht warten und stellen Hinweisschilder auf.

Von Claudia Koestler

Die Sommersonne brennt an diesem Augusttag unerbittlich. Wer an solchen Tagen unterwegs ist, kennt nur einen Gedanken: Abkühlung. Das gilt auch für die vier jungen Männer, die an diesem Nachmittag an der B 13 hinter Lenggries aus einem Auto mit Münchner Kennzeichen steigen. Sie holen aus dem Kofferraum keine gekühlten Getränke, sondern quietschbuntes Plastik und eine große Pumpe. Was sie vorhaben ist klar: ihr Schlauchboot aufblasen und dann mit ihm auf der Isar nach Bad Tölz oder gar über Icking und Schäftlarn bis München treiben, samt Bierkästen im Beiboot. Ein spritziges Vergnügen, mit extremen Ausmaßen. "Die Isar mutiert immer mehr zu einer Eventarena", sagt Karl Probst, Vorsitzender des Vereins "Rettet die Isar jetzt".

Die Obere Isar gilt als einer der letzten weitgehend unberührten Wildflüsse Mitteleuropas. Doch mehr und mehr Gewässer-Touristen, vom Freizeitkapitän bis zu professionellen Rafting-Anbietern, suchen an ihr, in ihr oder auf den Kiesbänken genau das, was sie durch ihre massenhafte Anwesenheit zugleich bedrohen: intakte Natur. Gleichzeitig verkennen viele die Gefahren des Wildflusses für sich und andere. Das belegten jüngst wieder gefährliche Rettungsaktionen von gekenterten Schlauchbooten bei Hochwasser. Aktuell sind die Pegelstände zwar rückläufig, dennoch führt die Isar noch kein Normalwasser. "Bootsfahrer müssen weiterhin mit viel Treibholz, Abflusshindernissen und einem veränderten Flusslauf rechnen", warnt Cornelia Breiter, Sachgebietsleiterin für Wasser und Boden im Landratsamt.

"Das Problem mit den Massen und der Kommerzialisierung wird immer ausufernder und schlimmer", bilanziert Walter Wintersberger, Kreisvorsitzender beim Landesbund für Vogelschutz (LBV). Er habe beobachtet, dass Wassertouristen in ihrem Boot Sportübungen machen und Kiesbänke zur Rast nutzen - auf denen geschützte Vögel in Ruhe brüten sollten. Auch Franz Steger, Sachgebietsleiter Umwelt im Landratsamt, registriert Verantwortungslosigkeit: "Inzwischen kursieren sogar schon Videoanleitungen, wie man bei frevelhaftem Verhalten am Fluss nicht erwischt wird", sagt er. "Wir werden um Einschränkungen nicht herumkommen", hatte Landrat Josef Niedermaier (FW) deshalb bereits im Frühjahr angekündigt.

Damit diese jedoch greifen können, müssten Freizeitsportler wissen, was sie dürfen und was nicht, betont Probst. Deshalb wird der Verein "Rettet die Isar jetzt" zusammen mit der LBV-Kreisgruppe und der Unteren Naturschutzbehörde tätig: Vier neue, große Hinweisschilder zeigen von nun an, wie man sich als Bootsfahrer auf der Isar zu verhalten hat, damit die Natur bei allem Abenteuer keinen Schaden nimmt. Am Mittwoch wurde das erste Schild unterhalb des Sylvensteinspeichers eingeweiht. Schließlich seien nicht alle, die ihre Freizeit an oder auf der Isar verbringen, "Umweltsäue", weiß Probst. Um aber die Spreu vom Weizen zu trennen, brauche es klare Grenzen und Regulierungen. "Wir sehen die Infotafeln als einen Baustein für die künftige Verordnung des Landratsamtes", sagt Probst. "Jetzt kann sich mit den Hinweisen keiner mehr auf Unkenntnis berufen."

An der Verordnung arbeite das Landratsamt gerade und setzt dafür auf eine völlig neue Methode, wie Steger sagt: "Wir wollen im Vorfeld ein umfangreiches Meinungsbild einholen und es auch als Anregung nutzen, welche Regulierungen sinnvoll sind - etwa eine zeitliche Beschränkung oder ein Verbot von Glasflaschen." Um Ideen der Bürger zu erfahren, setzt die Behörde auf eine Online-Befragung. Ein Fragebogen soll noch in diesem Sommer über die Homepage des Landratsamts abrufbar sein.

Neue Hinweistafel / Infotafel an der Isar für Bootsfahrer

Alle mit Schwimmwesten im Boot - das etwa fordern die Flussschützer auf den Hinweistafeln (v.l.): Bürgermeister Werner Weindl, Sabine Walter (Landratsamt), Isar-Ranger Kaspar Fischer, Franz Steger, Joachim Kaschek (beide Landratsamt), Heribert Zintl, Walter Wintersberger (beide LBV), Karl Probst, Franz Speer (beide Rettet die Isar jetzt) und Andrea Arends (LBV).

(Foto: Claudia Koestler)

Ursprünglich sei sein Isar-Verein die Idee mit den Informationstafeln an den Bootseinstiegen "recht hemdsärmelig" angegangen, sagt Karl Probst. Allerdings laufe bereits ein anderes Gemeinschaftsprojekt für den Wildfluss. Die Obere Isar ist Teil des Projekts "Alpenflusslandschaften" und damit von den bundesweiten Naturschutzbehörden als "Hotspot" definiert. Insgesamt sind deshalb bereits 40 Schilder entlang der Isar bis Schäftlarn geplant, die die biologische Vielfalt vor Augen führen und für achtsamen Umgang mit der Natur sensibilisieren sollen. "Kurioserweise gibt es im Verlauf der Hotspots eine Lücke, nämlich hier in Lenggries zwischen Bretonenbrücke und Schiebesperre", sagt Vogelschützer Wintersberger. Die vier neuen Schilder schließen diese Lücke. Sie stehen an den Bootseinstiegen unterhalb des Sylvensteinspeichers, vor der Radbrücke, am Parkplatz am Steinbockdenkmal und am Parkplatz vor dem Flecker Wehr. "Mehrere hundert Euro" haben sie laut Probst gekostet.

Zwei der Tafeln richten sich direkt an Bootsfahrer. Darauf werden die Bedeutungen der blauen Verbotsschilder erklärt und vier bedrohte Arten vorgestellt. Dazu gibt es einen Hinweis auf die Isarranger. "Früher musste keiner, der hier unterwegs war, damit rechnen, dass er kontrolliert wird. Das ist nun anders", sagt Probst und hofft: "Das diszipliniert auch." Heribert Zintl, Biologielehrer im Ruhestand, hatte als passionierter Vogelschützer bereits in den 1980er-Jahren erste Schilder aufgestellt. Dabei habe er die Erfahrung gemacht, dass viel über Kinder laufe: "Die haben dann den Erwachsenen erklärt, da sind Vögel, da darf man nicht stören." Deshalb wurden auf den neuen Schildern auch Informationen speziell für die Kleinen aufbereitet.

Erich Rühmer, Vorsitzender des Isartalvereins, lobt die Initiative: "Jeder Versuch, die Situation sicherer zu machen, ist begrüßenswert". Erst vor wenigen Tagen habe er auf der Isar in knapp zwei Stunden 150 Boote gezählt. "Da waren die abenteuerlichsten Gefährte dabei - von der Plastikinsel bis zum Schwan. Und kaum eines geeignet für einen Wildfluss, der obendrein gerade Hochwasser führte." Rühmer plädiert ebenfalls vehement für eine Verordnung, von der er sich konkrete Regeln erhofft: "Wenn Flößer wegen Hochwassers nicht fahren dürfen, muss das auch für Schlauchbootfahrer gelten." Zudem sollten Kinder unter zehn Jahren nicht ohne Schwimmwesten auf den Fluss dürfen. Rühmer plädiert auch für zweisprachige Hinweistafeln. Inzwischen werde die Isar nämlich auch bei internationalen Gästen immer beliebter.

© SZ vom 05.08.2017

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