Europawahl im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen Eine europäische Union der eigenen Art

Geboren in Deutschland, Großbritannien, Griechenland: Rhiannon, Karen und Jannis Moutafis.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Familie Moutafis vereint drei Staatsbürgerschaften in einfachen bis dreifachen Ausführungen

Von Konstantin Kaip

Im kleinen Weiler Neufahrn gibt es eine besondere europäische Union: die Familie Moutafis. Vater Jannis, 61, ist Grieche, Mutter Karen, 53, ist Engländerin. Ihre drei Töchter Rallou (25), Rhea (23) und Rhiannon (19) sind in Deutschland geboren und aufgewachsen. Die Jüngste hat voriges Jahr in Icking Abitur gemacht und bei der Bezirkstagswahl für die Linke kandidiert. Für einen Sitz haben die Stimmen nicht gereicht. Nun lebt Rhiannon in Passau, wo sie Geschichte studiert. Jetzt sitzt sie zum Gespräch mit den Eltern in deren Garten. Über ihr Smartphone hat sie ihre Schwestern per Videochat zugeschaltet: Rallou aus Berlin, wo sie ihre Masterarbeit im Fach Global Studies schreibt, und Rhea aus Paris, wo sie Physik studiert.

Vater Jannis und Mutter Karen haben jeweils die doppelte Staatsbürgerschaft, die Töchter drei Pässe. Auf die Möglichkeit brachte sie Rallou, als sie zwei Auslandssemester in Indien und Argentinien absolvierte. Der Einbürgerungstest sei nicht ohne gewesen, erzählt Karen Moutafis. Sie habe kurz erwogen, das Projekt hinzuschmeißen. Ihr Mann als Grieche könne eine deutsche Staatsbürgerschaft vielleicht gut brauchen, habe sie gedacht. Aber sie als Britin? Dann kam das Brexit-Referendum. Sie lacht: "Heute bin ich froh, dass ich das mit der Staatsbürgerschaft gemacht habe." Fühlt sie sich eher als Engländerin oder als Deutsche? Die 53-Jährige zuckt die Achseln: "Ich bin einfach ein Mensch. Am meisten Britin bin ich, wenn England Fußball spielt." Und wenn sie die Kommentare ihrer Landsleute im Internet lese, die mit schwarzem Humor auf skurrile Ereignisse reagierten. Für ihren Mann ist die doppelte Staatsbürgerschaft eine "rein behördliche Maßnahme", die ihm die Teilnahme an Landtags- und Bundestagswahl ermöglicht. "Es wäre für mich nie in Frage gekommen, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen, wenn ich die griechische hätte aufgeben müssen."

Jannis und Karen Moutafis haben sich 1986 bei einem Fest einer gemeinsamen Freundin in München kennengelernt, wo sie als Fremdsprachensekretärin arbeitete und er Elektrotechnik studiert hatte. Karen, die aus Reading in England stammt, war der Sprache wegen gekommen und wegen eines Jobs geblieben. Jannis, dessen Vater Gastarbeiter war, ist in Thessaloniki aufgewachsen und hat als Kind drei Jahre lang in Esslingen gelebt. Nach dem Abitur an einer deutschen Schule in Griechenland ging er zum Studium nach München, heute ist er als Fachjournalist für die IT-Branche tätig. Als die zweite Tochter unterwegs war, brauchte die Familie mehr Platz. 1994 zogen die Moutafis nach Neufahrn, wo sie sehr gerne wohnt. Karen, die als Fitnesstrainerin in Gelting arbeitet, wünscht sich nur manchmal, näher an ihrer 80-jährigen Mutter zu sein, die in Reading lebt.

Die Familie Moutafis ist eine besondere Mischung: auf der einen Seite die kulturelle Wiege Europas, die mit einer Finanzkrise zwischen angedrohtem Grexit und Euro-Rettungsschirm die Schattenseiten der EU aufgezeigt hat; auf der anderen der Inselstaat, der sich als einstiges Empire schon vor dem Brexit gerne vom continental Europe distanziert hatte; und als Mittelpunkt des Lebens Oberbayern im wirtschaftlich starken EU-Motor Deutschland, mit eigenen Regeln und einer Sprache, die auch die gemeinsame der Eltern ist. Die Töchter - Rallou und Rhea sind griechische Namen, Rhiannon ein keltischer - sprechen zudem perfekt Englisch, mit der Sprache ihres Vaters sieht es anders aus: Die Älteste sagt, sie spreche Griechisch "auf dem Niveau einer Sechsjährigen", Rhea kann sich bruchstückhaft unterhalten und Rhiannon "auf Griechisch schimpfen", wie sie sagt.

Die drei jungen Frauen sind mit den unterschiedlichen Kulturen ihrer Eltern aufgewachsen, waren in den Weihnachtsferien in England, wo die Menschen im Umgang eine Distanz pflegen, und über Pfingsten in Griechenland, wo "sich alle gleich immer abknutschen", wie Rhiannon sagt. Ihre Eltern bestätigen diese Klischees nicht: Karen redet viel und lebhaft, gestikuliert und lacht laut, während Jannis eher besonnen bleibt und mit ruhiger Stimme spricht. Der spezielle kulturelle Mix zeigt sich auch in der Küche der Familie. Karen schwärmt von den Kochkünsten ihrer Schwiegermutter, die diese glücklicherweise ihrem Sohn vermacht habe. Jannis könne eine ausgezeichnete Gemüse-Pita backen, sagt sie. Ihr Mann wiederum isst gerne Marmite, einen englischen Brotaufstrich mit Hefeextrakt. "Das schmeckt wie Maggi in Nutellaform", sagt er. "Aber ich liebe es."

Die Töchter haben am Ickinger Gymnasium ihr Abitur gemacht und dort - nach Anschlussschwierigkeiten in ihrem kleinen Dorf, wie sie sagen - rasch Freunde gefunden. Nun ist jede auf ihrem eigenen Weg. Auf eine nationale Identität wollen sich die drei nicht festlegen lassen. "Egal wo ich bin, ich bin eigentlich immer Ausländer", sagt Rhea. "Das ist einerseits gut, weil man sich überall anpassen kann. Es ist aber auch schlecht, denn man fühlt sich nirgendwo zuhause." Ihr Vater sieht das anders: "Heimat ist, wenn man lange genug an einem Ort wohnt, an dem man sich wohlfühlt. Für mich war das München, und jetzt ist es hier." Für Rhiannon ist Heimat mehr ein Gefühl. "Das habe ich zum Beispiel, wenn ich irgendwo Odel rieche", sagt sie, und ihre Eltern und Schwestern brechen in Gelächter aus. Dann erklärt Rhea, dass sie sich im Pariser Viertel Le Marais sehr wohlfühle und es sich vorstellen könne, dort zu bleiben. Und was ist mit den Heimatländern ihrer Eltern? "Ich liebe die griechische Mentalität", sagt Rhiannon. Aber das Land sei ihr zu heiß. Klima und Landschaft in England gefielen ihr besser. Rhea will nicht in Großbritannien leben, "weil da alle die ganze Zeit am Lügen sind". Wieder lachen die anderen. "Das heißt durch die Blume reden", sagt Mutter Karen.

"Man kann sagen, dass wir uns alle als Europäer sehen", fasst der Vater zusammen. Seine älteste Tochter möchte das nicht unterschreiben. "Mir liegen europäische Anliegen am Herzen", sagt Rallou. "Aber es gibt einiges in der EU, mit dem ich mich nicht identifizieren kann, zum Beispiel die abschottende Flüchtlingspolitik." Rhiannon sieht in Europa "schon einen gewissen Kulturraum, in dem ich zuhause bin". Über den Brexit schütteln alle nur den Kopf. "Das ist einfach eine Tragödie" sagt Karen, und ihre Töchter stimmen zu. Trotz britischer Staatsbürgerschaft durften sie nicht über Austritt oder Verbleib in der EU abstimmen, weil sie keinen Wohnsitz in Großbritannien haben. "Es ist bezeichnend, dass eine repräsentative Demokratie eine so folgenschwere Entscheidung in einem Referendum treffen lässt", findet Rhiannon.

Über die griechische Schuldenkrise wird im Hause Moutafis leidenschaftlich diskutiert. Die Griechenland-Politik der EU sehen die Familienmitglieder kritisch. "Ich kenne die Verhältnisse unten", sagt Jannis Moutafis. "Was hier berichtet wird, ist teilweise daneben." So sei das dritte Hilfsprogramm, das 2015 unter Regierungschef Alexis Tsipras initiiert wurde, "nicht unbedingt eine Rettung". In Wirklichkeit sei "ein überzogenes Girokonto durch eine überzogene Kreditkarte ersetzt" worden. Reah hält die Währungsunion für überdenkenswert. Ein "Europa der zwei Geschwindigkeiten" wäre für "langsamere Länder" wie Griechenland besser, glaubt sie. "Der Grundgedanke ist nicht schlecht. Schade, dass er jetzt von Rechtsextremen gehijacked wurde."

"Es ist ein Europa der Wirtschaft geworden und nicht mehr ein Europa der Menschen", sagt der Vater. Die EU sei für viele zu abstrakt geworden, findet Rhea - "zum Teil auch undemokratisch". Deshalb müsse sie sich ändern. "Wir wollen alle ein stabiles Europa", sagt Rhiannon. "Und das braucht auf jeden Fall Reformen." Zur Parlamentswahl Ende Mai wollen alle Familienmitglieder gehen, egal wo sie leben.

Die fünf diskutieren noch eine Zeitlang weiter und sparen nicht mit Kritik. Jannis und Karen betonen allerdings auch, dass die Europäische Union ihnen vieles erleichtert habe. Und der Vater sagt dann zum Abschluss noch einen versöhnlichen Satz: "Es ist eigentlich eine Fügung dieser EU, dass wir als Familie überhaupt existieren."